Büchergilde Leseprobe

Ein eigenes Zimmer

Virginia Woolf; Klaus Reichert (Herausgeber)

Papierformat: 11,8 x 18 cm, fester Einband, bedruckt, Fadenheft, 184 Seiten.
Aus dem Englischen von Heidi Zerning.
NR 15515X

Nachbemerkung (von Klaus Reichert)

A Room of One's Own und Three Guineas sind Virginia Woolfs berühmteste feministische Schriften. Das Adjektiv ist hier in Anführungszeichen gesetzt, weil VW selbst mit dem Wort ihre Schwierigkeiten hatte – in Three Guineas will sie es verbrannt wissen – und gegenüber den feministischen Strömungen der zwanziger und dreißiger Jahre in England wiederholt ihre eigenwillige und differenzierte Position herausarbeitete, und weil zweitens, umgekehrt, bis heute die Debatten nicht aufgehört haben, welcher Stellenwert innerhalb der Frauenbewegung den strittigen Thesen VWs zukomme.
In zahlreichen Essays hat sich VW ihr Leben lang mit der Geschichte – oder vielmehr, der Nicht-Geschichte – der Frauen beschäftigt. Sie hat die Schwierigkeiten, vor die schreibende Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft sich gestellt sahen, an Einzelfällen herausgearbeitet, hat unbekannte Frauen entdeckt, hat die bedeutende Rolle solcher Frauen freigelegt, die in den Literaturgeschichten nur als Anhängsel von Männern fungierten –Wordsworths Schwester Dorothy, Carlyles Frau Jane. Mit den eigenen Frauengestalten – mit Mrs Dalloway, mit Mrs Ramsay und Lily Briscoe in To the Lighthouse – hat sie Figuren porträtiert, mit denen die typische Rolle der Frau in der spätbürgerlichen Männergesellschaft sichtbar werden sollte. Welche Konsequenzen ließen sich daraus für eine politisch denkende und handelnde Person ziehen? War es sinnvoll, sich einer der existierenden Bewegungen anzuschließen, uneins und mit dem Hang zum Dogmatismus, wie sie waren? Sollte sie für den Biologismus optieren, für die starre Dichotomie der Geschlechter? VW entschied sich für einen eigenen Weg.
Im Oktober 1928 erschien Orlando, der Roman, der aus ihrer Liebesbeziehung zu Vita Sackville-West hervorgegangen war. Der Roman beginnt im elisabethanischen Zeitalter und endet in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Unterwegs durch die Zeiten ist aus dem Helden eine Heldin geworden; worauf es dabei aber ankommt, ist nicht die Ersetzung des Mannes durch eine Frau im Zeichen der Emanzipation, sondern es ist die Überwindung der Entgegensetzung von Männern und Frauen. Orlando entdeckt als Frau die männliche Anleihe in ihrer Psychophyse, ebenso wie der von ihr auserkorene Mann seine weiblichen Anteile entdeckt. Das ergibt also ein drittes Geschlecht, die Androgynie. Genau darauf wird A Room of Ones's Own hinauslaufen.
Wenige Wochen nach Erscheinen von Orlando hielt VW zweimal den (mehr oder weniger) gleichen Vortrag über Women and Fiction in Cambridge vor Studentinnen, am 20. Oktober 1928 im Newnham College, am 26. Oktober im Girton College. Zum ersten Vortrag reiste sie an mit ihrem Mann, der Schwester Vanessa und deren Tochter Angelica; zum zweiten erschien sie mit Vita Sackville-West – die Wahl der Begleitpersonen machte ihre gelebte Ambivalenz sichtbar. (Beide Anlässe zog VW dann im ersten Kapitel von A Room of One's Own zusammen.) Während der Arbeit am Vortrag wurde in London ein Prozeß vorbereitet: der Lesbenroman The Well of Loneliness von Redclyffe Hall war vom Innenminister beschlagnahmt worden und sollte wegen des Vorwurfs der Obszönität per Gerichtsurteil verboten werden. Obwohl VW das Buch entsetzlich fand, trat sie in öffentlichen Stellungnahmen – zusammen mit ihrem Mann, E. M. Forster und anderen – dafür ein: im Namen der Freiheit der Kunst, des Rechts auf freie Meinungsäußerung, aber eben auch angesichts der Chancenlosigkeit von Frauen vor den männlich geführten Gerichtshöfen. Es war nicht zuletzt dieser Prozeß, der ihren Zorn mobilisierte und sie dazu bewog, mit grundsätzlichen Überlegungen zur Lage der Frau in der Gesellschaft und zu ihrer Rolle in der Literatur an die Öffentlichkeit zu treten. Der Cambridger Vortrag wurde vor dem Druck redigiert und erschien im März 1929 in der Zeitschrift Forum, New York (deutsch unter dem Titel >Frauen und erzählende Literatur<, (...). Noch im gleichen Monat beginnt sie mit der Ausarbeitung des Vortrags zu dem großen sechsteiligen Essay, der hier vorliegt. Schon im ersten Entwurf klingt der Grundgedanke an, der auch zum Titel des Ganzen führen wird: »Alles hängt (wenn man eine Frau ist) davon ab, daß man eigenes Geld und ein eigenes Zimmer besitzt.« In vieler Hinsicht konnte VW bei ihrem Essay auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, ohne daß sie das ausdrücklich sagt: auch sie teilte das Schicksal der Töchter gebildeter Männer (wie sie später in Three Guineas genannt werden): sie wurde zu Hause gehalten und durfte weder Schule noch Universität besuchen; das einzige, was für ihre Bildung ausgegeben wurde, waren Griechischstunden, die sie sich erkämpft hatte. Als sie nach dem Tod des Vaters mit der Schwester und den beiden Brüdern, die natürlich die Privilegien großbürgerlicher Erziehung genossen hatten, eine Wohnung im bohemehaften Stadtteil Bloomsbury bezog und ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben zu führen begann, war das ein gesellschaftlicher Skandal.
In A Room of One's Own greift VW auf ihre eigene, erzhählerisch-essayistische, nie eifernde Weise eine ganze Reihe unterschiedlicher Fragen auf. Im ersten, atmosphärisch sehr dichten Kapitel in Oxbridge (die Namenszusammenziehung stammt aus Thackerays History of Pendennis, die in Three Guineas eine Rolle spielen wird) beschreibt sie das Mißverhältnis von männlicher und weiblicher Universitätsausbildung, das sie an scheinbar so nebensächlichen Dingen wie dem Essen oder dem Verbot, auch nur den Rasen der Männercolleges zu betreten, festmacht. Im zweiten Kapitel studiert die Erzählerin im Lesesaal des Britischen Museums die Literatur über Frauen, die fast ausschließlich von Männern geschrieben ist. In weiteren Kapiteln untersucht sie die Möglichkeiten weiblichen Schreibens im Laufe der Jahrhunderte. Besonders eindrücklich ist hier die Erfindung einer Schwester Shakespeares: Hätte Shakespeare eine Schwester gehabt – Judith nennt sie VW –, begabt und mittellos wie er, welche Chancen hätte sie gehabt? Keine, da ihr der Beruf der Schauspielerin versperrt war, und sie wäre bestenfalls im Bordell gelandet. In weiteren Kapiteln macht VW sich Gedanken, wie weibliches Schreiben heute aussehen könnte und sollte. Es dürfte keinerlei thematische Tabus mehr geben – die behutsam angedeutete lesbische Beziehung in einem ausgedachten Roman wird genannt –, es dürfte aber auch nicht aus Zorn oder Ressentiment heraus geschrieben werden, vielmehr gelassen, selbstbewußt, die Gleichwertigkeit der Geschlechter im Blick, die am Ende zur androgynen Utopie verschmilzt.
VW hat A Room of One's Own sehr schnell geschrieben. Wie immer kommen ihr gegen Ende des Schaffensprozesses die Selbstzweifel. So hält sie am 19. August 1929 im Tagebuch fest, »daß ich, auf Gedeih und Verderb, gerade die letzte Korrektur an Women & Fiction, oder a Room of One's Own angebracht habe. Ich werde es vermutlich nie wieder lesen. Gedeih oder Verderb? Es hat etwas Nervöses, meine ich: man spürt, wie sich etwas aufbäumt & losgaloppiert, obwohl vieles darin, wie meistens, verwässert & dünn ist, & zu hochtrabend.« Am 23. Oktober, einen Tag vor der Veröffentlichung, schreibt sie im Tagebuch: »Ich werde jetzt hier meine Eindrücke zusammenfassen, bevor A Room of One's Own erscheint. Es hat etwas Ominöses, das Morgan es nicht rezensieren will. Es läßt mich vermuten, daß es einen schrillen weiblichen Tonfall hat, der meinen nahen Freunden mißfallen wird. Ich sage also voraus, daß ich keine Kritik, außer in der ausweichenden scherzhaften Art, von Lytton, Roger & Morgan bekommen werde; daß die Presse liebenswürdig sein wird & von seinem Charme reden wird, & seiner Lebendigkeit; auch wird man mich als Feministin angreifen & als Sapphistin verdächtigen; Sibyl wird mich zum Lunch einladen; ich werde eine Menge Briefe von jungen Frauen bekommen. Ich befürchte, man wird es nicht ernst nehmen. Mrs Woolf ist eine so vorzügliche Schriftstellerin, daß alles, was sie schreibt, sich leicht liest ... diese sehr weibliche Logik ... ein Buch, das in die Hände von Mädchen gehört. Ich bezweifle, daß mir das sehr viel ausmacht. The Moths; aber ich denke, es wird die Wellen sein, schleppt sich langsam voran; & ich kann mich daran halten, wenn ich von dem anderen gedämpft werde. Es ist eine Bagatelle, werde ich mir sagen; das ist es auch, doch ich schrieb es mit Leidenschaft und Überzeugung.« Als A Room of One's Own herauskam, steckte VW längst tief in ihrem nächsten Roman "The Moths", der im Oktober 1931 unter dem Titel The Waves erschien, ein Gewebe aus Stimmen, die in ihrer Vereinzelung und Melancholie nichts mehr vom Rausch des Orlando oder der androgynen Utopie spüren lassen. Aber die Frauenfrage, mit dem Anspruch einer differenzierten Analyse ihrer Aspekte und mit der Absicht praktischer Veränderung, ließ sie nicht los.
A Room of One's Own wurde in einer ersten Auflage von 3040 Exemplaren (gleichzeitig in den USA 4000 Exemplare) gedruckt. Bis Dezember mußte es dreimal nachgedruckt werden (insgesamt 12 150 Exemplare allein in England). Die Aufnahme des Buches in der Presse war im großen und ganzen sehr freundlich. Auf einige kritische Einwände und Unterstellungen reagierte VW, gegen ihre Gewohnheit, mit Leserbriefen.

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