Büchergilde Leseprobe

Der Butt

Günter Grass

Papierformat: 12x20, Leinen, Fadenheft, 704 Seiten.
NR 151480

Seiten 32-34

Gegen Ende des dritten Jahrtausends vor der Fleischwerdung des Herrn – oder wie ein Computer es ausrechnete, am 3. Mai 2211 vor unserer Zeitrechnung – es soll ein Freitag gewesen sein – an einem jungsteinzeitlichen Tag, bei Ostwind und unter Wolken in losem Verband geschah, was später aus Gründen patriarchaler Selbstherrlichkeit zum Märchen verfälscht wurde; das kränkt meine Ilsebill immer noch.
Jung war ich, aber schon bärtig. Am späten Nachmittag wollte ich meine dreifach verengte Korbreuse einholen, die ich am frühen Morgen, noch vor der ersten Stillzeit, ausgesetzt hatte. (Etwa dort war mein bevorzugter Fangplatz, wo später der beliebte Badeort Heubude mit der Straßenbahn, Linie 9, bequem zu erreichen war.) Meiner Zeichenkunst wegen wurde ich von Aua fürsorglich durch Nachstillen außer der Reihe bevorzugt. Deswegen sagte mein erster Gedanke, als ich den Butt in der Aalreuse sah: Den bringe ich Aua. Den soll sie, nach ihrer Art, mit feuchten Lattichblättern umlegen und in heißer Asche garen.
Da sprach der Butt.
Ich bin nicht sicher, ob mich seine schiefmäulige Ansprache mehr erstaunt hat als die platte Tatsache, einen breitgelagerten Butt in einer Aalreuse gefangen zu haben. Jedenfalls habe ich auf die Worte »Guten Tag, mein Sohn!« nicht mit der Frage nach seinem erstaunlichen Sprechvermögen geantwortet. Vielmehr wollte ich wissen, was ihn, den Plattfisch, bewegt haben mochte, sich durch alle drei Verengungen in eine Reuse zu zwängen.
Der Butt gab Auskunft. Von Anfang an belehrend, mit allwissender Überlegenheit und deshalb, trotz seiner kategorischen Punktumsätze, geschwätzig näselnd, professoral, wie von der Kanzel herab abkanzelnd oder penetrant väterlich: Er habe mit mir ins Gespräch kommen wollen. Nicht etwa dumme (oder sagte er damals schon) weibliche Neugierde sei sein Antrieb gewesen, sondern ein wohlbedachter Entschluß aus männlichem Willen. Schließlich gebe es einige über den jungsteinzeitlichen Horizont weisende Erkenntnisse, die er, der wissende Butt, mir, dem dumpfen, durch totale Weiberfürsorge kindlich gehaltenen Mann und Fischer vermitteln wollte. Vorsorglich habe er das baltische Küstenplatt zu sprechen gelernt. Viele Worte mache man hierzulande ja nicht. Ein armseliges, nur die Notdurft beendendes Gemaule. In relativ kurzer Zeit habe er sich den alles breitschlagenden Zungenschlag eingeübt. Schon könne er »Pomuchel« und »Ludrichkait« sagen. An Sprachschwierigkeiten werde der Dialog gewiß nicht scheitern. Doch auf Dauer empfinde auch er das Weidengeflecht als eng.
Kaum hatte ich ihn aus der Dreierreuse befreit und auf Sand sichergelegt, sagte er zuerst: »Danke, mein Sohn!« und dann »Natürlich weiß ich, welchen Gefahren mich mein Entschluß aussetzt. Mir ist bekannt, daß ich schmecke. Es hat sich herumgesprochen, auf wie verschiedene Weise eure durch Fürsorge herrschenden Weiber Plötze am Weidenspieß rösten, den Aal, den Hecht, den Zander, die handgroßen Flundern auf durchglühten Steinen braten oder meinesgleichen, wie jeden größeren Fisch, mit Blättern umlegt in heiße Asche betten, bis wir gar sind und dennoch saftig bleiben. Wohl bekomm's! Es schmeichelt, schmackhaft zu sein. Dennoch bin ich sicher, daß mein Angebot, dir, das heißt der Männersache für alle Zeit als Berater verpflichtet zu bleiben, meinen Küchenwert übersteigt. Kurzum: Du, mein Sohn, setzt mich wieder frei; ich komme, sobald du mich rufst. Dein Großmut verpflichtet mich, dich mit weltweit gesammelten Informationen zu versorgen. Schließlich ist meinesgleichen – in dieser und in verwandter Art – in allen Meeren, an allen Küsten zu Haus. Ich weiß, wie dir zu raten wäre. Rechtlos, wie ihr baltischen Männer gehalten werdet, wird euch mein Zuspruch notwendig sein. Du, ein Künstler, der in seiner Not Zeichen zu setzen versteht, der die bleibende, die vielsagende Form sucht, du wirst den vergänglichen Vorteil der Beute gegen mein zeitloses Versprechen abzuwägen wissen. Und was meine Glaubhaftigkeit betrifft, sei dir, mein Sohn, die Devise >Ein Mann – ein Wort!< als erster Lehrsatz vermittelt.«

Leseprobe ausdrucken

Fenster schließen