NEUES AUS DER BÜCHERGILDE

 

 

Klassikerinnen lesen: Dorothy Parker & Josephine Tey

 

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen unsere beiden neusten Klassikerinnen und ihre Bücher vor: Dorothy Parker mit ihren Liebesgedichten im Band Denn mein Herz ist frisch gebrochen und "die schottische Agatha Christie" Josephine Tey mit ihrem Kriminalroman Nur der Mond war Zeuge.

 

Zwei bemerkenswerte Entdeckungen, die großen Lesespaß versprechen.

 

Bittersüße Bonmots

Jasmin Humburg über Denn mein Herz ist frisch gebrochen

 

Dorothy Parker schrieb sich mit einer Mischung aus Schwermut und Schnoddrigkeit in die Geschichte der US-amerikanischen Literatur ein. Im Gedichtband Denn mein Herz ist frisch gebrochen kann man ihre pointierten Glanzstücke in deutscher Übersetzung genießen.

Dorothy Parker kannte sich mit turbulenten Zeiten aus. Ihre Karriere begann als Theaterkritikerin im New York der goldenen Zwanziger, bald verfasste sie selbst Stücke, Kurzgeschichten und Gedichte und stieg zur urbanen Kultfigur auf. Da sie sich stets gegen die männlichen Vertreter der schreibenden Zunft durch- setzen musste, war sie nicht nur sehr umtriebig, sondern schrieb auch gern so ehrlich, wie sie sprach. So manches Bonmot von Dottie, wie FreundInnen sie nannten, ließ die Augenbrauen der Anwesenden in die Höhe schnellen. Wenn sie sich nicht gerade hitzige Wortgefechte mit anderen New Yorker Kulturschaffenden in ihrem berühmten literarischen Zirkel, dem Algonquin Round Table, lieferte, tauchte sie in das schillernde Nachtleben der Stadt ein. Sie wusste ihre Freiheit zu schätzen und erlebte auf ihren Wegen nicht nur Liebe und Lust, sondern auch jede Menge Herzschmerz.

 

Bereits Parkers erste Gedichtbände Enough Rope und Sunset Gun, die ihr schon Ende der Zwanzigerjahre zu einiger Berühmtheit verhalfen, spiegeln ihren Stil sehr gut wider. Teilweise schreibt sie hoffnungslos romantisch und entlockt ihren LeserInnen geschickt ein schwärmerisches Lächeln, bevor sie im nächsten Gedicht zum Schlag ausholt und Herzen bricht. Oft vollzieht sie solche Wendemanöver sogar innerhalb eines Gedichts, in denen das Süße mit dem letzten Vers in etwas Bitteres, der Liebreiz in Spott oder die Tragik in luftige Heiterkeit verwandelt wird.

"Ein Lied ist das Leben,

es klingt und es singt,

Ein Medley aus Improvisina;

Und Liebe ist etwas,

das immer gelingt,

Und ich bin der Kaiser von China."

Aus: Denn mein Herz ist frisch gebrochen

 

Dabei unterscheiden sich Parkers Gedichte von der experimentellen Schreibkunst ihrer Zeitgenossen. Während dem US-amerikanischen Modernismus typischerweise der Sinn nach Neuschöpfungen stand, die es so noch nie gab, bleibt Dorothy Parker der gefühlsbetonten und sehr zugänglichen Lyrik ihrer Vorgängerinnen des 19. Jahrhunderts verbunden. Doch ihre Gedichte sind keineswegs angestaubt. Die sentimentale Basis und die traditionelle Form, bei der kaum jemals auf Metrum und Reim verzichtet wird, bekommen Parkers ganz eigenen Anstrich. Sie sind scharfzüngig und eindringlich, geistreich und sarkastisch, humorvoll und bissig. In genau diesem Spektrum liegt die besondere Qualität der Gedichte, die Dorothy Parker zwischen 1926 und 1944 verfasste. Sie destilliert das Verliebtsein, aber auch den Tod, sie nimmt sich gesellschaftlicher Ungleichheiten an (übrigens nicht nur auf dem Papier), aber sie versteht sich ebenso auf das gekonnte Platzieren von Pointen. Nicht umsonst diente sie vielen Frauen als emanzipiertes Vorbild.

 

In der feinen Übersetzung des Bandes Denn mein Herz ist frisch gebrochen von Ulrich Blumenbach kommen poetische Lichtblitze zur Geltung, wenn sich das lyrische Ich beispielsweise „herzmatt“ oder „mollgestimmt“ fühlt oder das „Abendsonnenfließen“ und den „Blinzelblick“ des Geliebten wahrnimmt. Die Lyrik dieser großen US-amerikanischen Dichterin hat nichts von ihrem Glanz und ihrer Gegenwärtigkeit eingebüßt und passt auch hervorragend in unsere turbulenten Zeiten.

 

 

Jasmin Humburg ist promovierte Amerikanistin, Übersetzerin und Literaturvermittlerin. Sie liest gern divers und ist auf Instagram unter @leaf.and.literature zu finden.

 

 

Liebeslyrik in Knitterseide

An dich denken Mit allen Gedanken Denn mein Herz ist frisch gebrochen Wir beide Notizbuch Crush

 

Die Unschuld vom Lande

 

Sophie Weigand über Nur der Mond war Zeuge

 

 

Nur der Mond war Zeuge von Josephine Tey ist eine Wiederentdeckung aus dem Jahr 1948 – ein Kriminalroman mit realer Vorlage, der auf unterhaltsame Art und Weise die Regeln des Genres bricht und normative Frauenbilder gekonnt zur Disposition stellt.

Josephine Tey ist das Pseudonym der schottischen Theaterautorin Elizabeth MacKintosh (1896–1952). Ursprünglich 1948 unter dem Titel The Franchise Affair erschienen, wurde der Roman bereits 1959 als Der große Verdacht erstmals auf Deutsch übersetzt. Er basiert lose auf einer deutlich älteren realen Kriminalgeschichte aus dem 18. Jahrhundert. Die Magd Elizabeth Canning hatte damals behauptet, fast einen Monat lang auf einem Heuboden gefangen gehalten worden zu sein. Ihre vermeintlichen Täter wurden zunächst verurteilt, später wurde das Urteil revidiert und sie selbst wegen Meineides angeklagt. Was mit Canning passiert ist, ist bis heute ungeklärt.

"Für Robert Blair, den sanftmütigen Gentleman vom Lande, war Scotland Yard etwas ebenso Exotisches wie Xanadu, Hollywood oder das Fallschirmspringen."

Aus: Nur der Mond war Zeuge

 

Nur der Mond war Zeuge verweigert sich den klassischen Genreregeln der Zeit. So gibt es etwa weder einen Mordfall noch einen klassischen Ermittler oder konventionelle Polizeiarbeit. Blair, dessen wohlgeordnetes Privatleben durch sein Engagement zunehmend in Schieflage gerät, versucht vielmehr, die junge Frau der Lüge zu überführen. Ob ihm das am Ende gelingt, ist die zentrale Frage. Nebenbei aber verhandelt der Roman in überraschend moderner Manier verschiedene Frauenbilder und deren Implikationen. Das betrifft nicht nur die Sharpes, die als alleinstehende und selbstständige Frauen und nicht der kleinstädtischen Erwartung entsprechend, schon aufgrund dieses Umstands verdächtigt und gemieden werden. Es betrifft auch Elizabeth Kane, die zur Projektionsfläche für normative Rollenbilder und Ideen jugendlicher Unschuld wird. Es ist anzunehmen, dass die Schilderungen der Sharpes zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung deutlich zwielichtiger auf die LeserInnen wirkten, heute lesen beide sich vor allem progressiv, ihrer einengenden Zeit voraus. Teys feine Beobachtungsgabe und ihr wohldosierter Humor, von Manfred Allié gelungen ins Deutsche übertragen, machen diese Krimi-Wiederentdeckung zu einer unterhaltsamen und spannenden Lektüre!

Sophie Weigand ist gelernte Buchhändlerin und Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt in Lübeck, arbeitet als freie Redakteurin und bloggt auf literaturematters.de.