Die Theodizee im Silicon Valley

Der Autor Jonas Lüscher im Gespräch mit seinem Lektor Martin Hielscher.

Hielscher: Ihre Hauptfigur Richard Kraft erhält über seinen langjährigen Freund und Weggefährten Ivan, eigentlich István Pánczél, eine Einladung an die Stanford University nach Kalifornien, um dort an einer akademischen Preisfrage teilzunehmen. Kraft und Pánczél haben sich Anfang der 1980er-Jahre zunächst unabhängig voneinander, dann gemeinsam dem Thatcherismus und radikalen Neoliberalismus verschrieben, gerieren sich als Reagan-Verehrer und erleben die „Wende“ von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl als Befreiung. Unter den geisteswissenschaftlichen Studenten dieser Zeit sind sie damit eine Ausnahme, ja eine Provokation, wobei es vor allem Kraft gerade darum geht, mit dieser Abweichung erst recht als Intellektueller aufzufallen. Die bundesrepublikanischen 80er-Jahre spielen in Ihrem Roman keine kleine Rolle. Andererseits geht es ja gerade um die derzeitige Stimmung in den großen Konzernen und bei den tonangebenden Unternehmern im Silicon Valley. Wie gehört das zusammen? Was hat Sie an dem Rückgriff auf die 80er gereizt?

 

Lüscher: Zum einen hatte ich keine Lust, einen deutschen Altlinken ins Silicon Valley zu schicken. Das wäre zu naheliegend und zu einfach gewesen. Ich wollte einen Protagonisten, der im Silicon Valley vieles von dem findet, für das er ein Leben lang eingestanden ist, und der dort dann dennoch ins Straucheln gerät. So findet sich Kraft in einem Konflikt wieder, in dem die Frontlinien alles andere als klar verlaufen. Zum anderen lässt sich eine Linie ziehen vom Siegeszug des Marktliberalismus, Ende der 70er, Anfang der 80er, mit den Wahlsiegen Thatchers und Reagans, bis zu den libertären Ideen, wie wir sie heute in der Tech Community des Valleys finden. Die englischen Soziologen Barbrook und Cameron haben diese Linie bereits vor über zwanzig Jahren in ihrem Essay zur Californian Ideology skizziert, und aktuell weist unter anderen Evgeny Morozov auf den Zusammenhang zwischen Neoliberalismus und Silicon-Valley-Ideologie hin. Ich versuche nun in Kraft eine etwas andere Perspektive einzunehmen, indem ich mich auf die spezifische Entwicklung des deutschen Liberalismus konzentriere, die eben auch sehr schön zeigt, dass der Liberalismus, den ich ja jederzeit vehement zu verteidigen bereit bin, eine andere Entwicklung hätte nehmen können. Zudem spiegelt sich in den europäischen Biografien meiner Protagonisten das Vakuum, welches der Zusammenbruch des Ostblocks hinterlassen hat, als ganz lebensweltliche Realität.

 

Hielscher: Die mit einer Million Dollar dotierte Preisfrage des Wettbewerbs dreht sich um die Theodizee. Was hat es mit diesem Begriff auf sich und was hat das mit Ihrem Roman zu tun?

 

Lüscher: Die Theodizeefrage, also weshalb Gott, wo er doch allmächtig und gütig ist, das Übel in der Welt zulässt, ist ja eine der ganz alten philosophisch-theologischen Fragen. Und die Denker aller Jahrhunderte haben natürlich vergeblich nach einer Antwort gesucht. Deswegen ist es auch ein böser Witz, dass ein Silicon-Valley-Milliardär ausgerechnet diese Frage beantwortet haben will. Zum einen ist das eine Frage, an der Kraft scheitern muss, nicht zuletzt, weil sie ihn als Agnostiker auf sich selbst zurückwirft: Wenn Gott sich abgemeldet hat, muss eben der Mensch seinen Platz auf der Anklagebank einnehmen. Andererseits zeigt sich natürlich in dieser Frage exemplarisch und mit komischer Deutlichkeit der Unterschied zwischen einem „europäischen“ Denken um des Denkprozesses willen und der Fokussierung auf das lösungsorientierte Engineering und den damit verbundenen Glauben an technische Anwendungen, der in der Tech-Community im Silicon Valley vorherrscht.

 

Hielscher: Die berühmteste Antwort auf die Theodizeefrage hat Leibniz mit seinem Postulat der besten aller möglichen Welten formuliert.

 

Lüscher: In der Leibniz’schen Antwort kommt jener Optimismus zum Ausdruck, den wir heute im Silicon Valley finden, allerdings in einer säkularisierten Form. Deswegen stellt sich die Theodizeefrage heute eher in der Form der Technodizeefrage, wie sie Hans Poser formuliert hat: Hat die Technik die Welt vom Übel befreit oder hat sie das Übel erst recht in die Welt gebracht? Diese Frage scheint im Silicon Valley bereits beantwortet zu sein, trifft man doch dort auf die Überzeugung, die Welt mit einer App retten zu können.

 

Hielscher: Eine zweifelhafte Überzeugung. War deswegen lange Zeit Ihr Arbeitstitel für den Roman „Die Vakuumtheodizee“?

 

Lüscher: Der Begriff des Vakuums, wie er noch im Arbeitstitel vorkam, hat einen mehrdeutigen Bezug in diesem Roman. Kraft sitzt, während er die Frage beantworten will, im Hoover Tower der Stanford University, dem Sitz eines neoliberalen Think Tanks, und wird dabei immer wieder von einer staubsaugenden Mexikanerin gestört. Hoover, hier natürlich der Name des ehemaligen Stanford-Studenten und US-Präsidenten Herbert Hoover, ist eine in Amerika weitverbreitete Staubsaugermarke, und der englische Ausdruck für Staubsauger ist wiederum vacuum cleaner. Gleichzeitig bezieht sich das Vakuum auf das Silicon Valley, in dem, wie mir scheint, im luftleeren Raum an den Problemen unserer Welt gearbeitet wird, von denen aber in dieser Blase nichts zu hören und nichts zu sehen ist. Dann handelt der Roman aber auch von der Entwicklung der neoliberalen Wirtschaftspolitik in den 80er-Jahren, vom Zusammenbruch des Ostblocks und vom dadurch entstandenen Vakuum in den 90ern. Die Bezüge zum Vakuum sind also vielfältig, aber der Begriff der Vakuumtheodizee wäre als Titel untauglich gewesen, weil doch für zu viele erst mal unverständlich und auch recht prätentiös.

 

Hielscher: Kraft ist eine durchaus gebeutelte Figur, er hat, verbunden mit einem Eheproblem – nicht sein erstes – auch finanzielle Sorgen. Vor allem darum bemüht er sich um die Beantwortung der Preisfrage. Fast hat man als Leser Mitleid mit ihm, aber Kraft ist kein reiner Sympathieträger, auch nicht die typische Identifikationsfigur. Das war schon Preising, die Zentralfigur Ihrer Novelle Frühling der Barbaren, nicht. Wie ist Ihr Umgang mit Ihren Hauptfiguren motiviert?Identifikation streben Sie nicht unbedingt an?

 

Lüscher: Nur sehr bedingt. Das Herstellen von Nähe ist mir suspekt und interessiert mich eigentlich nur im Zusammenspiel mit Distanz. Es sind dann auch gerade die Schwächen und die lächerlichen Seiten meiner Figuren, denen mein Interesse gilt. Und dort gelingt mir dann auch die Identifikation, auch wenn diese manchmal schmerzhaft oder unangenehm ist und die Sympathie auf die Probe gestellt wird.

 

Hielscher: Isaiah Berlins Essay Der Igel und der Fuchs spielt im Hintergrund Ihres Romans eine Rolle, aber auch für Sie selbst. Auch Richard Kraft arbeitet sich daran ab, ob er ein Fuchs ist – jemand, der viele Dinge weiß – oder ein Igel –jemand, der eine große Sache weiß – oder vielleicht eine Kreuzung aus beidem. Was spielt das für eine Rolle im Roman?

 

Lüscher: Ein Fuchs zu sein bedeutet eben auch Unsicherheit, es bedeutet, ohne Letztbegründung auskommen zu müssen, den Zufall für würdig zu erachten, das eigene Vokabular als unabgeschlossen zu betrachten, es bedeutet, ohne die Sicherheit einer absoluten Überzeugung auskommen zu müssen, es bedeutet, Antworten auf Fragen zu akzeptieren, die nicht zuden Antworten auf andere Fragen passen. Dieses Leben als Fuchs garantiert zwar eine gewisse intellektuelle Freiheit, aber es kann auch als haltlos und damit auf Dauer sehr anstrengend empfunden werden. Krafts Verhältnis zu seiner eigenen Fuchshaftigkeit ist ausgesprochen ambivalent. Einerseits ist er stolz, ein Fuchs zu sein, andererseits erträgt er es manchmal kaum. Damit wird er zu einem ausgesprochen schwierigen und komplizierten Charakter. Aber das kann ja gar nicht anders sein bei einem Menschen, dem schon früh klar wurde, dass nichts einfach ist. Nie. Kraft ist ein Zweifler, der am eigenen Zweifel zweifelt, ihn zugleich bejaht und verleugnet, sich ins Faktenwissen rettet und am liebsten gar nicht aufhören würde mit dem Reden, weil ihm der Punkt am Ende jeder Rede, in seiner Unangemessenheit, ein Schrecken ist.

 

Hielscher: Die akademische Welt, in der Richard Kraft zu Hause ist – und die auch lange Ihr Zuhause war – hinterlässt in Ihrem durchaus auch sehr komischen Roman einen ziemlich zwiespältigen Eindruck, mit ihren Themen, Gepflogenheiten, Kongressen, ihrer Sprache, ihren Karrieren. Markiert Ihr Roman auch eine Art Abschied von dieser Welt?

 

Lüscher: Nein, das wollte ich so nicht verstanden wissen. Das klingt zu sehr nach einer Abrechnung, und für eine solche gibt es keinen Anlass. Die akademische Welt war immer gut zu mir. Zudem habe ich mit den ersten Skizzen zu Kraft begonnen, als ich an einen Abschiedvon der Universität überhaupt noch nicht dachte.Ich steckte gerade mitten in meiner Doktorarbeit, und mein literarisches Debüt stand erst kurz vor der Veröffentlichung. Natürlich ist das akademische Milieu eines, das ich ausgesprochen gut kenne, ich bin sogar darin aufgewachsen. Darin unterscheidet es sich von dem Investmentbankermilieu, über welches ich im Frühling der Barbaren geschrieben habe. Das Verfahren hingegen ist ähnlich, ich beschäftige mich gerne mit relativ hermetischen Milieus. Durch ihre Abgeschlossenheit erscheinen sie mir, als Schreibendem, wie eine Versuchsanordnung, eine Bakterienkolonie in einer Petrischale, und der genaue Blick des Forschers bringt dann zwangsläufig das Widersprüchliche und Lächerliche zutage. Von außen betrachtet wirken solche hermetischen Milieus mit ihren Ritualen und eigenen Gesetzen gerne seltsam und komisch; das gilt aber nicht nur für die akademische Welt, sondern genauso für die Zeugen Jehovas und die Hells Angels.

 

Vielen Dank für das Gespräch