NEUES AUS DER BÜCHERGILDE

 

Lücken und Leerstellen

Vom schwindenden Gedächtnis eines Serienmörders – eine genial konstruierte Erzählung, dynamisch-fantasievoll illustriert von Jill Senft

 

 

 

Eigentlich hat Byongsu Kim sein Dasein als Serienmörder an den Nagel gehängt, er leidet zunehmend an Alzheimer-Demenz. Doch nun plant er einen letzten Mord. Kim Young-ha entführt mit Aufzeichnungen eines Serienmörders in die Gedanken eines unzuverlässigen Erzählers.

Der 70-jährige Byongsu Kim ist „pensionierter“ Serienmörder. Er liebt Klassiker, zitiert Nietzsche und schreibt Gedichte, besucht sogar einen Lyrikkurs an der Volkshochschule. Er ist mit seinem ruhigen Leben zufrieden und genießt die Gewissheit, dass seine Morde zu weit in der Vergangenheit liegen, um jemals aufgedeckt zu werden. Dann begegnet er zufällig einem Mann, den er als Mörder erkennt:

„Er hatte Schlangenaugen. Sie waren kalt und grausam. Ich bin mir absolut sicher: In diesem Augenblick haben wir uns gegenseitig erkannt.“

 

 

Kurz darauf wird bei Byongsu Kim beginnende Demenz festgestellt. Das beunruhigt ihn sehr, denn in den Nachrichten heißt es, ein neuer Serienmörder treibe in der Gegend sein Unwesen.

 

 

„Da das dritte Opfer unmittelbar nach meiner Alzheimer Diagnose aufgefunden worden war, stellte ich mir naturgemäß die Frage: War ich es?“

Es muss der andere Mann sein, da ist sich Byongsu sicher. Und er begegnet ihm plötzlich immer öfter. Ja, es scheint fast, als würde er ihn beschatten, als lauere der andere ihm auf. Als Byongsus Tochter den Mann eines Tages mitbringt und ihn als ihren Verlobten Jutae Park vorstellt, ist das Maß voll. Um seine Tochter zu beschützen, plant der alte Mann, mit seinem schwindenden Gedächtnis kämpfend, einen letzten Mord.

 

 

„Meine letzte Lebensaufgabe steht fest. Ich muss Jutae Park umbringen. Bevor ich vergesse, wer er ist.“

Kim Young-ha kennt als Autor keine Tabus. Er zeigt, voller Ironie und hintersinnigem Witz, die Realität der Altersdemenz, ohne jemals banal oder oberflächlich zu werden. Sein Protagonist Byongsu Kim, dessen Tagebuch wir lesen, wird durch die Demenz zu einem zunehmend unzuverlässigen Erzähler. Wie unzuverlässig, das erkennt man beim Lesen erst ganz zum Schluss.

 

 

Mit Aufzeichnungen eines Serienmörders gelingt Kim Young-ha ein großartiges, tiefsinniges, komisches und auch tragisches Buch. Kims Sprache ist knapp und deutlich und dabei voller Poesie und schwarzem Humor. So erzählt er eine Geschichte, die das Genre Kriminalroman aufs Äußerste ausweitet: zugleich urkomisch und tief berührend.

 

Beitrag von Sophia Naas, Teamleitung Digital bei der Büchergilde