Büchergilde Leseprobe

Der Mann mit der Ledertasche

Charles Bukowski; Helge Leiberg (Illustrator); Thomas Pradel (Gestalter)

Mit 24 Abbildungen (Zeichnung, farbig), Schutzumschlag, Papierformat: 16,0 x 23,0 cm, Leinen, Fadenheft, 208 Seiten.
Aus dem Amerikanisch-englischen von Hans Hermann.
NR 164809

© Büchergilde Gutenberg
Frankfurt am Main, Wien und Zürich

Mit einem Fehler fing es an.
Es war kurz vor Weihnachten, und der Säufer, der ein Stückchen weiter oben am Berg wohnte und jedes Jahr dabei war, erzählte mir, daß sie so ziemlich jeden anstellten. Ich ging also hin, und bevor ich noch recht wußte, was los war, hatte ich diese Ledertasche auf dem Rücken und machte mich in aller Gemütlichkeit auf den Weg. Was für ein Job, dachte ich. Leicht! Sie gaben dir nur eine oder zwei Straßen, und wenn du gut damit fertig wurdest, gab dir der reguläre Briefträger eine weitere Straße oder du gingst zurück und der Kapo gab dir noch eine, aber du konntest dir einfach Zeit lassen und die Weihnachtskarten nacheinander in die Briefkästen stecken.
Ich glaube, es war an meinem zweiten Tag als Weihnachtsaushilfe, als diese dicke Frau herauskam und neben mir herging, während ich die Briefe austrug. Mit »dick« meine ich, sie hatte einen dicken Arsch und große Titten und war an all den richtigen Stellen dick. Sie schien ein bißchen verrückt, aber ich schaute mir einfach ihren Körper an und kümmerte mich nicht darum.
Sie redete und redete und redete. Dann kam es heraus. Ihr Mann war als Offizier auf irgendeiner abgelegenen Insel stationiert, und sie fühlte sich einsam. Sie verstehn schon, und wohnte ganz allein in diesem kleinen Haus, ein bißchen abseits von der Straße. »In welchem kleinen Haus?« fragte ich.
Sie schrieb die Adresse auf ein Stück Papier.
»Ich bin auch einsam«, sagte ich, »ich komm heute abend vorbei, dann können wir reden.«
Ich hatte zwar eine Puppe zu Hause, aber sie war die Hälfte der Zeit fort, irgendwo, und ich war tatsächlich einsam. Vor allem, wenn ich an diesen dicken Arsch neben mir dachte.
»Schön«, sagte sie, »bis heute abend.«
Sie war wirklich gut, gut im Bett, aber wie immer bei solchen Frauen verlor ich nach der dritten oder vierten Nacht das Interesse und ging nicht mehr zurück.

Aber ich sagte mir immer wieder, Herrgott, als Briefträger braucht man nichts anderes zu tun, als seine Briefe abzuliefern und mit der Hausfrau ins Bett zu steigen. Genau der richtige Job für mich, o ja ja ja. Und so machte ich die Prüfung und bestand sie, ging zur ärztlichen Untersuchung, bestand sie, und schon war es geschafft – ich war Aushilfsbriefträger. Am Anfang war es ganz leicht. Ich wurde zum West-Avon-Postamt geschickt, und es war genau wie an Weihnachten, nur die Frau fehlte. Jeden Tag rechnete ich damit, fertiggemacht zu werden. Aber es passierte nichts. Der Kapo war erträglich, und ich schlenderte durch die Gegend, hatte mal diese Straße, mal jene.
Ich hatte nicht mal eine Uniform, nur eine Mütze. Ich trug meine gewöhnlichen Kleider. So wie wir tranken, meine Puppe Betty und ich, war nie Geld für Kleider da.
Dann wurde ich ans Oakford-Postamt versetzt.
Der Kapo war ein Stiernacken namens Jonstone. Die brauchten Hilfe dort, und es war leicht zu sehen, weshalb. Jonstone trug mit Vorliebe dunkelrote Hemden – das roch nach Gefahr und Blut. Es gab sieben Aushilfen – Tom Moto, Nick Pelligrini, Herman Stratford, Rosey Anderson, Bobby Hansen, Harold Wiley und mich, Henry Chinaski.
Um fünf Uhr morgens mußten wir antreten, und ich war der einzige Trinker in der Mannschaft. Ich trank immer bis nach Mitternacht, und dann saßen wir da, um fünf Uhr morgens, und warteten auf Arbeit, warteten darauf, daß einer der Regulären anrief und sich krank meldete. Die Regulären meldeten sich gewöhnlich krank, wenn es regnete oder während einer Hitzewelle oder am Tag nach einem Feiertag, wenn es eine doppelte Ladung Post auszutragen gab.

Es gab vierzig oder fünfzig verschiedene Routen, vielleicht auch noch mehr, jeder Verteilerkasten war wieder anders, man konnte sie nie alle lernen, man mußte seine Post verteilt und in der Ledertasche haben, wenn um acht Uhr der Lastwagen losfuhr, und Jonstone ließ keine Entschuldigung gelten. Die Aushilfen sortierten ihre Zeitschriften an Straßenecken, ließen das Mittagessen aus und starben auf den Straßen. Jonstone ließ uns mit dreißig Minuten Verspätung anfangen, unsere Routen zu sortieren – und dabei wirbelte er in seinem roten Hemd auf dem Drehstuhl herum –: »Chinaski, Route 539!«
Wir fingen eine halbe Stunde zu spät an, und doch erwartete man von uns, daß wir die Post rechtzeitig sortierten und austrugen und beizeiten wieder zurückkamen. Und ein- oder zweimal in der Woche mußten wir, ohnehin schon fix und fertig von der Scheißarbeit, nachts durch die Stadt fahren und die Briefkästen leeren, und der Zeitplan, an den wir uns halten sollten, war unmöglich – so schnell konnte der Lastwagen gar nicht fahren. Man mußte bei der ersten Runde vier oder fünf Briefkästen auslassen, und wenn man sie dann bei der nächsten Runde öffnete, waren sie mit Post vollgestopft, und man stank und schwitzte, während man sich abmühte, sie in die Säcke zu stopfen. Ich wurde richtig fertiggemacht. Dafür sorgte schon Jonstone.

Die Aushilfen selber machten Jonstone dadurch erst möglich, daß sie seine unmöglichen Anordnungen ausführten. Ich konnte nicht verstehen, daß man einen Mann von so augenscheinlicher Grausamkeit in einer solchen Stellung hielt. Den Regulären war es gleich, der Mann von der Gewerkschaft war wertlos, und so schrieb ich an einem meiner freien Tage einen dreißigseitigen Bericht, schickte einen Durchschlag an Jonstone und ging mit dem Original hinunter zur Vertretung der Bundesregierung. Dort sagte mir eine der Schreibkräfte, ich solle warten. Ich wartete und wartete und wartete. Ich wartete eine Stunde und dreißig Minuten, bevor ich zu einem kleinen grauhaarigen Mann mit Augen wie Zigarettenasche geführt wurde. Er forderte mich nicht mal auf, Platz zu nehmen. Er fing an, mich anzuschreien, sobald ich den Raum betrat: »Sie sind ein verdammter Klugscheißer, nicht wahr?«
»Es wäre mir lieber, Sie würden mich nicht beschimpfen, Sir.«
»Verdammter Klugscheißer, Sie sind einer dieser Klugscheißer, die so vornehm tun und mit großen Worten um sich werfen!«
Er fuchtelte mit meinen Papieren in der Luft herum. Und schrie: »MR. JONSTONE IST EIN FEINER MANN!«
»Seien Sie nicht blöd. Er ist offensichtlich ein Sadist«, sagte ich.
»Wie lange sind Sie schon bei der Post?«
»Drei Wochen.«
»MR. JONSTONE IST SEIT DREISSIG JAHREN BEI DER POST!«
»Was hat denn das damit zu tun?«
»Ich sagte bereits, MR. JONSTONE IST EIN FEINER MANN!«
Ich glaube, der arme Kerl wollte mich tatsächlich umbringen. Er hat bestimmt mit Jonstone geschlafen. »Na schön«, sagte ich, »Jonstone ist ein feiner Mann. Vergessen wir die ganze verfickte Sache.« Dann ging ich und nahm den nächsten Tag frei. Ohne Bezahlung, versteht sich.

Als mich Jonstone tags darauf um fünf Uhr morgens sah, wirbelte er in seinem Drehstuhl herum, und sein Gesicht und sein Hemd hatten die gleiche Farbe. Aber er sagte nichts. Mir war es gleich. Ich hatte bis um zwei Uhr morgens gesoffen und Betty gevögelt. Ich lehnte mich zurück und machte die Augen zu.
Um sieben Uhr wirbelte Jonstone wieder herum. All die anderen Aushilfen hatten Arbeit bekommen oder waren zu anderen Postämtern geschickt worden, die Hilfe brauchten.
»Das ist alles, Chinaski. Nichts für Sie heute.«
Er beobachtete mein Gesicht. Scheiße, Mann, das machte mir doch nichts aus. Ich sehnte mich nur nach meinem Bett und etwas Schlaf. »Okay, Stone«, sagte ich. Unter den Briefträgern war er »Stone«, doch ich war der einzige, der ihn auch so anredete. Ich ging hinaus, das alte Auto lief gleich an, und schon bald war ich wieder bei Betty im Bett. »Hank! Wie schön!«
»Verdammt wahr, Baby!« Ich drückte mich an ihren warmen Arsch und war in 45 Sekunden eingeschlafen. (…)

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