Zum 100. Geburtstag von Jack Kerouac!

 

Wie Buddha auf dem Berge

Die Dharmajäger

 

 

Eine Generation auf der Suche nach einem sinnerfüllten Leben: Zum 100. Geburtstag des Beat-Literaten Jack Kerouac erscheint sein Roman Die Dharmajäger in neuer Übersetzung. Eine Ode an die Schönheit der Natur und das Lebensgefühl der Beatniks.

 

 

Ginsberg, Kerouac, Burroughs. Oder: Das Geheul, Unterwegs, Naked Lunch. Namen und Titel, die sowohl einen spezifischen Zeitpunkt der US-amerikanischen Kulturgeschichte als auch ein einzigartiges Lebensgefühl in sich tragen. Die Welt des Jazz, der Gedichte und des Exzesses – Jack Kerouacs Welt. Sein semi-autobiografischer Roman Die Dharmajäger, den er, wie seinen literarischen Erfolgsroman Unterwegs, innerhalb von drei Wochen verfasst haben soll, lädt dazu ein, lesend durch die Vereinigten Staaten der 1950er-Jahre zu ziehen.

 

 

Der Poet und Herumtreiber Ray, Kerouacs alter Ego, navigiert sich von Ort zu Ort, springt auf Güterzüge auf, trampt weite Strecken, scheut Fußmärsche nicht und schläft am liebsten unter dem Sternenhimmel. Von seiner Wahlheimat Mexico City auf dem Weg in den Norden legt er mit diversen Zwischenstopps gut 4 000 km zurück und gelangt schließlich nach San Francisco. Dort wiedervereint mit seinem Freund Japhy, quasi sein intellektueller Sparringspartner und angelehnt an Kerouacs Freund (und ebenfalls Autor) Gary Snyder, taucht er wieder ein in die wilde Riege von Nonkonformisten. Es wird getrunken und gedichtet, philosophiert und meditiert.

 

Ein ambivalentes Miteinander von Spiritualität und Partys bestimmt das Leben der Aussteiger in Die Dharmajäger. Die Philosophie des Zen-Buddhismus steht dabei hoch im Kurs, man träumt von „friedlichen Kreuzzügen“ im Namen des „Dharma“. Auf eine allgemeingültige Definition, was das eigentlich ist, verzichten sie, die östlichen Lehren finden sich in individuellen Ausprägungen im Alltag verankert. Ihnen geht es vor allem darum, dadurch im Einklang mit der Natur zu sein und bürgerliche Zwänge zu überwinden. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch zeithistorisch relevant: Hier lässt sich unmittelbar nachvollziehen, wie noch vor den Hippies eine Bewegung existierte, die sich in Abgrenzung zur biederen Nachkriegsgesellschaft von Materialismus und Karrierestreben abwandte.

 

"Wie die Ameisen, die den ganzen Tag nur graben, habe auch ich nur das zu tun, was ich will, und dabei freundlich zu sein, mir keine voreiligen Urteile anzumaßen und um Erleuchtung zu beten."

 

Aus: Die Dharmajäger

 

Als nomadische Seele ist Ray ständig kreuz und quer durch das Land unterwegs. Gemeinsam mit seinen Freunden besteigt er das sogenannte „Matterhorn“, einen Gipfel in den Sierra Mountains. Weit weg von der Zivilisation juchzen sie über die Schönheit der imposanten Umgebung. Bei seiner Mutter in Ohio lebt und meditiert Ray in den Wäldern, später arbeitet er als Waldbrandwächter eremitenähnlich auf einem Berg an der kanadischen Grenze. Näher kann man der Natur nicht sein, mehr Freiheit geht kaum. Der Rhythmus von Kerouacs Prosa verlangsamt sich in diesen Passagen, hervorragend atmosphärisch fängt er ein, wie sich das Morgengrauen auf einem Berg anfühlt, wie die Sonne Lichtspiele über Wanderwege malt oder kalter Wind um die Ohren saust. Die Übersetzung von Thomas Überhoff, der unter anderem auch Paul Auster, Sheila Heti und Nell Zink ins Deutsche übertrug, wird dem fließenden Erzählen Kerouacs gerade an diesen Stellen mehr als gerecht.

 

 

Die Dharmajäger wirkt wie eine Zeitkapsel: Kerouacs Direktheit und seine nahbare Sprache versetzen in eine Ära, in der der Glaube an ein freies, selbstbestimmtes und sinnvolles Leben, die Achtung der Natur und der Wert von Kunst und Freundschaft sich entgegen allen Umständen Bahn brach. Ein Buch im Flow der Beat Generation, von dem man sich gerne mitreißen lässt.

 

 

 

 

Marlen Heislitz

hat bei der Lektüre gelernt, wie man nicht von einem Berg fällt.