„... es sind die Verlierer, die uns anziehen.“

Die brasilianische Autorin Ana Paula Maia im Interview über ihren Roman Krieg der Bastarde, über Anti-Helden, über Gewalt und Blutvergießen und ihre Inspirationsquellen.

Die Fragen stellte Jürgen Sander

In Ihrem Roman Krieg der Bastarde geht es ganz schön zur Sache. Er legt ein hohes Tempo vor und hat viel Witz. Ist das charakteristisch  für Ihre Art zu schreiben?
Es gefällt mir, zwischen den inneren Monologen meiner Figuren und der Handlung, die die Geschichte voran treibt, hin und herzuwechseln. Deshalb besitzen meine Bücher eine große Lebendigkeit, doch das geht nicht zu Lasten der Entwicklung meiner Figuren. Ich mag Bücher, die mich dazu verführen, weiterzulesen, die vorankommen, aber es gibt auch Bücher, die wunderbar geschrieben sind, aber wenig Tempo bei den Dialogen und der Handlung haben.

 

Beschreiben Sie doch bitte die Hauptfiguren aus Krieg der Bastarde.
Es sind einfache Leute, Mistkerle, Kriminelle, Idioten, Verführte aller Art – Leute, die man überall auf der Welt finden kann, manche sind schneller erkennbar, andere erst später. In diesem Buch begegnen wir ihnen Auge in Auge, und hier wird das Beste, aber auch das Schlechteste in ihnen sichtbar.

 

Aber Sie haben eine große Sympathie für diese Leute?
Auf jeden Fall, Anti-Helden sind viel interessanter als Helden. Die gesamte Literatur besteht aus den Verlierern und ihren Dramen. Jeder will natürlich ein Held sein, aber es sind die Verlierer, die uns anziehen.

 

Die Hauptfigur in Krieg der Bastarde ist Amadeo, der als Darsteller in Porno-Videos arbeitet. Er hat eine Tasche voller Kokain geklaut, und damit will er mit seiner großen Liebe Gina ein neues Leben beginnen. Krieg der Bastarde ist also auch ein Liebesroman?
Ja, das stimmt, aber ich erzähle von meinem ganz eigenen Konzept einer Liebesgeschichte.

 

„Der Mensch ist ein Mikrokosmos,“ sagt Horacio zu Beginn des Romans, „und er expandiert ins Chaos.“ Was meinen Sie damit?
Dieser Satz erklärt all das, was den Figuren in meinem Roman zustößt. Wir alle sind ein Mikrokosmos, mit unseren Sehnsüchten, unserem Verlangen, unseren Träumen, unseren Erfolgen. Ins Chaos expandieren,  heißt für meine Figuren, dass sich ihr Leben umso chaotischer entwickelt, je mehr sie sich bewegen, Und so schlittern sie von einer Katastrophe in die nächste.

 

In Ihrem Buch gibt es eine Menge Gewalt, es fließt ordentlich Blut. Wie wichtig sind diese Elemente für Sie?
Wenn ich eine Geschichte über einen Koch erzählen würde, dann kämen sicher Dinge vor, die es in einer Küche gibt. Ich schreibe übrigens auch über die Zubereitung von Essen, das nur nebenbei. Wenn ich aber eine Geschichte wie in Krieg der Bastarde erzählen will, wie könnte ich dann ohne Gewalt und Blutvergießen auskommen? All diese Elemente sind wichtig für das Buch und für die Geschichte, die ich erzählen will, allerdings nicht für mich persönlich.

„Ein cineastischer Roman voller unwahrscheinlicher Zufälle: poetisch, skurril und von grausig beschwingter Brutalität.“

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Brasilien gilt als gewalttätiges Land. Ist Ihr Buch auch eine Kritik an der Politik und der sozialen Wirklichkeit dieser Gesellschaft?
Das Buch hat sicherlich eine soziale Komponente. Ganz grundsätzlich kritisiere ich die sozialen Zustände und natürlich sind die politischen Verhältnisse von Bedeutung, denn der Mensch ist ja ein politisches Wesen, wie schon Aristoteles wusste, aber bei diesem Buch ist die politische Dimension eher im Hintergrund, aber bei meinen nächsten drei Büchern bin ich tiefer in diese Materie eingestiegen.

 

Man liest immer wieder, Ihr Buch sei von Pulp Fiction und Quentin Tarantino beeinflusst. Stimmt das?
Tarantino ist eine wichtige Inspirationsquelle, und ich bin generell mehr von Filmen als von Literatur beeinflusst. Die Kunst verlangt nach Querverbindungen und es gibt natürlich mehrere Einflüsse, von denen Tarantino lediglich eine ist. Mein letzter Roman, der gerade in Brasilien veröffentlicht wurde, verarbeitet Anregungen aus Sergio-Leone-Filmen. Viele Künstler suchen nach Inspiration bei anderen Kunstformen. Und ich suche sie beim Kino und neuerdings auch in der Bildenden Kunst.

 

Sie haben Krieg der Bastarde zunächst online veröffentlicht, weil Sie der Überzeugung waren, kein Verlag würde diesen Roman verlegen. Wie waren die Reaktionen darauf?
Es ist ja ein Roman, der in Brasilien ohne Vorbild war. Auch diese Art von Dialogen hatte bis dahin kein brasilianischer Autor geschrieben Bis heute gilt meine Art zu schreiben in Brasilien als ungewöhnlich. Als der Text veröffentlicht war, wurde ein großer brasilianischer Verlag auf mich aufmerksam, der bis heute meine Bücher herausgibt.

 

Und nun wird Ihr Roman verfilmt?
Er befindet sich zwar noch in der Post-Produktion, aber ich habe das Drehbuch gelesen und finde es sehr gut. Und jetzt wird bald mein erster Feature-Film gedreht: mein Debüt als Drehbuchautorin.

 

Wie haben Sie mit dem Schreiben begonnen?
Ich habe vor 13 Jahren mit dem Schreiben begonnen, allerdings ohne jeden Ehrgeiz. Ich wollte mich nur ausdrücken, und das Schreiben war die einfachste Möglichkeit für mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das einmal ein wichtiger Teil meines Lebens sein würde. Heute kann ich ohne mein fiktionales Universum und meine Figuren nicht mehr leben.

 

Sie haben ja auch mal in einer Punkband gespielt?
Als Teenager habe ich Schlagzeug in einer Punkband gespielt. Es hat einfach Spaß gemacht, und ich habe mich produktiv gefühlt. Es war vor allem eine Welt jenseits der Schule. Aber mit meinem Schreiben hat das nichts zu tun.