„Die Geschichte Worpswedes ist noch lange nicht auserzählt“

(c) Daniela Platz

Angezogen von der Landschaft des Teufelsmoors, gründeten junge Maler Ende des 19. Jahrhunderts in Worpswede eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft und prägten nicht nur die Kunst durch ihre Werke in Jugendstil, Impressionismus und Expressionismus, sondern schufen auch einen einzigartigen Ort. Als Treffpunkt der Künstlerbewegung diente unter anderem das Jugendstil-Wohnhaus des Künstlers und Sozialisten Heinrich Vogeler und seiner Frau Martha Vogeler. Ihre Urenkelin Daniela Platz führt Besucher durch die Kunst-, Kultur- und Naturlandschaft Worpswedes und erzählt von der bewegenden Geschichte ihrer Familie. Anlässlich der im Juni 2020 stattfindenden Büchergilde-Reise nach Worpswede traf Dirk Schulte sie zum Gespräch.

Allee in Niedersandhausen (c) Daniela Platz

Frau Platz, mit welchen Gefühlen begegnen Sie Ihren Urgroßeltern?

 

Ich habe großen Respekt vor den Lebenswegen meiner Urgroßeltern, die durch einige politische Großereignisse geprägt wurden, vom Kaiserreich bis zum zweiten Weltkrieg. Martha Vogeler ist für mich ein Vorbild, weil sie in Zeiten, in denen Frauen zunächst keine Eigenständigkeit leben konnten, trotzdem ihren Weg gegangen ist. Erstaunlich ist Heinrich Vogelers frühe Modernität bei allen gesellschaftlichen Fragen. Die Befreiung der Frau war ihm früh ein Anliegen, selbst als seine Frau Martha aus der Ehe ausbrach. Sein Manifest der Freien Liebe aus den Zwanzigerjahren zeugt von dieser großen Menschenliebe.

 

Wie erklären Sie sich die ungebrochene Strahlkraft Worpswedes, die sich auch in steigenden Besucherzahlen widerspiegelt?

 

Worpswede ist das einzige Künstlerdorf in Europa, in dem durchgehend von 1889 bis heute Künstlerinnen und Künstler leben und arbeiten — zurzeit sind das ca. 150 Künstlerinnen und Künstler, Kunsthandwerker und Kunsthandwerkerinnen. Die ersten Künstlergenerationen bauten mitten im Ort ihre Atelierhäuser, die zum Teil heute besichtigt werden können. Ihre Kunstwerke können in sechs Worpsweder Museen, einem Museum in Fischerhude und drei Bremer Museen betrachtet werden. Es gibt mehrere Archive und Stiftungen, die eine große Menge Material über die Künstlerfreundschaften bewahren, was uns ermöglicht, sich in diese Zeit zurückzuversetzen.

 

In den vergangenen Jahrzehnten sind zahlreiche Künstlerbiografien sowie kunsthistorische und psychologische Veröffentlichungen zum Thema Worpswede erschienen. Ist damit alles erzählt?

 

Nicht zu allen Künstlern sind Biografien veröffentlicht worden. Da fällt mir spontan Fritz Mackensen ein, der der Entdecker Worpswedes war. Seine Nähe zum Nationalsozialismus könnte für WissenschaftlerInnen ein interessantes Forschungsfeld ergeben. Die bisherigen Veröffentlichungen

über die nationalsozialistische Zeit in Worpswede sind leider nicht nach wissenschaftlichen Prinzipien, sondern sehr polemisch abgefasst. Da kann ich nur sagen, die Geschichte Worpswedes ist noch lange nicht auserzählt.

 

Immer wieder haben sich auch Gegenwartsautorinnen und -autoren mit Worpswede befasst.  Ist es eher die markante Landschaft oder aber die Künstlerdorf-Historie, die Literaten motiviert, über Worpswede zu schreiben?

 

Die Künstlerkolonie hat von Anfang an die Literaten angeregt, über die kreative Lebenswelt in einem kleinen Dorf zu erzählen, ebenso wie die karge und menschenfeindliche Moorlandschaft die Fantasie angeregt hat. Heute sind es vor allem die Krimiautoren, die sich von den Geschichten des Dorfes und des Teufelsmoores inspirieren lassen. Selbst ein Tatort spielte einmal im Teufelsmoor. Aber es gibt auch sehr liebevolle und poetische Texte von Worpsweder Künstlern wie Pit Morell und Johannes Schenk. Der bekannteste Autor ist Moritz Rinke, der aus einer Worpsweder Künstlerfamilie stammt und heute Dramatiker, Romanautor und Kolumnist in Berlin ist.

 

Malerei, Bildhauerei, Design, Poesie, Musik - seit jeher ist Worpswede auch Begegnungsort unterschiedlicher künstlerischer Disziplinen. Färbt dieses gewachsene Miteinander der Künste auch auf die in Worpswede arbeitenden jüngeren Künstlergenerationen ab?

 

Die jüngere Künstlergeneration kommt meist nur auf Zeit als Stipendiat der „Künstlerhäuser Worpswede“ in den Ort. In den letzten Jahren waren es zahlreiche Studierende aus Kiel, Berlin und Bern. Worpswede bietet da den perfekten Rückzugsort von dem aufreibenden Kunstbetrieb in den Städten. Die neue Kunst ist meist eine Mischung aus allem, inklusive der neuen digitalen Möglichkeiten. Aber, wie die jetzige Ausstellung „Resonanzen II“ im Barkenhoff und in der Großen Kunstschau zeigt, kommt auch wieder die reine Malerei in Mode. Auch Landschaft als Thema ist nicht mehr tabu. So wie die alten Worpsweder Künstler und Künstlerinnen malt heute natürlich niemand mehr.

 

Die Kunsthalle, die Kunstschau, der Barkenhoff sowie das Haus im Schluh wurden in den vergangenen Jahren aufwendig saniert. Was bedeutet diese Aufwertung für die kuratorische Arbeit?

 

Es ist vor allem mehr Ausstellungsfläche geschaffen worden, sodass neben den Sammlungen auch Wechselausstellungen mit bedeutenden Leihgaben gezeigt werden können. Außerdem haben sich die vier Museen zum Worpsweder Museumsverbund zusammengeschlossen. Die Gäste sollten aber auch die „Käseglocke“ und das Museum am Modersohnhaus nicht vergessen. Ich kann nur empfehlen, sich genug Zeit für Worpswede zu nehmen. Der Ort bietet ja auch einige sehr schöne Naturerlebnisse, wie die Flusslandschaft an der Hamme. Die Torfschiffsfahrt durch das Naturschutzgebiet ist ein echtes Erlebnis.

 

Haus im Schluh - (c) Daniela Platz

Die Fülle der in Worpswede gezeigten Exponate ist immens. Gab es schon Momente, in denen Sie sich "sattgesehen" haben?

 

Ganz im Gegenteil. Der Eindruck von Kunst wird mit jedem neuen Betrachten immer intensiver. Auch das Erleben der heutigen Moorlandschaft vertieft das Verständnis für die Malerei der ersten Künstler. Jeder Gang durch das Teufelsmoor eröffnet mir neue Erkenntnisse über die Malerei der ersten Worpsweder. Gelegentlich werden auch Bilder in privaten Sammlungen neu entdeckt und können erstmals in Worpswede präsentiert werden. Manchmal werden die Werke auch in neue Zusammenhänge gehängt und ermöglichen dadurch ein frisches, neues Sehen. Einige Malereien haben ihre Modernität bis heute nicht eingebüßt, ich denke zum Beispiel an Paula Modersohn-Becker oder Bram van Velde.

 

Verraten Sie uns drei Ihrer Worpsweder Lieblingskunstwerke?

 

Nummer eins ist der „Frühling“ von Heinrich Vogeler, eines seiner Hauptwerke, das schon 1897 entsteht. Im Zentrum steht seine spätere Frau Martha Schröder in einem blauen Reformkleid nach Vorbild der Präraffaeliten. Es hängt in unserer Familienstiftung im Haus im Schluh.

Nummer zwei ist das Gebäudeensemble Kaffee Worpswede und Große Kunstschau, das vom Bildhauer Bernhard Hoetger zwischen 1925 und 1927 entworfen wurde. Es ist eine sensationelle Mischung aus norddeutschem Fachwerkhaus, expressionistischer Klinkerarchitektur und einem den Germanen nachempfundenen Exotenstil. Deswegen nannten es die Worpsweder auch „Café Verrückt“.

Nummer drei ist das Werk von Andrea Wolfensberger, das sie in diesem Jahr direkt für den runden Saal der Großen Kunstschau entwickelt hat. Über zwei Meter ist es groß und visualisiert den Klang der balzenden Kraniche.

 

 

Sie haben einen Großteil Ihres Lebens in und mit Worpswede verbracht. Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie nicht in Worpswede sind?

 

Worpswede ist ein sehr grünes Dorf. Manchmal wundere ich mich, mit wie wenig Natur die Menschen auskommen. Und Worpswede hat ein sehr quirliges Kulturleben. In kurzen Abständen folgen die Ausstellungseröffnungen aufeinander. Die MusicHall ist ein Konzerthaus mit überregional interessanten Musikern. Auch die Kirche bietet jeden Sonntagnachmittag ein Konzert mit überregional bekannten Musikern an. Und das Theater in der alten Molkerei bietet Boulevardtheater. Da fahre ich dann lieber mal in eine Großstadt, damit ich davon nichts einbüßen muss.

 

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Botschaft, die die Worpsweder Künstler der vorletzten Jahrhundertwende den heutigen Generationen mit auf den Weg geben könnten?

 

Die wichtigste Botschaft ist durch die Gründung eines Vereins dokumentiert: Der "Verschönerungs-Verein Worpswede von 1903 (Heimatschutz) e.V."  hatte den Zweck, das Ortsbild und die Natur Worpswedes zu erhalten. Es gab eine Baukommission, die Referenten einlud, über regionale Architektur zu referieren und sie verteilte Preise für gelungene Neubauten. Der Erhalt der schönen und weitläufigen Landschaft mit dem Weyerberg mitten im Teufelsmoor ist auch heute eine wichtige Aufgabe. Den Künstlerinnen und Künstlern war schon damals klar, dass die Natur durch eine verstärkte Industrialisierung und die Ausweitung der städtischen Strukturen erheblich in Mitleidenschaft gezogen wird. Dem stemmten sie sich mit ihren Möglichkeiten entgegen. Ihre Bilder erinnern uns an unsere Bedürfnisse nach Ruhe, Erholung und Entspannung in immer schneller werdenden Arbeitszusammenhängen.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Platz!

 

 

Das Programm der Worpswede-Reise und weiterer Literaturreisen der Büchergilde finden sie hier.

 

Daniela Platz ist die Urenkelin von Martha und Heinrich Vogeler und lebt und arbeitet in Worpswede. Studium der Architektur, Kulturwissenschaften und Kunstgeschichte. Bis 2014 Geschäftsführerin des Museums Haus im Schluh. Kuratoriumsmitglied der Heinrich Vogeler Stiftung Haus im Schluh Worpswede. Seit 2014 selbständige Kulturwissenschaftlerin, Kunstvermittlerin, Kulturjournalistin. Vorträge, Seminare, Museums- und Ortsführungen zur Worpsweder Kunst- und Kulturgeschichte.

 

Dirk Schulte ist freier Kulturschaffender und konzipierte in den vergangenen Jahren zahlreiche Kultur-Reiseprogramme für Terra Allegra.