Wie bildende Kunst. Wie Design. Wie gutes Essen. Wie Reisen.

Cosima Schneider, Herstellungsleiterin der Büchergilde, über das Glück, Bücher zu gestalten, über Form und Inhalt und den wunderbaren Klang beim Umblättern der Seiten.

Woher kommt Deine Begeisterung für die Buchgestaltung?
Wirklich beantworten kann ich das gar nicht. Ich weiß nur, dass ich an der Hochschule immer aufgezogen wurde, weil fast alles, was ich machte, in einem Buch endete. Das Buch ist für mich ein perfekter Ort. Ein perfektes Ding. Ein Raum, in dem ich mich bewegen kann. Ein Buch hat eine überschaubare Größe. Eine Dimension, die ich begreife und in der ich mich traue, neue Welten zu entdecken. Es ist leise. Intim. Ich bin kein Fan der XXL-, Geiz ist geil-, Alles muss raus- und All you can eat-Kultur. Ein Buch ist das Gegenteil von maßlos, das gefällt mir. Und gleichzeitig können sich in einem Buch Welten öffnen. Das fasziniert mich.

Während meines Studiums hatte ich das Glück, bei Franz Mon (Mitbegründer der Visuellen Poesie und Autor) zu studieren. Er gab uns eine Aufgabe: „Nehmt ein Lieblingswort, druckt es, schneidet es aus und legt es auf ein Stück Papier. Schiebt es an unterschiedliche Stellen und beobachtet, was mit dem Wort passiert. Dann fügt ein weiteres Wort hinzu und verschiebt nun beide.“ – Das Ergebnis ist phantastisch – das Wort bekommt einen anderen Klang, eine andere Aura, je nachdem, wo es auf dem Blatt steht.

Und so ist es mit der Buchgestaltung. Sie kann phantastisch sein, sie kann Räume eröffnen, Erkenntnisse bringen, beglücken. Wie bildende Kunst. Wie Design. Wie gutes Essen. Wie Reisen.

 

Was zeichnet ein gut gemachtes Buch für Dich aus?
Wenn die Form dem Inhalt folgt. Wenn Typographie, Gestaltung, Auswahl der Materialien den Inhalt optimal in Szene setzen. Wenn man die Sorgfalt, mit der es hergestellt wurde spürt, aber sie sich nicht in den Vordergrund drängt. Das Buch ist ein altes Medium. Es ist immer wieder die Entdeckung der Schönheit in der Tradition.

Was macht den Reiz eines illus trierten Buches für Dich aus?
Zum einen das Lesen selbst und zum anderen, passende Illustratoren für die Texte zu entdecken. Ein illustriertes Buch vermag es manchmal, mir einen Text zugänglich zu machen. Ich finde es sehr bereichernd, in welche Beziehung Text und Bild zueinander treten. Es ist eine Art Kommunikation, der ich beiwohne. Ich kann mich aber auch nur auf die Bilder einlassen, in ihnen versinken – wie damals als Kind. Ich bin ein visueller und haptischer Mensch. Ich begreife Dinge durch Berührung nachhaltiger. Manche Bücher riechen z. B. auch gut, und andere haben einen  wunderbaren Klang beim Umblättern der Seiten.

 

Wo liegt die Herausforderung bei einem illustrierten Buch?
Zum einen natürlich, den passenden Künstler, die passendeKünstlerin zu finden. Und zum anderen, Bild und Text gestalterisch und herstellerisch gerecht zu werden. Zum Text des Autors kommt hier noch die bildnerische Parallelwelt des Künstlers. Als Buchgestalterin und Herstellerin setze ich mich mit beiden auseinander und gebe ihnen eine Form. Das ist eine unglaublich schöne Arbeit. Es ist vor allem auch ein Prozess. In engem Austausch mit Druckerei und Buchbinder probiere ich auch gerne Ungewöhnliches aus (wenn’s passt). Es geht darum, Text und Bild auszuloten, beides auf die Spitze zu treiben – alles natürlich mit Blick auf den Kostenrahmen.

 

Was ist das Besondere an Daphne du Maurier, Ein Tropfen Zeit?
Hier finde ich die Art und Weise, wie Kristina Andres für das illustrierte Buch gearbeitet hat, ungewöhnlich. Sie baut eine Art Kulisse, Szene, fotografiert sie und malt dann anschließend in Öl auf Leinwand. Das ist eine sehr zeitintensive Arbeit. Ihre Bilder haben eine beklemmend eindringliche Stimmung. Sie selbst sagt: „Ein Tropfen Zeit ist die Geschichte einer unendlichen Sehnsucht“. Und genau das schafft sie mit diesen wunderbaren Bildern (Die man im Übrigen auch käuflich erwerben kann!).

 

 

Die Fragen stellte Jürgen Sander