Büchergilde Leseprobe

Die Rache der Mercedes Lima

Arnoldo Gálvez Suárez; Ilija Trojanow (Herausgeber)

Papierformat: 12x18,5, 336 Seiten.
NR 169541

Die Rache der Mercedes Lima

Arnoldo Gálvez Suárez; Lutz Kliche (Übersetzer); Ilija Trojanow (Hrsg.) 

Deutsche Erstausgabe. Aus dem guatemaltekischen Spanisch von Lutz Kliche, geprägter fester Einband mit angeschnittenem Schutzumschlag, Lesebändchen, 336 Seiten, Umschlaggestaltung von Thomas Pradel

NR 169541

 

[...]


Ich traf Mercedes Lima im Supermarkt. Ihr Name und ihr Gesicht hatten in meiner Erinnerung überdauert, obwohl mehr als zwanzig Jahre vergangen sind, seit wir sie das letzte Mal gesehen haben, kurz bevor Vater umgebracht wurde. Erinnerst du dich noch an sie, Daniel? Du wärst überrascht, wenn du sie sehen würdest. Es ist unglaublich, wie wenig sie sich verändert hat.Wenn ich neun Jahre alt war, als unser Vater starb – du warst gerade sieben geworden –, dann muss sie so um die siebzehn, achtzehn gewesen sein. Das heißt, sie ist jetzt knapp über vierzig. In dem Moment, als ich sie da vor der Fleischtheke sah und wiedererkannte, sprach ich ganz automatisch und, ich glaube, ziemlich laut ihren Namen aus: Mercedes Lima. Und aus meiner Erinnerung tauchten plötzlich Bilder auf: du und ich, wie wir mit ihr am Boden liegen und spielen. Findest du es nicht seltsam, Daniel, dass wir uns nie gemeinsam an diese Dinge erinnert haben? Dass wir niemals in diesen zwanzig Jahren über unseren Vater geredet haben, über seine Ermordung? Wir hätten das zum Beispiel während der Beerdigung von Mutter tun können, doch du, daran brauche ich dich nicht zu erinnern, warst ja erst gar nicht erschienen. Ich kann verstehen, dass Mutter beschloss, nicht mehr über ihn zu reden, sie mag genügend Gründe gehabt haben, die ihr zwanzig Jahre währendes Schweigen rechtfertigen. Wir jedoch, Daniel, haben keinen einzigen.


Ich näherte mich Mercedes Lima langsam, ohne nachzudenken, als wäre es sie selbst, ihr Körper, der mich gegen meinen Willen zu ihr hinzog. Ich hatte eigentlich nur Bier kaufen wollen und bestellte schließlich ein Pfund Schinken, nur um neben ihr stehen zu können. So nah, dass ich ihren Geruch wahrnehmen konnte. Die Beschaffenheit ihrer Haut erkennen konnte. Sie muss gespürt haben, dass ich sie anstarrte, denn sie wandte sich um und sah mich mit ihren riesigen Augen so durchdringend an, dass aus meinem Mund unwillkürlich noch einmal ihr Name drang: Mercedes Lima. »Ja?«, fragte sie, und auf ihrem Gesicht schien eine Mischung aus Überraschung und Angst zu liegen. »Erinnern Sie sich nicht an mich?«, war das Einzige, was mir einfiel. Sie musterte mich, man merkte, dass sie sich anstrengte, mich zu erkennen. »Ich bin Alberto, Alberto Rodríguez. Der Sohn von Daniel Rodríguez Mena.« Ich hatte den zweiten Nachnamen noch nicht ganz ausgesprochen, als sich ihre Augen mit Tränen füllten. »Beto«, sagte sie, »ich kann es kaum glauben.« Sie fragte mich nach dir und unserer Mutter. Dabei erforschten ihre Augen die ganze Zeit mein Gesicht. Ich berichtete ihr, dass unsere Mutter gestorben war, erzählte von ihrem Krebs, ich glaube, ich erwähnte dabei zu viele Einzelheiten, denn ihre Augen wurden immer größer. Sie sagte, dass es ihr sehr leid tue, und schwieg wieder. »Und Sie, Mercedes?«, fragte ich, ohne zu wissen, welche Antwort ich erwartete. Doch sie überging meine Frage. »Ich habe euch sehr gemocht«, sagte sie. Dann dankte sie mir dafür, dass ich sie angesprochen hatte, sagte, es sei eine sehr angenehme Überraschung gewesen, mich wiederzusehen, und verabschiedete sich eilig. Sie nahm die Tüte mit den Würstchen, die ihr
die Verkäuferin über die Theke reichte, und ging weg, rannte fast, als würde sie vor mir fliehen. Während ich ihr hinterherblickte, stellte ich den Einkaufskorb mit dem Bier und dem Schinken auf den Boden und folgte ihr ohne klare Absicht. Ich sah, wie sie dem Angestellten an der Kasse zulächelte und aus ihrer alten Geldbörse einen Schein zog, wie sie dann ihre Einkaufstüte nahm und den Supermarkt verließ. Die gleißende Mittagssonne blendete sie, brannte auf ihr langes, schwarzes Haar. Ich folgte ihr, sah zu meinem Golf hinüber, den ich an der Ecke geparkt hatte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Nicht eine Sekunde lang dachte ich an Luisa, die mich bei ihren Eltern zum Mittagessen erwartete. Ich ließ mich einfach von Mercedes Limas Schritten mitziehen, die rasch den Morazán-Park durchquerte. Ich sah das, was sie sah: den hellen Januarmittag, das Licht, das durch die Wipfel der alten Araukarien fiel, Kinder, die verschwitzt umherliefen und die letzten Stunden des Wochenendes genossen, alte Männer mit Zigaretten in den eingefallenen Mündern und Hunde: Hunde, die im Müll herumschnüffelten, Hunde, die sich den Hintern leckten, räudige Hunde, die so reglos dalagen wie eine Sphinx. Mercedes Lima ließ den Park hinter sich und ging über die Straße. In der Hand, in der sie die Geldbörse trug, hielt sie auch die Tüte mit den Würstchen. Auf der anderen Straßenseite blendete die Sonne sie erneut. Dann blendete sie auch mich. Ich hielt die Hand schützend über die Augen und konnte sehen, wie sie in einer dieser engen Gassen verschwand, die sich wie kleine Schluchten um den Morazán-Park herum öffnen. Ich blieb stehen, ging nicht in die Gasse hinein, Daniel, denn dort hätte ich keine Möglichkeit gehabt, mich zu verstecken. Ich verbarg mich lieber an der Ecke hinter einem Strommast und beobachtete, wie sie vor einer Tür anhielt und aus ihrer Börse einen Schlüsselbund zog. Dort wohnte sie also. Hat sie dort immer schon gewohnt? Auch schon vor mehr als zwanzig Jahren, im Schutz dieser von der Zeit und der Feuchtigkeit und den Abgasen geschwärzten Mauern, hinter diesem Fenster mit den rostigen Gitterstäbenund dem gesprungenen, moosbewachsenen Holzrahmen? Wohnte sie dort schon, bevor unser Vater beschloss, sie für ein paar Tage zu uns nach Hause einzuladen? Sie wandte sich um. Sah mich. Ich bin sicher. Ihr Blick traf meinen für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie in der Dunkelheit des Hauses verschwand. Im Laufschritt hastete ich über die Straße zurück und durch den Park, die Blicke der Hunde, der alten Männer und Kinder, den Januarmittag und wieder in den Supermarkt hinein. Meine Beine zitterten, Daniel, und auch die Hände, der Schweiß lief mir in Strömen über den Rücken. So sehr, dass ich eine Weile vor dem Kühlregal mit dem Bier stehen blieb, in der kalten Luft, die mir entgegenströmte.

Das alles geschah an einem Sonntag, dem Wochentag, an dem wir immer mit Luisas Eltern zu Mittag essen. Wir waren früh angekommen, ich hatte den Golf schon vor dem Haus meiner Schwiegereltern geparkt, am Ende der Avenida Simeón Cañas, wo sie seit jeher wohnen und wo ich im Wohnzimmer zum ersten Mal Luisa geküsst habe. Da fiel mir ein, dass ich kein Bier gekauft hatte. Eine kleine Achtlosigkeit, ein winziger Fehler reichen aus, und die Welt steht Kopf, Wände stürzen ein, unter unseren Füßen brechen Erdspalten auf. Ich kaufte sonst immer das Bier im Laden gegenüber dem Apartmenthaus, wo ich mit Luisa wohnte, das war unser Beitrag zum Mittagessen. Doch diesmal hatte ich es vergessen, und Luisa bat mich inständig, noch einmal loszufahren und es zu besorgen. »Papa trinkt doch so gern ein Bierchen mit dir!«
»Aber in den Läden hier im Viertel gibt es sicher nicht das Bier, das er am liebsten trinkt.« »Warum fährst du dann nicht schnell zu dem Supermarkt gegenüber vom Morazán-Park?«

[...]

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