ÜBER DAS JUDENTUM UND JÜDISCHE LEBEN

 

 

Zwei Bücher, zwei Ansätze, ein Thema 

 

 

Vier Jahrtausende, zusammengefasst auf 200 Seiten – Lutz van Dijks Werk Jüdische Leben ist eine kompakte und zugleich umfassende Übersicht über die Geschichte des Judentums. Das Buch stellt Geschichten von Menschen in den Mittelpunkt, die heute wie damals Wege suchten, ein glückliches, sinnvolles Leben zu führen.

 

In seinem Essay Was soll an meiner Nase bitte jüdisch sein? fordert Autor Thomas Meyer unmittelbar und direkt zum Dialog über alltäglichen Antisemitismus auf. Dieser radikal subjektiver Beitrag zur Antisemitismus-Debatte erscheint als 5. Band der Reihe Edition Zeitkritik.

 

Thomas Meyer im Büchergilde-Interview

 


Die Nase gestrichen voll haben: Über Frust, Vorurteile und Lösungsansätze.


 

Die Fragen stellte Sophie Weigand

 

Herr Meyer, Ihr Buch eröffnen Sie mit einem konfrontativen Selbstcheck für die LeserInnen: In zwölf Fragen klopfen Sie stereotype Denkweisen über JüdInnen ab und entlarven so die Absurdität solcher Klischees. Das sitzt. Wann haben Sie sich gesagt: „Mir reicht’s!“?

Mir reichte es schon vor dreißig Jahren. Antisemitismus ist nicht nur verletzend, sondern auch einfach sehr ärgerlich. Aber erst jetzt habe ich eine Form der Gegenwehr gefunden, die eben nicht verärgert ist, sondern ein versöhnliches Angebot macht.
 

Sie sprechen von einem sogenannten „freundlichen Antisemitismus“– was ist damit gemeint, und wie sieht dieser aus?

Eben freundlich. Er lächelt, tut interessiert, stellt Fragen, als wäre man in der Fremde und würde gern die Leute näher kennenlernen – aber die Meinung ist längst gemacht. Die Fragen beginnen ja auch gern mit „Ist es nicht so, dass …?“, und wenn man dann verneint, kommt das gekränkte Erstaunen. Da wird der freundliche Antisemitismus ziemlich schnell ziemlich unfreundlich.


Sie erzählen von Antisemitismus auch als Mehrgenerationenprojekt, quasi als erlerntes und in Familien weitergegebenes Ressentiment, das nicht infrage gestellt oder gar nicht als antisemitisch verstanden wird. Wie kommt es zu dieser verengten Vorstellung, dass nur antisemitisch sein kann, was antisemitisch gemeint ist?

Das ist keine verengte Vorstellung, sondern schlichte Arroganz, wie sie auch der Frauenfeind pflegt. Gerade Sexisten sehen sich ja sehr gern als große Frauenliebhaber.


Wie gelingt es dem Einzelnen, die eigenen, möglicherweise auch rassistisch geprägten Vorurteile immer wieder kritisch zu reflektieren, statt sie reflexartig von sich zu weisen?

Genau so. Indem man nicht sein Ego rettet und allem widerspricht, was das noble Selbstbild angreift, sondern zuhört, wenn einen jemand kritisiert. Die Person könnte nämlich recht haben.

Aus Ihrem Buch geht hervor, dass die Medien in der Schweiz selten antisemitische Übergriffe zu vermelden hätten, die polizeilich erfassbar seien. Ist der Antisemitismus in der Schweiz subtiler, oder mangelt es der Strafverfolgung an Kategorien?

Wir haben hier generell weniger Probleme mit physischer Gewalt. Das verleitet viele zur Idee, wir hätten hier keinen Antisemitismus. Er wird als etwas sichtbar Brutales wahrgenommen, wie man es aus Deutschland und Frankreich kennt. In der Folge empfinden sich viele Schweizerinnen und Schweizer als völlig frei von und immun gegen Antisemitismus. Was leider überhaupt nicht der Fall ist. Die Klischees sind genau die gleichen, die dem gewalttätigen Antisemitismus zugrundeliegen: der geizige Jude, der allmächtige Jude, der hinterlistige Jude.


Antisemitische Überzeugungen lassen sich in den letzten Jahren mehr und mehr in der Mitte der Gesellschaft identifizieren. Was macht das mit Ihrem persönlichen Sicherheitsgefühl?

Nichts. Ich habe diese Überzeugungen nie woanders verortet. Ich kenne sie nur von da.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Meyer!

Über das Buch Jüdische Leben von Lutz van Dijk

 


4.000 Jahre Judentum


 

Ein Beitrag von Isabella Caldart

 

2021 ist ein wichtiges Jahr – es werden nämlich stolze 1.700 Jahre Judentum in Deutschland gefeiert. Die Geschichte des Judentums ist aber natürlich viel älter, reicht rund 4.000 Jahre zurück in die Vergangenheit. Trotz dieser vier Jahrtausende, der vielfältigen Strömungen und der vielen Länder, in denen sie praktiziert wurden und werden, haben die meisten Menschen in Deutschland primär zwei Assoziationen zu dieser Weltreligion: die Shoah und ein streng orthodoxes Judentum.

Wie einseitig dieses Bild ist, zeigt Lutz van Dijks Buch Jüdische Leben. Der deutsch-niederländische Schriftsteller und frühere Mitarbeiter des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam bewältigte die schwierige Aufgabe, 4.000 Jahre Judentum komprimiert zu erzählen. Klar, das bedeutet viele Namen, Orte und Ereignisse. Aber dafür liefert Jüdische Leben einen perfekten Überblick über die komplexe Geschichte des Judentums.

 

Es ist ein Ritt durch die gesamte Weltgeschichte, über Exkurse zur Entstehung des Islams und den Kreuzzügen der Christen, Amsterdam als „Jerusalem des Westens“, Lessings Ringparabel bis hin zum Holocaust. Lutz van Dijk folgt dabei zwar streng der Chronologie, wirft aber den Blick immer wieder nach rechts und links, erläutert die Etymologie von Begriffen aus unserem Alltag, den Ursprung von Feiertagen und Traditionen, die Herkunft von Sprichwörtern oder die Stellung der Frau im Judentum. Es geht um Vertreibung, Verfolgung und Diaspora, aber auch um die enorme Resilienz und den Überlebenswillen der JüdInnen.

 

 

„Auch dieses Buch kann nicht vollständig sein. Aber es will eins: neugierig machen! Neugierig auf den Lebens- und Überlebenswillen einer der ältesten Völker- und Religionsgemeinschaften.“


Aus: Jüdische Leben

 

Aufgelockert wird die dichte und vielfältige Geschichte durch Illustrationen und Grafiken – teilweise sogar aus dem Mittelalter –, Landkarten und durch viele Testimonials, die als längere Passagen eingeschoben sind. So gibt es etwa die Sichtweise von Esther, der Königin von Persien, vom Philosophen Baruch de Spinoza oder aber O-Töne von der Shoah-Überlebenden Esther Bejarano. Teilweise sind das Zitate aus Schriften, teilweise sind das, wie im Fall von Bejarano, auch Interviews.

 

Das perfekte Buch sowohl für diejenigen, die sich bereits gut auskennen, aber einen kompakten Überblick schätzen, als auch für jene, die sich noch nie näher mit dem Judentum beschäftigt haben, das aber endlich nachholen möchten.