EINE FASZINIERENDE REISE IN DIE WEITEN DES KOSMOS

 

 

 

 

Solaris

von Stanislaw Lem

 

 

 

Mit Illustrationen

von Anna Stähler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Solaris zählt zu den ganz großen Klassikern nicht nur der Science-Fiction, sondern der gesamten Literatur des 20. Jahrhunderts. Der Roman ist eine faszinierende Reise in die Weiten des Kosmos und in die Tiefen unserer Wünsche und Träume. Zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem gibt die Büchergilde eine aufwendig gestaltete, illustrierte Neuausgabe heraus.

 

 


 

 

An den Grenzen der Vorstellungskraft

Über Solaris scheinen zwei Sonnen, eine rote und eine blaue. Die gesamte Oberfläche des Planeten ist von einem geheimnisvollen Ozean bedeckt, von dem viele sagen, er sei ein lebendiges Wesen. Kris Kelvin macht sich in einer Raumkapsel auf den weiten Weg von der Erde zu Solaris. Wie viele WissenschaftlerInnen vor ihm will er hinter das Geheimnis des Himmelskörpers kommen. Doch als er in der Forschungsstation eintrifft, warnen ihn seine Kollegen vor einer rätselhaften Gefahr.

 

So beginnt der Roman Solaris des berühmten polnischen Schriftstellers Stanislaw Lem, der vor 100 Jahren in Lemberg, dem heutigen ukrainischen Lwiw, geboren wurde. Er ist einer der bekanntesten und meistgelesenen Science-Fiction-Autoren, sogar ein Asteroid wurde nach ihm benannt. Doch Lem wehrte sich dagegen, in die Genre-Schublade gesteckt zu werden. Aus gutem Grund: Bis heute wird Science-Fiction oft zu Unrecht mit billiger Unterhaltung assoziiert. Auch der große sowjetische Regisseur Andrei Tarkowski, dessen Verfilmung von Solaris in die Filmgeschichte einging, betont deshalb, dass mehr in Lems Text steckt: „Der geistige Horizont des Romans hat nichts mit der Gattung Science-Fiction gemein. Solaris nur wegen des Genres zu schätzen würde dem Gehalt nicht gerecht.“

 

Lems Schreiben zeichnet sich durch eine reiche literarische Sprache und philosophische Tiefe aus. Solaris ist ein faszinierender und ungewöhnlicher Roman über Leben auf fernen Planeten, das ganz anders ist als die typischen Darstellungen von Außerirdischen aus Literatur und Film, die oft Menschen oder Tiere zum Vorbild haben. Der Ozean auf Solaris sprengt die menschliche Vorstellungskraft. Er hat nichts mit dem gemein, was wir als Lebewesen kennen, und trotzdem spricht alles dafür, dass er eines ist. Lem interessiert vor allem, wie die Menschen auf dieses Phänomen reagieren, und thematisiert dabei ganz grundsätzliche Fragen: Wie nähern wir uns etwas, das uns fremd ist? Wie gehen wir mit dem um, was wir nicht verstehen?

Im Roman wird der Planet Solaris nach seiner Entdeckung jahrzehntelang untersucht und analysiert. Die Menschen fürchten und romantisieren ihn, für einige wird er zur Ersatzreligion. ForscherInnen haben unzählige Hypothesen über den Planeten aufgestellt, und mit der Solaristik ist ein eigener Zweig der Wissenschaft entstanden. Während es den meisten um Erkenntnis geht, haben es sich einige natürlich auch zum Ziel gesetzt, die Energie des Ozeans nutzbar zu machen. Die Forschergruppe um Kris Kelvin versucht, Kontakt mit dem Ozean aufzunehmen, wozu sie immer radikalere Versuche durchführen.

 

Neben dem Psychologen Kelvin sind bereits der Kybernetiker Snaut und der Physiker Sartorius auf der Station. Bei seiner Ankunft erfährt Kelvin, dass sich ein weiterer Kollege kurz zuvor das Leben genommen hat, und auch die verbliebenen Forscher machen auf ihn einen besorgniserregenden Eindruck, als hätte der Wahnsinn die gesamte Station ergriffen. Es dauert nicht lange, bis Kelvin selbst erfährt, was die anderen in Schrecken versetzt hat: Sie sind nicht allein auf der Station. „Gäste“ tauchen auf, eine Frau, ein Kind – und Kelvins tote Frau Harey. Sie zu sehen konfrontiert Kelvin mit seinen Schuldgefühlen und unterdrückten Wünschen. Er ist erschüttert und sucht nach Erklärungen: „Der Gedanke, ich sei verrückt geworden, beruhigte mich.“ Ist das Ganze nur ein Traum? Oder vielleicht die ersehnte Kontaktaufnahme durch den lebendigen Ozean?

 

 

Die Suche nach Erklärungen für das seltsame Phänomen, das die LeserInnen tief in die menschliche Psychologie eintauchen lässt, ist im Roman wie ein Puzzle aufgebaut. Wie Kelvin und die anderen Forscher will man das Geheimnis der „Gäste“ und des Ozeans entschlüsseln. Für die Science-Fiction-Ikone Ursula K. Le Guin, die das Vorwort zu Solaris verfasst hat, ist Lem ein „unverschämt guter Erzähler“, der nicht nur ein großes Gespür hat „für die gesellschaftlichen Implikationen seiner Geschichten“, sondern auch „alle Tricks nutzt“, um Spannung bei den LeserInnen zu erzeugen. Er schafft eine „Atmosphäre von Verwirrung, Geheimnis, Widersprüchen“. Auch am Ende ist längst nicht alles geklärt. „Der Roman führt vor, wie das menschliche Verständnis außerstande ist, letzte Erkenntnis zu erlangen“, schreibt Le Guin.

 

„Die rote Sonne war schon hinter dem Horizont verschwunden, und die schaumgekrönten Wellen verschwammen zu tintiger Wüste. Der Himmel loderte. Über dieser zweifarbigen, unbeschreiblich trostlosen Landschaft fluteten Wolken mit lilafarbenem Saum.“


Aus: Solaris


Solaris ist auch eine messerscharfe Kritik an der Wissenschaft. Lem überzeichnet und parodiert die Rituale des akademischen Betriebs und kritisiert vor allem den Unwillen und die Unfähigkeit, über die etablierten Kategorien hinauszudenken. Er führt vor, wie immer wieder versucht wird, Solaris mit menschlichen Begriffen zu fassen und Analogien herzustellen, also zum Beispiel bestimmte Phänomene, die im Ozean beobachtet werden konnten, als seine Sinnesorgane oder Gliedmaßen zu deuten. Diese Versuche sind zum Scheitern verurteilt, denn „letztlich können keinerlei Termini wiedergeben, was auf der Solaris vorgeht“.

Es ist Lems poetische Sprache, die Worte findet, die uns immerhin eine Ahnung davon geben. Da ist zum Beispiel die „Symmetriade“, eine der Erscheinungen, die der Ozean regelmäßig produziert und der „nichts Irdisches ähnlich“ ist. Über mehrere Seiten ziehen sich die faszinierenden Beschreibungen dessen, was sich eigentlich nicht beschreiben lässt: „Um hier irgendetwas wirklich zu sehen, müsste man weglaufen, in irgendeine ungeheure Ferne zurücktreten – aber in der Symmetriade ist ja alles Innenraum, Vermehrung, die Lawinen von Geburten auswirft, unaufhörliche Gestaltung, wobei die Gestaltung zugleich das Gestaltende ist“.

Solaris fordert unsere Vorstellungskraft heraus und macht Lust auf das Unbekannte. Gleichzeitig kritisiert der Roman diejenigen, die nicht bereit sind, sich auf etwas einzulassen, das jenseits ihrer Imagination liegt. Denn in der Zukunft, die der Roman beschreibt, würden viele das Unbekannte lieber zerstören, statt zu akzeptieren, dass nicht alles begriffen und beherrscht werden kann. Kelvins Kollege Snaut ist enttäuscht von dieser Menschheit, die selbst in den Weiten des Kosmos nichts Neues entdecken will: „Menschen suchen wir, niemanden sonst. Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen. Es genügt unsere eine, und schon ersticken wir an ihr.“

 

Sind die „Gäste“, denen die Forscher auf der Raumstation begegnen, nun das Fremde oder der ersehnte Spiegel, mit dem die Menschen weit weg von der Erde zurück zu sich selbst finden? Diese Frage faszinierte die LeserInnen von Solaris schon, als vor sechzig Jahren die Erstausgabe des Romans in Polen erschien. „Fragen zu stellen, die gestellt werden müssen, aber nicht beantwortet werden können, Bilder zu schaffen, die man weder vergessen noch erklären kann – das ist das Privileg der mutigsten Künstler“, schreibt Ursula K. Le Guin über den Roman.

Ergänzt wird Lems faszinierender Text durch Anna Stählers Illustrationen. Ihre Schwarz-Weiß-Bilder zeigen wellenartig verschwimmende Räume, die sowohl an das Wogen des Ozeans als auch an die Verwirrung eines Labyrinths erinnern. „Die Neugier, die Kelvin immerzu vorantreibt des Rätsels Lösung zu finden, waren Ansatz für das Illustrationskonzept“, sagt Stähler dazu. „Beim ersten Lesen bekam ich selbst diese Neugier und den Drang, mich in der rätselhaften Station zurechtfinden zu wollen. Ich war gespannt, was mich in den Korridoren und hinter den unzähligen Türen erwartet.“ Sie hat sich bewusst gegen typische Darstellungen von Raumschiffen oder Raumstationen entschieden. „Für mich ergab sich eine eigene Konstruktion der Station aus verzerrten räumlichen Perspektiven und organischen Formen.“ Die BetrachterInnen werden mit dem Rätselhaften des lebendigen Ozeans konfrontiert, der seine Wirkung auch innerhalb der Raumstation entfaltet.

Die Illustrationen finden sich an den Stellen im Roman, wo bestimmte Räume einen Wechsel des Geschehens ankündigen. „Oftmals sind es Türen, die einen Spalt geöffnet sind und dazu einladen, Geheimnisse in den hinter ihnen liegenden Räumen zu entdecken.“ Diese Türen bedeuten für Stähler „nicht nur die Begrenzung eines Raums, sondern auch die Grenze der Innen- und Außenwelt, von Traum und Realität und ein Zugang zu Vergangenem, Unbewusstem und Unbekanntem“. Dass sich in den Illustrationen auch einige Gegen- stände finden, die man eher auf der heutigen Erde als auf einer Raumstation der Zukunft vermuten würde, ist ein Hinweis darauf, dass die Themen von Lems Roman zeitlos sind. Solaris ist ein eindrucksvolles Beispiel, wie uns die Imagination des weit entfernten Außerirdischen tief in die Fragen des Menschseins führt. Es ist, wie Snaut sagt: „Über ihn“, den Ozean, „werden wir kaum etwas erfahren, aber vielleicht über uns …“

 

 

Text von Norma Schneider

Sie ist freie Lektorin und Journalistin, und hat eine Schwäche für Literatur aus Russland und Osteuropa – und für gute Science-Fiction.