Eine Schilderung aus den Schären

Die kosmische Dichte des Lebens

 

Volter Kilpis Opus magnum: Im Saal von Alastalo – aus dem Finnischen von Stefan Moster

 

Der Roman Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi ist ein Klassiker der finnischen Literatur und ein originelles Meisterwerk der Moderne, vor allem aber ein großes Buch der Lebensbejahung.

 

Ein Beitrag von Stefan Moster

Auch im Leseland Finnland muss das gedruckte Wort mit den elektronischen Medien konkurrieren, aber der Griff zum Buch ist für die meisten Menschen dort noch immer ein fester Bestandteil ihres Alltags. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten die zahlreichen Bibliotheken, die jährlich mehr als 70 Millionen Bücher verleihen – bei einer Bevölkerung von 5,5 Millionen.

 

An diesen Zahlen hätte auch Volter Kilpi seine Freude, denn der war und ist nicht nur einer der größten Schriftsteller Finnlands, sondern hatte sich auch als Leiter der Universitätsbibliothek in Turku einen Namen gemacht. Außerdem war er selbst ein großer Leser. Schon als Zehnjähriger hatte er die Bibel dreimal durch, später erweiterte er seinen Kanon um die Werke der Weltliteratur und der Philosophie. Wichtiger als das Lesen wurde ihm jedoch das Schreiben. Die Tatsache, dass er aus eigener Tasche Bibliotheksaushilfen bezahlte, damit er vormittags an seinem Opus magnum schreiben konnte, spricht für sich.

 

Volter Kilpi wurde 1874 in der südwestfinnischen Schärengemeinde Kustavi als Sohn eines Kapitäns geboren. Als junger Mann veröffentlichte er drei Romane im symbolistischen Stil, die zwar Anerkennung, jedoch wenige LeserInnen fanden, worauf er als Autor verstummte. Bis er dreißig Jahre später mit einer Trilogie über seine Heimatregion aufwartete, an der er neun Jahre gearbeitet hatte und deren Herzstück der Roman Im Saal von Alastalo (1933) bildete.

"Ein Werk wie geschaffen für uns, die wir in einer Zeit der sich verschärfenden Polarisierungen leben. Kilpi erinnert daran, dass Spaltungen überwunden werden können, wenn man zusammen etwas baut, das alle für bedeutsam halten."

 

Stefan Moster, Übersetzer von Volter Kilpis Opus magnum

 

 

Auch diesmal war dem Verfasser kein Verkaufserfolg beschieden, aber es bestand kein Zweifel daran, dass er etwas Außergewöhnliches geschaffen hatte. Bis heute zählt der Roman zu den besten Büchern, die je in Finnland geschrieben wurden. Warum? Weil er mit einer unglaublich reichen Sprache glänzt und beweist, wie sehr wir Menschen in der Sprache leben, wie untrennbar unser Denken und Fühlen mit dem sprachlichen Ausdruck verbunden ist.

 

Kilpi hat versucht, „der kosmischen Dichte des Lebens“ ein Gesicht zu geben, er wollte etwas Totales schaffen, nicht nur im Hinblick auf seine Heimat, sondern auf das menschliche Dasein überhaupt. Um dies zu erreichen, entschied er sich für eine überraschende Strategie. Sein in erzählerischer Hinsicht moderner Roman spielt nämlich in den 1860er-Jahren, in einem einzigen Raum, innerhalb von sechs Stunden und handelt davon, dass gut zwei Dutzend Männer einander gegenseitig belauern. Entscheidend ist, was in der Luft liegt, was in den Anwesenden vorgeht und wie daraus nach und nach Aktivität wird.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte die finnische Schärenregion eine Blütezeit. Die Küstenschifffahrt wurde erweitert, man baute größere Schiffe und exportierte seine Erzeugnisse nicht mehr nur nach Schweden, sondern auch nach England und Spanien. Das Geschäft florierte, und an diesem Punkt setzt Kilpis Roman ein: Die Stützen der Gesellschaft von Kustavi sind zusammengekommen, um über den Bau eines Dreimasters zu verhandeln, einer Bark. Das gemeinsame Projekt soll den Wohlstand der Gemeinde mehren und den Zusammenhalt festigen. Alle wissen das, aber geritzt ist noch nichts, denn zunächst müssen die unterschiedlichen Interessen austariert werden.

 

Sechs Stunden lang führen die Männer Reden, erzählen Geschichten, trinken Kaffee, trinken Grog, rauchen Pfeife – und nähern sich auf etlichen Umwegen langsam dem eigentlichen Thema. Dabei erfahren wir auch, was sie nicht sagen, denn Volter Kilpi führt uns in inneren Monologen detailliert vor Augen, was sich in den Figuren tut.

 

Wenn er darauf mehr als tausend Seiten verwendet, dann, weil er davon ausgeht, dass alles von Bedeutung ist. Jede menschliche Handlung, so Kilpis Überzeugung, enthält alles, was ihr vorausgegangen ist, und dies legitimiert die genaue Beschreibung auch von vermeintlichen Kleinigkeiten. Wer wo Platz nimmt, wer sich welche Pfeife aussucht, wer sich wann seinen Grog mischt, wer sich dabei für Rum oder Kognak entscheidet, wer mehr und wer weniger Zucker nimmt – in allem bildet sich die soziale Stellung des Einzelnen wie auch sein Charakter ab. Und indem Kilpi dies kunstvoll und übrigens mit sehr viel Witz beschreibt, macht er die kosmische Dichte des Lebens in einem einzigen Raum an einem einzigen Tag sichtbar. Weltliteratur!

"Der seltene Glücksfall von einem Roman, der im Dauerfeuer der publizistischen Schnellschüsse dieser Jahre daherkommt wie ein gegen alle Moden resistenter freundlicher Besucher aus einer nur scheinbar fernen Welt! Begrüssen und feiern wir ihn also überschwänglich! Denn das lange Warten auf sein Eintreffen hat sich gelohnt."

 

Peter Henning, St. Galler Tagesblatt

 

 

Weltliteratur auch deswegen, weil dieser Roman zwar von einer finnischen Schärengemeinde erzählt, jedoch über sie hinausweist, indem er an ihr exemplarisch darstellt, wie Gemeinschaft entsteht und wie man sie erhält. Bei den Verhandlungen werden unterschiedliche Voraussetzungen ebenso wenig verschwiegen wie verschiedene Interessen, aber alle Beteiligten wissen, dass es etwas gibt, das größer ist als das Partikulare: die Bark, von der alle profitieren.

 

Aus diesem Grund scheint dieses Werk wie geschaffen für uns, die wir in einer Zeit der sich verschärfenden Polarisierungen leben. Kilpi erinnert daran, dass Spaltungen überwunden werden können, wenn man zusammen etwas baut, das alle für bedeutsam halten. Daher vermag es sein Roman, auch heutigen LeserInnen Zuversicht zu geben.

Wenn Im Saal von Alastalo außerhalb Finnlands noch nicht als großes Werk der modernen Literatur wahrgenommen worden ist, dann, weil es bislang lediglich eine Übersetzung ins Schwedische gegeben hat. Eine Übertragung ins Englische scheiterte, weil der Übersetzer den Roman für unübersetzbar erklärte. Das war übertrieben, aber man muss zugeben, dass Kilpis Literatur dem Transfer in eine andere Sprache große Widerstände entgegensetzt. Die äußerst individuelle Ausdrucksweise reizt die Raffinessen der finnischen Sprache bis aufs Letzte aus und bedient sich dabei Mitteln, die es in indo-europäischen Sprachen einfach nicht gibt. Hinzu kommen enorm lange, teilsteuflisch verschachtelte Sätze, ein Wortschatz Shakespeare’schen Ausmaßes sowie dialektale Formulierungen und regionale oder gar lokale Begriffe fernab vom gängigen Sprachgebrauch. An Terminologie aus der Landwirtschaft und der Seefahrt des 19. Jahrhunderts mangelt es ebenso wenig wie an historischen Spezifika, und da Kilpi seinen Text auch noch mit zahlreichen Neologismen spickt, sieht man sich als Übersetzer mit zahlreichen Hürden konfrontiert. Zumal ein Aspekt die ganze Sache erschwert: Der Ausdruck ist in diesem Sprachkunstwerk ebenso wichtig wie der Inhalt. Man muss also in doppelter Hinsicht „richtig“ übersetzen: in semantischer und in klanglich-rhythmischer.

 

Lässt man sich auf eine solche Aufgabe ein, braucht man die Bereitschaft, sich auf eine lange Reise zu begeben, deren Verlauf man nicht beschleunigen kann. Und man braucht gute Nerven, wenn es darum geht, Kilpis vertracktem Vokabular auf den Grund zu gehen. In der deutschen Fassung sieht man einem Wort nicht immer an, dass seine Vorlage Seltenheitswert besitzt oder einem Dialekt entstammt. Das lässt sich beim Übersetzen nicht vermeiden. Aber auf Wortneuschöpfungen im Stile Kilpis müssen auch die deutschsprachigen LeserInnen nicht verzichten und dürfen sich daher zum Beispiel an „Stimmseife“, „Zungengold“, „Kümmerschnarre“ oder „Grollgezischel“ erfreuen.

Im Saal von Alastalo wird wegen der Wahl der Mittel – Bewusstseinsstrom, innerer Monolog, genaueste Beschreibung, eigensinniger Sprachgebrauch – gern mit den Romanen von Proust und Joyce verglichen. Diese Verwandtschaft erkannte Kilpi selbst. Den entscheidenden Unterschied sah er im Geist des Ganzen. Sein Roman wolle keine erkrankte Gesellschaft diagnostizieren, sondern sei von einer „konstruktiven Lebensbejahung“ geprägt, erklärte er. Eines ist sicher: Wer diesen Roman liest, stärkt zumindest seinen Glauben an die Kraft der Literatur.