Büchergilde Leseprobe

Cabo de Gata

Eugen Ruge; Cosima Schneider (Umschlaggestalter)

Schutzumschlag, Lesebändchen, Papierformat: 12,5 x 20,5, fester Einband, bedruckt, Klebebindung, 208 Seiten.
NR 166895

1
Ich erinnere mich, wie ich innehielt, mitten in der Bewegung. Ich erinnere mich an den Geruch von Kaffee, genauer gesagt, an den Geruch des kleinen, arabischen Kaffeekochtopfs, den ich von meiner Mutter geerbt habe, und zwar daran, wie er von innen riecht, wenn er leer ist, an seinen Eigengeruch also, den er nach hundert- und tausendfachem Aufbrühen angenommen hat (und den ich nur notdürftig mit den Worten Metall und Kaffeesatz beschreiben kann, weil ich mich an Gerüche meist nur dann erinnere, wenn ich sie tatsächlich rieche).

Ich erinnere mich, sobald ich mir den Kaffeekochtopf vorstelle, an den Abdruck seines ornamentierten Messinggriffs in meiner linken Hand. Aber am deutlichsten erinnere ich mich an jene winzige (und vermutlich sinnlose) Handbewegung, nämlich daran, wie ich – tack-tack! – den Maßlöffel am Rand des Kaffeekochtopfs abschlug und innehielt, einen Atemzug lang, vielleicht nur eine Sekunde.

Ich erinnere mich an mein Erstaunen darüber, dass ich mich plötzlich so vorfand, hier in meiner Küche, in genau dieser Haltung, diesen Kaffeekochtopf in der Hand, mitten in dieser winzigen, vermutlich sinnlosen Bewegung, die ich – tack-tack – exakt so schon am Morgen zuvor ausgeführt hatte (und am Morgen vor dem Morgen zuvor), und einen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, es sei derselbe Morgen und ich sei derselbe, ich sei, wie die Untoten, dazu verdammt, das immer gleiche Verhängnis nachzuspielen: Im nächsten Augenblick würde ich, wie am Morgen zuvor (und am Morgen vor dem Morgen zuvor), auf nackten Füßen ins Bad gehen, würde kalt duschen, würde, noch während ich mir die Zähne putzte, zurück in die Küche gehen, um genau im Moment, da der Kaffee das erste Mal aufschäumte, das Gas runterzudrehen; ich würde mir mein Müsli aus Vierkornflocken, Apfel, Banane zusammenrühren, würde, den Kaffeekochtopf in der linken und die auf die Kaffeetasse getürmte Müslischüssel in der rechten Hand, zum Schreibtisch balancieren und den PC einschalten, würde, während ich das Müsli zu löffeln begänne, das raumschiffartige Hochfahren des Lüfters vernehmen, das Säuseln der Festplatte, das beflissene Rattern des Druckers, der nach kurzem Selbsttest seine Bereitschaft anzeigte, und ich würde, wie schon am Morgen zuvor (und am Morgen vor dem Morgen zuvor), vor dem Bildschirm sitzen und auf den ungerührt blinkenden Cursor starren und wissen, dass ich auch heute wieder nichts zustande bekäme.

Das Nächste, was ich erinnere, ist der Moment, da ich mir die alte Trainingshose und den löchrigen Kaschmirpullover(die Sachen, die ich am liebsten beim Arbeiten trug) vom Leib riss und meine Jeans überzog. Ich erinnere mich an den steifen Jeansstoff, und dass es mich Überwindung kostete, meinen noch schlafweichen Körper in diesen steifen Stoff zu zwängen.

Ich erinnere mich an die Verzweiflung und an die Wut, die ich dabei empfand, denn in Wirklichkeit ging es nicht um den Stoff, in Wirklichkeit ging es darum, dass ich meine Gewohnheiten über den Haufen warf, dass ich ein unausweichliches Ritual durchkreuzte, dass ich im Begriff war, die mir selbst auferlegte Arbeitsverpflichtung zu schwänzen. Meine Wut war diffus, richtete sich aber vor allem gegen meinen Vater, als wäre er schuld daran, dass ich seine Regelmäßigkeit nachlebte oder nachäffte, seinen maschinenhaften Lebensstil, seine roboterhafte Arbeitsweise, die umso schwerer zu ertragen war, als er damit Erfolg hatte.

Ich erinnere mich daran, dass draußen ein heißer Tag begann, genauer gesagt, ich erinnere mich, wie ich durch den Flur des Hinterhauses ging, in dem ich seit der Trennung von Karolin wohnte. Ich erinnere mich an die Kühle des Hausflurs und sogar, wenn ich jetzt im Geist die bunt bemalte Wohnungstür der im Erdgeschoss wohnenden Punks passiere, an den Geruch von abgestandenem Bier und Marihuana und an die lauwarme Luft, die mir durch die ewig offen stehende Haustür entgegenwehte. Ich erinnere mich an die stechende Sonne draußen vor dem Haus. Ich erinnere mich an die bräunliche Farbe des Asphalts.

Ich erinnere mich daran, dass ich sehr bald schwitzte, weil ich zu warm gekleidet war, vor allem aber erinnere ich mich an den auf meinem Rücken und auf der Stirn wieder erkaltenden Schweiß, als ich im Café Kohle (eigentlich: VEB Kohle und Energie) im Schatten der großen Kastanie saß und das Frühstücksangebot studierte.

Ich war der erste Gast. Eine Kellnerin ging mit einem Schüsselchen herum und wischte – ein Akt der Vergeblichkeit – die sperrmüllartigen Gartenmöbel ab, die ich damals, in den Jahren des Wandels, für eine Übergangslösung hielt, die sich inzwischen aber als eine Art Prenzlauer-Berg-Stil entpuppt haben. Ich habe vergessen, was ich auswählte (irgendein italienisches oder spanisches oder biologisches Frühstück), aber ich erinnere mich daran, dass die Kellnerin, die vermutlich BWL oder Politikwissenschaften studierte, mich siezte, und obwohl ich es sonst immer ein bisschen aufdringlich finde, wenn ich in Cafés wie dem Café Kohle geduzt werde, empfand ich das Sie  der Kellnerin an diesem Morgen als kränkend. An das Frühstück selbst habe ich keine Erinnerung, allenfalls an die Salatreste, die ich davon übrig ließ, oder an die Krümel auf der Tischplatte, und an diese erinnere ich mich auch nur, weil sich alsbald die Sperlinge daran zu schaffen machten. Ich weiß noch, dass ich eine Weile reglos am Tisch saß und die Sperlinge beobachtete. Sie näherten sich vorsichtig und zugleich hastig, rutschten mit ihren Krallenfüßchen auf der Tischplatte herum wie ungeübte Schlittschuhläufer, und ich weiß noch, dass ich den Gedanken bemerkenswert fand, dass diese Tiere, die sich ja im Übrigen hervorragend an das Stadtleben angepasst hatten, es vermutlich nie, auch nach Tausenden von Jahren nicht, lernen würden, sich, ohne auszugleiten, auf einer glatten Tischplatte zu bewegen.

(...)

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