Mascha Kaléko

Bewölkt, mit leichten Niederschlägen


Melancholisch, leichtfüßig, spielerisch-ironisch: Mascha Kalékos zeitlose Poesie fängt in unverstellter Sprache Gefühls- und Lebenswelten ein.



 

 

"In Mascha Kalékos Gedichten spiegeln sich persönliches Schicksal und zeitgeschichtlicher Hintergrund auf eindrucksvolle Weise." Jutta Rosenkranz

Ein Beitrag von Jutta Rosenkranz

Poetin des Alltags

Mascha Kaléko ist eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts. Nun bietet der illustrierte Sammelband Bewölkt, mit leichten Niederschlägen eine besondere Gelegenheit, ihre Verse wieder zu lesen oder neu zu entdecken. Dieser Band mit Gedichten von Mascha Kaléko enthält 34 Illustrationen, die der Maler und Zeichner Hans Ticha extra dafür anfertigte. Der Künstler, der im September seinen 80. Geburtstag feiert, ist vor allem durch seine über einhundert Buch-Illustrationen bekannt geworden. Seine farbenfrohen Zeichnungen mit den für ihn typischen geometrischen Formen ergänzen die poetischen Texte von Mascha Kaléko. Ebenso wie die Gedichte lassen die Illustrationen Raum für Interpretationen. So öffnet sich ein Dialog zwischen der Poesie und der Zeichenkunst. In ihrem Gedicht "Chanson vom Montag" heißt es: 

Mascha Engel wurde am 7. Juni 1907 in Chrzanów in West-Galizien – im heutigen Polen – geboren, der Vater war Russe, die Mutter Österreicherin. 1918 zog die Familie nach Berlin. Nach der mittleren Reife begann die attraktive junge Frau mit den dunklen Haaren eine Bürolehre, besuchte abends Vorlesungen in Philosophie und Psychologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität, las viel und schrieb Gedichte. 1928 heiratete sie den zehn Jahre älteren jüdischen Philologen Saul Kaléko. Ein Jahr später, mit 22, veröffentlichte Mascha Kaléko ihre ersten Verse und gehörte bald zum Kreis der Künstler und Literaten, die sich im „Romanischen Café“ an der Gedächtniskirche trafen. Genaue Beobachtungen, Details des Alltags, ein lockerer, gleichzeitig wehmütiger Ton – dieser Stil wurde zu ihrem Markenzeichen. Im "Interview mit mir selbst" erklärt sie:

1933 erschien Mascha Kalékos erster Gedichtband Das Lyrische Stenogrammheft im Rowohlt Verlag. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 konnte Mascha Kaléko noch kurze Zeit in deutschen Zeitungen publizieren und 1934 ihren zweiten Band Kleines Lesebuch für Große veröffentlichen. Dann beendeten die Nationalsozialisten ihre literarische Karriere. Die jüdische Dichterin wurde 1935 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhielt Publikationsverbot, ihre Bücher standen auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Nach zehn Ehejahren ließ sich Mascha Kaléko im Januar 1938 von ihrem ersten Ehemann scheiden und heiratete eine Woche später den zwölf Jahre älteren jüdischen Musiker Chemjo Vinaver. Im Herbst 1938 emigrierten sie mit dem im Dezember 1936 geborenen gemeinsamen Sohn in die USA. Mascha Kaléko lernte schnell Englisch und organisierte das Überleben der Familie. Doch dichten konnte sie nur in ihrer Muttersprache.Ihre Exil-Gedichte zeichnen sich durch Ironie, Tiefe und eine neue kritische Schärfe aus – wie im "Emigranten-Monolog":

 

1945 erschien ihre Emigrations-Lyrik unter dem Titel Verse für Zeitgenossen in Amerika. Thomas Mann empfahl ihr, wieder in Deutschland zu veröffentlichen. Doch die Dichterin zögerte; die Verletzungen durch Berufsverbot, Vertreibung und erzwungene Emigration saßen tief. Erst 1956 wurden ihre beiden ersten Bücher unter dem Titel Das lyrische Stenogrammheft wieder in Deutschland veröffentlicht und Mascha Kaléko reiste erstmals seit der Emigration in ihre ehemalige Heimat. Dort erlebte sie ein Comeback und gehörte zu den wenigen emigrierten Autoren, die nach dem Zweiten Weltkrieg an ihre früheren Erfolge anknüpfen konnten.


In den folgenden Jahren trafen sie schwere Schicksalsschläge. 1968 starb, erst 31-jährig, der Sohn, der in Amerika als Regisseur erste Erfolge hatte. Fünf Jahre später, im Dezember 1973, erlag Chemjo Vinaver einem Herzanfall. Die Erfahrung von Liebe und Verlust hatte Mascha Kaléko schon in den vierziger Jahren in ihrem Gedicht „Memento“ thematisiert:

Mascha Kaléko zog sich zurück. Im Herbst 1974 fuhr sie noch einmal zu einer Lesung nach Berlin. Auf der Rückreise starb Mascha Kaléko am 21. Januar 1975 im Alter von 67 Jahren in Zürich, wo sie auch begraben wurde.

Es lohnt sich, diese Dichterin wieder zu lesen oder neu zu entdecken. Dazu lädt die neue Ausgabe der Büchergilde ein, die mit Mascha Kalékos schönstem Gedicht schließt: