Ein Solitär der westafrikanischen Literatur

Thomas Brückner ist Autor, Herausgeber, Übersetzer und Kulturvermittler und auf afrikanische Literatur spezialisiert. Unter anderem hat er Romane von Ngũgĩ wa Thiong’o und Helon Habila übersetzt. Im Interview spricht er über die Herausforderungen eines Übersetzers und über die besonderen Qualitäten des Romans des ghanaischen Autors Kojo Laing, der nun exklusiv bei der Büchergilde erscheint.

Wie lange dauert es, bis Sie bei einer literarischen Übersetzung, den richtigen Ton gefunden haben?

Das ist durchaus eine Herausforderung. Deshalb ist es auch nicht so einfach, die Zeit zu bestimmen, denn bis man in so einem Roman drin ist, sind auch eine gewisse Zahl von  Fingerübungen vorweg gegangen, in denen man ausprobiert, wie kommt man am besten zu dem Ton und wie geht man das Buch insgesamt an und welchen Bogen schlägt man und das zieht sich dann im günstigsten Fall durch die verschiedenen Überarbeitungen nach dem Akt des Übersetzens. Hier geht die eigentliche Arbeit erst los.

 

Sie müssen auch immer wieder einige Versuche verwerfen?
Ja, jede Menge, was da über den Jordan geht oder im Orkus des Computers verschwindet - das sind etliche Sachen. Die erste Seite ist immer die schwierigste.

 

Aber wenn man die richtige Stimmung gefunden hat, dann wird das Übersetzen leichter?

Im Laufe des Übersetzens und indem man immer tiefer eindringt, verändert sich auch die Art, wie man übersetzt. Häufig muss man die ersten Kapitel viel stärker überarbeiten als die letzten, weil man bei den letzten Kapiteln doch noch tiefer drin ist, als bei den ersten.

 

Eine Besonderheit bei Kojo Laings Roman Die Sonnensucher ist die Verwendung von Pidgin-Englisch, eine Art Hybrid-Sprache. Das ist sicherlich schwer zu übersetzen. Man muss ja auch im Deutschen eine adäquate Entsprechung finden.

Das stimmt. Das ist schon hartes Holz, an dem man sich da abarbeitet. Anders als das westafrikanische Pidgin, das eine lebendige Sprache ist und eine eigenständige Varietät des Englischen, hat man ja im Deutschen nur die Möglichkeit, eine Art Kunstsprache, also etwas nicht Lebendiges zu entwickeln,  um wenigstens eine Annäherung an diese lebendige Sprache zu finden. Und das sind die Stellen, wo es nie ganz glücken kann.

 

Oft ist ja Sprache auch ein Kennzeichen für eine soziale Schicht oder eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Deshalb kann man einen afrikanischen Dialekt auch nicht in einen deutschen Dialekt übersetzen?

Das geht überhaupt nicht, weil die kulturellen und sozialen Konnotationen, die sich mit dem jeweiligen Dialekt verbinden derartig unterschiedlich sind, dass das nicht funktionieren würde. Man stelle sich vor, eine Figur aus einem afrikanischen Roman würde plötzlich Hessisch babbeln. Es wäre nicht nur unfreiwillig komisch, es wäre hochgradig peinlich.

 

Inwieweit hilft es Ihnen, wenn Sie die Autoren mal persönlich kennengelernt haben?

Natürlich hilft das sehr. Am schönsten ist es, wenn man zwei drei Tage nahezu ungestört miteinander verbringen kann. Es ist schon sehr hilfreich, wenn man den Autor sprechen hört, wenn man seine Mimik, seine Gestik in sich aufnehmen kann, seinen Sprachduktus, den Rhythmus seiner Sprache und die Sprachmelodie hört. Das hilft schon sehr, wenn man sich das immer wieder mal vor das geistige Auge rufen kann und das dann mittelbar in die Arbeit des Übersetzens einfließt.

Kojo Laing

Es gibt bei den Übersetzern zwei Schulen – die einen wollen möglichst nah am Originaltext bleiben, die anderen plädieren für eine freiere Übersetzung. Wie halten Sie es?

So nah wie nötig und so frei wie möglich. Das hängt eben wirklich damit zusammen, dass sich häufig eine andere Poetik hinter den Zeilen verbirgt, die man mit einer sich eng am Original haltenden Übersetzung nicht unbedingt transportieren kann. Zweitens sind auch einige Bilder, Metaphern, Wortspiele nur relativ frei bzw. nachdichtend zu übersetzen, wenn man nicht ein schiefes Bild erzeugen will. Das ist immer wieder eine Gratwanderung. Das hat dann auch zur Folge, dass man oft das tun muss, was im englisch-sprachigen Bereich Kill your Darling genannt wird: Man hat dann manchmal so eine Art Geistesblitz und findet einen Begriff, eine Entsprechung, eine Metapher, ein Bild, einen Vergleich besonders treffend, aber das funktioniert dann literarisch nicht, und dann muss man ihn wieder „umbringen“ und etwas anderes finden.

 

Sie haben einige Autoren übersetzt, die auch bei der Büchergilde erschienen sind: Darunter Ngugi wa Thiong’o, Helon Habila und nun Kojo Laings Roman Die Sonnensucher, ein Buch, das bereits 1986 erschienen ist und als der erste afrikanische Großstadt-Roman gilt. Wie ordnen Sie diese Autoren literarisch ein?

Sie gehören drei unterschiedlichen Generationen an. Ngugi wa Thiong’o ist das, was man in der afrikanistischen Literaturwissenschaft als die Vätergeneration bezeichnet. Er ist der erste gewesen, der einen modernen englisch-sprachigen Roman in Ostafrika zu Papier gebracht hat.

Von diesem Roman zieht sich eine lange Linie bis zu dem, was er in der jüngeren Vergangenheit geschrieben hat. Kojo Laing ist auch nicht mehr der jüngste. 1946 geboren, gehört er in gewisser Weise zur selben Generation wie Ngugi wa Thiong’o, hat aber wesentlich später angefangen zu schreiben und hat dadurch natürlich auf ganz andere Erfahrungswerte in der Literatur, hat auf ganz andere indigene, westafrikanische Literatur zurückgreifen können. Die wesentlichen Entwicklungen in der afrikanischen Literatur, die in den 50er- und 60er-und 70er-Jahren entstanden ist, standen ihm als Erfahrungswert schon zur Verfügung. Und Helon Habila gehört zur Enkelgeneration, und danach macht sich auch schon eine weitere Generation literarisch vehement bemerkbar. Diese greift natürlich auf einen noch größeren Erfahrungsschatz zurück.

Auch die persönlichen Bedingungen eines Autors sind sehr unterschiedlich. Helon Habila ist gleich in die USA gegangen und lebt überwiegend dort. Ngugi wa Thiong’o, ist, bevor er ins Exil ging, nach Auslandsaufenthalten immer wieder nach Kenia zurückgegangen. Und Kojo Laing, nach dem Studium und seit er die Leitung der Schule St. Anthonys übernommen hat, lebt ständig in Ghana, was heißt, dass die jeweiligen Erfahrungswelten der Autoren ganz unterschiedlich sind und das beeinflusst natürlich auch ihr Schreiben, das beeinflusst ihre Poetik, das beeinflusst auch das , was sie lesen, was sie rezipieren, was dann mittelbar wieder in ihr Schreiben einfließt. Aus diesem Grund ist es sehr schwer, sie einzuordnen.

 

Was zeichnet Kojo Laing aus?

Kojo Laing ist in der ghanaischen bzw. in der gesamten westafrikanischen Literatur so etwas wie ein Solitär. Jemand, der so surreal schreibt wie er, ist relativ selten.

Vielleicht muss man den Leser davor warnen, dass ihn ein derartiger Bilderrausch erwarten wird, dem er sich nicht mehr entziehen kann, der aber andererseits die Motivation seitens des Leser erfordert, diese Bilder auch zu entschlüsseln und in ihrer Einzigartigkeit und auch in ihrer Verrücktheit zu begreifen - und zu genießen. Kojo Laings Sprache ist sehr sinnlich, man kann die Luft fast riechen und man kann schmecken, wie sich die Gerichte, über die er da unter anderem schreibt, auf der Zunge und im Gaumen anfühlen. Es ist eine sehr sinnliche, sehr zupackende und auch sehr witzige und sehr verspielte Sprache.  Man erschließt sich einen Kulturkreis und das funktioniert über die Sprache des Autors sehr gut.

 

Die Fragen stellte Jürgen Sander.