Büchergilde Leseprobe

Beim Häuten der Zwiebel

Günter Grass

Papierformat: 12x21, Leinen, Fadenheft, 480 Seiten.
NR 157705

 

Seite 7-12

Die Häuter unter der Haut

Ob heute oder vor Jahren, lockend bleibt die Versuchung, sich in dritter Person zu verkappen: Als er annähernd zwölf zählte, doch immer noch liebend gern auf Mutters Schoß saß, begann und endete etwas. Aber läßt sich, was anfing, was auslief, so genau auf den Punkt bringen? Was mich betrifft, schon.
Auf engem Raum wurde meine Kindheit beendet, als dort, wo ich aufwuchs, an verschiedenen Stellen zeitgleich der Krieg ausbrach. Er begann unüberhörbar mit den Breitseiten eines Linienschiffes und dem Anflug von Sturzkampfflugzeugen über dem Hafenvorort Neufahrwasser, dem als polnischer Militärstützpunkt die Westerplatte gegenüberlag, zudem entfernter mit den gezielten Schüssen zweier Panzerspähwagen beim Kampf um die Polnische Post in der Danziger Altstadt und nahbei verkündet aus unserem Radio, dem Volksempfänger, der im Wohnzimmer auf dem Büfett seinen Platz hatte: mit ehernen Worten wurde in einer Parterrewohnung, die Teil eines dreistöckigen Mietshauses im Langfuhrer Labesweg war, das Ende meiner Kinderjahre ausgerufen.
Sogar die Uhrzeit wollte unvergeßlich sein. Ab dann herrschte auf dem Flugplatz des Freistaates, nahe der Schokoladenfabrik Baltic, nicht nur ziviler Betrieb. Aus den Dachluken des Mietshauses gesehen, stieg überm Freihafen schwärzlich Rauch auf, der sich unter fortgesetzten Angriffen und bei leichtem Wind aus Nordwest erneuerte.
Aber sobald ich mich an den fernen Geschützdonner der Schleswig-Holstein, die eigentlich als Veteran der Skagerrakschlacht ausgedient hatte und nur noch als Schulschiff für Kadetten taugte, sowie an die abgestuften Geräusche von Flugzeugen erinnern will, die Stukas genannt wurden, weil sie hoch überm Kampfgebiet seitlich abkippten und im Sturzflug mit endlich ausgeklinkten Bomben ihr Ziel fanden, rundet sich die Frage: Warum überhaupt soll Kindheit und deren so unverrückbar datiertes Ende erinnert werden, wenn alles, was mir ab den ersten und seit den zweiten Zähnen widerfuhr, längst samt Schulbeginn, Murmelspiel und verschorften Knien, den frühesten Beichtgeheimnissen und der späteren Glaubenspein zu Zettelkram wurde, der seitdem einer Person anhängt, die, kaum zu Papier gebracht, nicht wachsen wollte, Glas in jeder Gebrauchsform zersang, zwei hölzerne Stöcke zur Hand hatte und sich dank ihrer Blechtrommel einen Namen machte, der fortan zitierbar zwischen Buchdeckeln existierte und in weißnichtwieviel Sprachen unsterblich sein will?

Weil dies und auch das nachgetragen werden muß. Weil vorlaut auffallend etwas fehlen könnte. Weil wer wann in den Brunnen gefallen ist: meine erst danach überdeckelten Löcher, mein nicht zu bremsendes Wachstum, mein Sprachverkehr mit verlorenen Gegenständen. Und auch dieser Grund sei genannt: weil ich das letzte Wort haben will.
Die Erinnerung liebt das Versteckspiel der Kinder. Sie verkriecht sich. Zum Schönreden neigt sie und schmückt gerne, oft ohne Not. Sie widerspricht dem Gedächtnis, das sich pedantisch gibt und zänkisch rechthaben will.
Wenn ihr mit Fragen zugesetzt wird, gleicht die Erinnerung einer Zwiebel, die, gehäutet sein möchte, damit freigelegt werden kann, was Buchstab nach Buchstab ablesbar steht: selten eindeutig, oft in Spiegelschrift oder sonstwie verrätselt.
Unter der ersten, noch trocken knisternden Haut findet sich die nächste, die kaum gelöst, feucht eine dritte freigibt, unter der die vierte, fünfte warten und flüstern. Und jede weitere schwitzt zu lang gemiedene Wörter aus, auch schnörkelige Zeichen, als habe sich ein Geheimniskrämer von jung an, als die Zwiebel noch keimte, verschlüsseln wollen.
Schon wird Ehrgeiz geweckt: dieses Gekrakel soll entziffert, jener Code geknackt werden. Schon ist widerlegt, was jeweils auf Wahrheit bestehen will, denn oft gibt die Lüge oder deren kleine Schwester, die Schummelei, den haltbarsten Teil der Erinnerung ab; niedergeschrieben klingt sie glaubhaft und prahlt mit Einzelheiten, die als fontogenau zu gelten haben: Das unter der Julihitze flimmernde Teerpappendach des Schuppens auf dem Hinterhof unseres Mietshauses roch bei Windstille nach Malzbonbon ...
Der abwaschbare Kragen meiner Volksschullehrerin, das Fräulein Spollenhauer, war aus Celluloid und schloß so eng, daß ihr Hals Falten warf ...
Die Propellerschleifen der Mädchen sonntags auf dem Zoppoter Seesteg, wenn die Kapelle der Schutzpolizei muntere Weisen spielte ...
Mein erster Steinpilz ...
Als wir Schüler hitzefrei hatten ...
Als meine Mandeln schon wieder entzündet waren ...
Als ich Fragen verschluckte ...
Die Zwiebel hat viele Häute. Es gibt sie in Mehrzahl. Kaum gehäutet, erneuert sie sich. Gehackt treibt sie Tränen. Erst beim Häuten spricht sie wahr. Was vor und nach dem Ende meiner Kindheit geschah, klopft mit Tatsachen an und verlief schlimmer als gewollt, will mal so, mal so erzählt werden und verführt zu Lügengeschichten.

Als bei anhaltend schönem Spätsommerwetter in Danzig und Umgebung der Krieg ausbrach, sammelte ich ¿ kaum hatten die polnischen Verteidiger der Westerplatte nach vier Tagen Widerstand kapituliert ¿ im Hafenvorort Neufahrwasser, der mit der Straßenbahn über Saspe, Brösen in kurzer Zeit erreicht werden konnte, eine Handvoll Bomben- und Granatsplitter, die jener Junge, der anscheinend ich war, während einer Zeitspanne, in deren Verlauf der Krieg nur aus Sondermeldungen im Radio zu bestehen schien, gegen Briefmarken, farbige Zigarettenbilder, zerlesene wie druckfrische Bücher, darunter Sven Hedins Reise durch die Wüste Gobi, weißnichtwasnoch eintauschte. Wer sich ungenau erinnert, kommt manchmal dennoch der Wahrheit um Streichholzlänge näher, und sei es auf krummen Wegen.
Zumeist sind es Gegenstände, an denen sich meine Erinnerung reibt, das Knie wundstößt oder die mich Ekel nachschmecken lassen: Der Kachelofen ... Die Teppichklopfstangen auf den Hinterhöfen ... Das Klo in der Zwischenetage ... Der Koffer auf dem Dachboden ... Ein Stück Bernstein, taubeneigroß ...
Wem sich ertastbar die Haarspange der Mutter oder Vaters unter der Sommerhitze an vier Zipfeln geknotetes Taschentuch oder der besondere Tauschwert verschieden gezackter Granat- und Bombensplitter erhalten hat, dem fallen - und sei es als unterhaltsame Ausrede - Geschichten ein, in denen es tatsächlicher als im Leben zugeht.

Die Bilder, die ich als Kind und dann als Jugendlicher zu sammeln nicht faul war, gab es gegen Gutscheine, die in Päckchen steckten, aus denen meine Mutter nach Geschäftsschluß ihre Zigaretten klopfte. »Stäbchen« nannte sie die Teilhaber ihres mäßigen Lasters, das sie allabendlich bei einem Glas Cointreau zelebrierte. Bei Laune gelang es ihr, Rauchringe schweben zu lassen.
Die mir begehrenswerten Bilder gaben farbig die Meisterwerke der europäischen Malerei wieder. So lernte ich früh die Namen der Künstler Giorgione, Mantegna, Botticelli, Ghirlandaio und Caravaggio falsch aussprechen. Das nackte Rückenfleisch einer liegenden Frau, der ein geflügelter Knabe den Spiegel hält, war mir seit Kinderjahren mit dem Namen des Malers Velázquez verkuppelt. Unter Jan van Eycks »Singenden Engeln« prägte sich vor allen anderen das Profil des hintersten Engels ein; gern hätte ich Haare gelockt wie er oder Albrecht Dürer gehabt. Dessen Selbstbildnis, das in Madrid im Prado hängt, konnte befragt werden: Warum hat sich der Meister mit Handschuhen gemalt? Wieso sind seine seltsame Mütze und der rechte untere Pluderärmel so auffallend gestreift? Was macht ihn so selbstsicher? Und warum steht sein Alter - erst sechsundzwanzig zählt er - unterm gemalten Fensterbord geschrieben?
Heute weiß ich, daß ein Zigaretten-Bilderdienst in Hamburg-Bahrenfeld diese allerschönsten Reproduktionen gegen Gutscheine geliefert hat und - auf Bestellung - quadratische Alben. Seit mir alle drei dank meines Lübecker Galeristen, der in der Königstraße ein Antiquariat unterhält, wieder zur Hand sind, ist sicher, daß die im Jahr achtunddreißig erschienene Auflage des Renaissance-Bandes bis zum vierhundertfünfzigtausendsten Exemplar gedruckt worden ist.

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