KEIN ISLAND-KRIMI IM EIGENTLICHEN SINNE

 

 

Joachim B. Schmidt

 

Kalmann

Kalmann Óðinsson,

selbst ernannter Sheriff und letzter Grönlandhaifischer von Raufarhöfn.

 

In dem isländischen Fischerdorf Raufarhöfn stellt Kalmann den besten Gammelhai der Insel her. Das hat er von seinem Großvater gelernt.

 

Doch der kleine Küstenort verändert sich. Touristen kommen selten und die Fischer sind strengen Fangquoten unterworfen.

 

Dann findet Kalmann auf einer Wanderung eine Blutspur. Fast zur gleichen Zeit stellt man fest, dass der Fanquoten-König von Raufarhöfn verschwunden ist. Und während die Polizei ermittelt, trägt Kalmann ein Geheimnis mit sich herum …

 

 


Joachim B. Schmidt zu Gast in Frankfurt.
Joachim B. Schmidt zu Gast in Frankfurt.

Die Büchergilde im Gespräch mit Kalmann-Autor Joachim B. Schmidt

 

Die Fragen stellten Julia Heller und Marie-Theres Stickel.

 

 

Herr Schmidt, wer war zuerst da:

Kalmann oder der „Vermisstenfall“?

 

JBS: Das ist die klassische Frage nach dem Huhn oder dem Ei! (lacht) Ich hatte immer schon den Gedanken, einen Krimi zu schreiben. Und auch in meinen drei früheren Büchern gibt es Krimi-Elemente, aber eben nur versteckt oder nebensächlich. Beim vierten Buch wollte ich dann einen Island-Krimi schreiben und hatte auch die Geschichte schon grob im Kopf. Auch eine Kulisse hatte ich im Visier – das schlimmste Kaff in Island! Das hat ja auch seinen Charme.

 

Da es ein Krimi sein sollte, war natürlich der Vermisstenfall schnell entwickelt und auch die Kommissarin. Mit der wollte ich dann da hoch, in das Dorf Raufarhöfn. Dort muss sie den einzigen Zeugen interviewen – und der ist geistig behindert. Das war die erste Szene, die ich entworfen hatte, und dann habe ich ganz schnell gemerkt – der Kalmann ist ein Juwel! Ich fand ihn einfach toll und spannend und wollte mit ihm mitgehen und gucken, was er noch so erlebt auf seinen Spaziergängen über die isländischen Ebenen. Die Kommissarin wurde dann ganz schnell zur Nebenfigur, was mir auch ein bisschen leidtut … Aber so ist es eben die Geschichte um Kalmann geworden und kein Island-Krimi im eigentlichen Sinne.

 

 

Darüber haben wir bei der Büchergilde auch debattiert: Ist Kalmann eigentlich ein klassischer Titel des Krimi-Programms? Denn eigentlich wir haben ja alles: Blut, eine Leiche, einen Vermisstenfall …

 

JBS: (lacht) Mein Vater hat mich auch gefragt: „Joachim - was macht denn einen Krimi aus?“ Und da habe ich das Gleiche gesagt: Blut, jemand fehlt, viel Polizei. Daher ist Kalmann schon ein Krimi, aber auch ganz viel mehr!

 

"Joachim B. Schmidt hat mit Kalmann einen modernen Schelmenroman von geradezu klassischem Zuschnitt geschrieben."  Christel Wester, Deutschlandfunk

 


Wo befindet sich Kalmann jetzt? Ist er in Island geblieben oder reist er mit Ihnen, begleitet er Sie auf Ihrer Lesereise durch die Schweiz und Deutschland?

 

JBS: Kalmann ist natürlich beim Schreiben zum Leben erwacht, wie jeder Charakter, über den man schreibt. Aber er ist ganz besonders, weil man ihn mag und man über ihn spricht. Er ist irgendwie tatsächlich lebendig, und ja, er ist mit mir auf Tour! Und manchmal würde ich ihm gern alle Komplimente weitergeben … Es gibt ja auch LeserInnen, die wollen eine Fortsetzung von Kalmann. Ich habe da aber noch keine konkreten Gedanken. Manchmal frage ich mich aber schon auch: Wo ist Kalmann wohl jetzt? Wo führt ihn seine Entwicklung noch hin?

 

 

Wir haben Kalmann auch richtig ins Herz geschlossen! Eine Fortsetzung wäre sehr spannend zu lesen.

 

JBS: Es gab ja schon auch Dinge, die ich weggelassen habe. Die bieten sich dann für einen zweiten Teil an. Zum Beispiel wenn Kalmann noch einmal seinen Vater trifft und der ihn mitnimmt in die USA. Da kann er dann so richtig Sheriff spielen!

 

 

Kalmann ist ja eigentlich ein waschechter Isländer. Funktioniert er nur in diesem Setting? Denn so wie es klingt, würde er sich ja vielleicht auch in den USA wohlfühlen? Oder schicken Sie ihn demnächst auch einmal in die Schweiz oder nach Frankfurt, zu uns?

 

JBS: (lacht) Nein, Kalmann gehört einfach nach Island – das Dorf und seine Umgebung sind ja auch ein wichtiges Thema, genauso wie die Lebensbedingungen dort. Island ist sehr nah dran an den USA, auch kulturell, von der historischen Prägung her. Deswegen würde Kalmann wahrscheinlich auch in den USA funktionieren, neben Island, aber nirgendwo anders!

Wie viele von Ihren eigenen Erlebnissen und Begegnungen sind in das Buch eingeflossen? Zum Beispiel Raufarhöfn. Haben Sie einen Bezug zum Dorf, oder war die Reise dorthin eher ein Zufall?

  

JBS: Ich suche immer das abgelegene Island, nicht das touristisch geprägte. Ich mag die nostalgische Seite Islands, die Gegenden, die nicht so stark besucht sind. Das gefällt mir unheimlich gut, auch wenn ich manchmal selbst als Tourist unterwegs bin, einfach abseits der Postkartenidylle. Raufarhöfn kannte ich schon von der Durchfahrt. Das Dorf fällt einem insofern auf, als dass es da einfach nichts gibt, und das Einzige, was man machen kann, ist durchfahren! Ein Freund von mir hat seine Doktorarbeit über diese Gemeinde geschrieben - was macht man, um dieses abgelegene Fischerdorf zu retten? Und so bin ich wieder darauf gekommen.

  

Ich hatte das Buch dann schon fast fertig geschrieben, da bin ich wieder hingefahren. Durch ein Crowdfunding konnte ich dort einige Zeit verbringen und recherchieren – so wurde Raufarhöfn noch einmal echter und realistischer. Ich hatte so auch einen persönlichen Bezug zum Buch, was dann schon fast hinderlich war, denn die Menschen und die Geschichten in Kalmann sind ja erfunden.

  

  

Raufarhöfn © Kristín Elva Rögnvaldsdóttir
© Kristín Elva Rögnvaldsdóttir

Und die Bewohner in Raufarhöfn: Wissen sie, dass ihr Dorf jetzt berühmt und der Schauplatz eines Buches ist?

  

JBS: Ich möchte denen, die mitgeholfen haben, auf jeden Fall ein Buch vorbeibringen. Erst dann wissen sie auch davon. Es spricht aber auch nur einer im Dorf Deutsch, der muss es den anderen vielleicht übersetzen. In jedem Fall finden sie aber ihre Namen in der Widmung.

  

Auf Instagram versuche ich ganz viel mit dem #Raufarhöfn zu versehen, damit die sich dort dann irgendwann mal wundern: „Was ist hier eigentlich los?“ …

  

… was machen denn die ganzen Touristen hier? (alle lachen)
Soll Ihr Buch denn Lust auf eine Islandreise machen? Haben Sie sich das bewusst so gedacht?

  

JBS: Das war nicht mein vorderster Gedanke, aber natürlich, ja, Lust soll es schon machen! Deswegen wollte ich auch einen richtigen, realen Ort verwenden und  keinen erfundenen. Damit man dort wirklich hinreisen kann, um sich alles anzuschauen. Das finde ich einfach toll, wenn man das machen kann! Wäre natürlich auch super, wenn Kalmann ein Bestseller wird, und dann kommen da hunderte von Leuten hoch!

  

  

Und Instagram füllt sich mit den Hashtags: #Raufarhöfn, #Kalmann …!

  

JBS: Und die Leute so: „Es reicht!“ Das wäre ein sehr schöner Nebeneffekt!

Woher kam bei Ihnen eigentlich der Wunsch, nach Island zu gehen? Woher rührt Ihre Verbundenheit zum Land?

 

JBS: Oh, das geht weit zurück! Meine Patentante hatte mir zum 16. Geburtstag eine Reise geschenkt, in ein Land in Europa meiner Wahl. Und weil wir gerade in der Schule das Thema Island durchgenommen hatten, wusste ich: „Ah, das gehört noch zu Europa“ – und dann sind wir 1997 da hoch geflogen. Ich habe mich sofort Hals über Kopf in dieses Land verliebt und mir geschworen, ich komme zurück! Das bin ich auch, erst als Tourist. Später habe ich auch mal ein Jahr dort gelebt, weil ich gucken wollte, ob ich den isländischen Winter aushalte. Und das habe ich, und es hat mir gut gefallen – so bin ich 2007 ganz ausgewandert.

 

 

Und Sie sprechen auch Isländisch?

 

JBS: Ja, fließend zwar, aber ich könnte kein Buch in dieser Sprache schreiben.

 

 

Und zum Abschluss noch eine letzte Frage: Wie haben Sie sich denn in Kalmann so gut reindenken können? Er ist ja schon sehr besonders.

 

JBS: Das kam sehr flüssig! Ich habe schnell den Kalmann in mir entdeckt, und ich glaube auch, dass den jeder hat. Wenn ich mal nicht weiter wusste, habe ich überlegt: Wie hätte ich als Kind, so mit 7 oder 8 Jahren, reagiert? Denn er hat ja einen kindlichen Geist, aber deswegen ist er auch so logisch und unkompliziert. Kindliche Naivität steckt sicherlich noch in mir, aber als Erwachsener lernt man, das zu überspielen. Ich kann so tun, als würde ich alles verstehen, um was es hier eigentlich geht!

 

Es ist auch einfach ein spannendes Thema, weil wir in unserer Gesellschaft so wenig Kontakt mit geistig behinderten Menschen haben. Man begegnet ihnen relativ selten, in Island sogar noch weniger als auf dem Festland. Und wenn man dann mal so jemanden trifft, reagieren die Leute ganz unterschiedlich. Die einen sind ängstlich oder verwirrt, andere reagieren, als wäre er oder sie ein Kind. Und dieses Bloßstellen der „normalen“ Leute, das fand ich wirklich lustig zu schreiben. Und wenn ich Spaß beim Schreiben habe, weiß ich, das kommt gut an!

 

 

Lieber Joachim B. Schmidt, vielen Dank für das nette Gespräch,

und Grüße an Kalmann!

© Kristín Elva Rögnvaldsdóttir
© Kristín Elva Rögnvaldsdóttir