Was macht die Kunst in der Büchergilde?

Wolfgang Grätz


Was macht die Kunst in der Büchergilde, Herr Grätz?
Na ja, Kunst heißt für uns ja hauptsächlich Original-Druckgrafik, also Radierungen, Lithografien und Holzschnitte, die keine Reproduktionen sind, sondern eigenständige künstlerische Äußerungen, deswegen das Wörtchen „Original“ davor. Und Druckgrafik wird schon seit Albrecht Dürers Zeiten über den Buchhandel verkauft, vor 500 Jahren waren das freilich mehr fliegende Händler. Dass die Büchergilde mit ihrem artclub schon 45 Jahre lang, also die Hälfte ihres Bestehens, selbst Original-Druckgrafiken verlegt, das fand durch die Zusammenarbeit mit Künstlern, die unsere Bücher illustrieren, 1971 einen ganz natürlichen Anfang.

Apropos artclub: Ist das eigentlich eine eigenständige Organisation? Muss man da gesondert Mitglied werden?
Unternehmensrechtlich eigenständig, ja. Denn den artclub betreibt die 2015 neu gegründete Büchergilde Verlagsgenossenschaft direkt. Aber die Mitgliedschaft in der Büchergilde ist immer auch eine im artclub, jedes Büchergilde-Mitglied kann die Grafiken zu den Vorzugspreisen kaufen, und die zählen auch als Quartalskäufe. Mit dem Begriff „artclub“ wollen wir zum Ausdruck bringen, dass es wie bei der Produktion der schönen Bücher das Ergebnis des Bemühens einer Gemeinschaft ist, was Büchergilde-Produkte ausmacht. Bei der Kunst ist es der faire und persönliche Umgang mit den Künstlern ebenso wie mit den Käufern. Wir wollen, dass Künstler von ihrer Arbeit leben können, und wir wollen auch Menschen mit kleinem Budget den Erwerb von Kunst ermöglichen. Und wir wollen Kenntnisse verbreiten über die Geschichte und die Techniken, die Feinheiten und Veränderungen der Druckgrafik, also auch die alte Druck-Kultur bewahren, hegen und weiterentwickeln.

Nach welchen Kriterien werden die Künstler ausgewählt, deren Werke im artclub angeboten werden?
Wir haben den Ehrgeiz, nach und nach im artclub alle Künstler und Künstlerinnen des deutschsprachigen Raumes vorzustellen, die ihren Werkschwerpunkt in der Druckgrafik haben, die also nicht nur mal nebenbei eine Grafik machen. Und wir konzentrieren uns auf die gegenständlich arbeitenden Künstler. Die Büchergilde-Mitglieder sind ja meist Buchillustrations-Begeisterte, und Buchillustrationen sind natürlich figurativ. Daneben haben wir den Anspruch, junge Künstlerinnen und Künstler zu fördern – mit einer Grafik-Edition in den 80.000 Büchergilde-Magazinen vorgestellt zu werden, das ist schon mal eine tolle Visitenkarte für einen Berufsanfänger!

Und wie finden Sie „Ihre“ Künstler?
(Lacht) Das ist schön, dass Sie mich das fragen, denn so kann ich mal klarstellen, dass ich nicht gerade im Schwimmbad bin, wenn man mich nicht in meiner Buchhandlung & Galerie in Frankfurt antrifft. Im Ernst: Ich fahre im Jahr 45 000 Kilometer durchs Land, besuche Ateliers, Ausstellungen, Grafikdrucker, Messen, fahre aber auch in Büchergilde-Buchhandlungen, um Vorträge zu halten, Ausstellungen zu eröffnen usw. Ich kriege viele Tipps, gerade auch Hinweise von Künstlerinnen und Künstlern auf Kollegen, ich gehe Hinweisen im Internet nach. Und ganz wichtig: Ich tue mich an den Hochschulen um, um frühzeitig Talente zu entdecken. Vom jungen Leipziger Linolstecher Sebastian Speckmann haben wir Editionen verlegt, als der noch Student war, zu entsprechend günstigen Preisen. Nur drei Jahre später bezeichnete ihn der Chefredakteur der Zeitschrift art als einen der größten Könner in der zeitgenössischen deutschen Kunst.

Sie sprachen von Ausstellungseröffnungen in Büchergilde-Buchhandlungen. Die spielen also für den artclub auch eine Rolle?
Ja, eine ganz große. Dass die Büchergilde im Bereich der zeitgenössischen Druckgrafik eine so überragende Bedeutung hat, liegt auch daran, dass niemand auf eine solch phantastische Struktur von 80 potentiellen Kunststützpunkten in ganz Deutschland zurückgreifen kann wie der artclub. Plastisch gesagt: Kaum jemand wohnt hierzulande weiter als 30 oder 40 Kilometer von einem Büchergilde-Partnerladen entfernt, in dem sie und er sich Grafiken, Original-Fotos oder Pressendrucke live ansehen kann, die im Büchergilde Magazin oder im Webshop der Büchergilde ihre und seine Neugier erregt haben. Bei Gesamtauflagen von 30 Exemplaren einer Grafik kann man diese natürlich nicht in 80 Läden gleichzeitig vorrätig haben, aber binnen weniger Tage ist alles Gewünschte zur Ansicht vor Ort.

Und was ist mit den Ausstellungen?
Etliche Büchergilde-Partnerbuchläden betreiben eine eigene Galeriearbeit, zum Teil in die Buchhandlungen integriert, zum Teil sogar in extra Räumen. Sie präsentieren dort sowohl vom artclub vorgeschlagene Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern, die der Büchergilde durch artclub-Editionen oder Buchillustrationen verbunden sind, aber oft auch Künstler aus der eigenen Stadt oder Region. Auch das ist Teil der Idee der Kunstgemeinschaft artclub.

Sie haben ja 1997 die damals kurz vor dem Ende stehende Grafikedition der Büchergilde zum artclub umgeformt und seitdem mehr als 1600 Kunsteditionen für die Büchergilde verlegt. Aus der großen Erfahrung dieser knapp 20 Jahre gesehen: Wohin geht die Entwicklung?
Die größte Veränderung in dieser Zeit war, dass die Druckgrafik viel weiblicher geworden ist: Heute sind es vor allem junge Künstlerinnen, wie die der Leipziger Künstlerinnengruppe augen:falter, die das Geschehen dominieren – durch Qualität und Innovation. Aber nicht nur auf der Produzentenseite ist mehr weibliche Präsenz zu verzeichnen – auch bei den Interessenten! Früher waren das vorwiegend ältere Herren, die zwei Exemplare einer Kaltnadelradierung nebeneinander hielten, um sich das Exemplar mit dem tiefer ins Bütten eingegrabenen Grat zu sichern. Heute sind 50 Prozent der Kunstkäufer weiblich, Tendenz steigend. Und es sind auch jüngere Männer und Frauen, die sich für die auratische Qualität des Echten begeistern. Und die bietet nun mal die Druckgrafik.Und noch etwas ist festzustellen: Als ich vor 30 Jahren begann, Holzschnitte zu verkaufen, da gab es in Westdeutschland Grieshaber, und Grieshaber, und dann noch Grieshaber, und das schon seit 50 Jahren. Seit den 2000er-Jahren hat es im deutschen Holzschnitt eine wahre Explosion an Innovationen gegeben, Künstlerinnen und Künstler wie Petra Schuppenhauer, Franziska Neubert und Frank Eißner haben es vermocht, dieser Jahrtausende alten Technik völlig neue Dimensionen abzugewinnen. Das ist das Tolle an der Druckgrafik: Sie stützt sich auf eine gewaltige Tradition und bringt dennoch dauernd Neues hervor!

Ihre persönliche Begeisterung ist unüberhörbar…
Ja, das stimmt, ich könnte tagelang tolle Geschichten rund um die Kunst der Druckgrafik erzählen. Wissen Sie, ich glaube auch, dass die Druckgrafik im Alltag von viel mehr Menschen eine das Leben bereichernde Rolle spielt als die von den Feuilletons gehypte Großmessenkunst der Markt-Matadore. Und sie ermöglicht meines Erachtens in der Breite auch viel mehr Künstlerinnen und Künstlern ein Auskommen. Dass beides so ist, dazu trägt die Büchergilde mit ihrem artclub ihr Scherflein bei, und ich bin der Glückliche, der das vorantreiben darf.

Das Interview führte Christiana Walde.

Weitere Informationen zum Büchergilde artclub erhalten Sie unter www.buechergilde.de in der Rubrik Kunst und auf www.grafikbrief.de.

Mehr über die Genossenschaft erfahren Sie auf der Homepage der Büchergilde unter www.buechergilde.de/genossenschaft.