Matthias Beckmann im Gespräch

 

Die Herstellungsleiterin der Büchergilde, Cosima Schneider, sprach mit Matthias Beckmann, der für die Büchergilde Turgenjews Roman Väter und Söhne illustriert hat, über seine Arbeit am Buch.

„Ich möchte, dass etwas von meiner Entdeckerfreude auf den Betrachter überspringt“

Der Künstler Matthias Beckmann im Interview über seine Arbeit an Iwan S. Turgenjews Väter und Söhne, über Museumsbesuche und die besonderen Vorzüge der Linienzeichnung und über den Reiz technischer Dinge. Die Fragen stellte Jürgen Sander

Sie haben gerade den Roman Väter und Söhne von Iwan S. Turgenjew illustriert. Wie hat Ihnen der Roman gefallen und welche Assoziationen hatten Sie beim Lesen des Textes?
Ich hatte zuvor nur wenig russische Literatur gelesen, Tolstoi, Dostojewski und einige Erzählungen von Gogol, Tschechow und Daniil Charms. Mir hat der Roman von Turgenjew gleich gut gefallen da er verständlich geschrieben ist und sehr plastisch die Konfrontation ganz unterschiedlicher Weltanschauungen und Lebensweisen veranschaulicht. Ich habe versucht mir vorzustellen, wie die Schauplätze und die Requisiten der Handlungen aussehen. Über das Aussehen der Personen hatte ich nicht sogleich klare Vorstellungen.

 

Wie haben Sie die Textstellen ausgewählt, die Sie zu Ihren Zeichnungen angeregt haben?
Ich habe nicht überlegt, welche Textstellen wesentlich sind und illustriert werden sollten. Vielmehr bin ich so vorgegangen, dass ich im Text Hinweise auf konkrete Räume, Orte und Objekte unterstrichen habe - eben alles Sachen, die sich gut zeichnen lassen. Um mir einen besseren Überblick zu verschaffen, habe ich eine Liste der wichtigsten "Darsteller" mit Informationen zu Alter, Aussehen und anderen Eigenschaften erstellt. Ich wollte dann wie ein zeichnender Reporter die Orte aufsuchen, an denen man diesen Roman vielleicht verfilmen könnte.

 

Und dazu haben Sie verschiedene Museen besucht, um zu zeichnen. Allerdings hatten Sie auch mit den Tücken des Winters zu kämpfen, da es an manchen Orten zu kalt zum Zeichnen war?
Berlin hat eine große Fülle an Museen, die sowohl prachtvolle Räume als auch die verschiedensten Objekte bieten. Die prunkvolle Treppe fand ich im Bode-Museum, medizinische Instrumente im Medizinhistorischen Museum der Charité, den Koffer mit den Duellpistolen im Deutschen Historischen Museum. Eine orthodoxe Kirche besuchte ich auch. Als ich für Ausstellungsvorbereitungen in Paris war, habe ich dort im Jagdmuseum und im stadthistorischen Musée Carnavalet gezeichnet. Oft bin ich einfach durch Museen flaniert und habe gedacht, dieser Raum, dieses Porträt oder dieser Gegenstand würde irgendwie passen. Es ist immer besser, etwas mehr zu zeichnen, um dann mit dem Material flexibler umgehen zu können.

Der Illustrationsauftrag kam kurzfristig Anfang des Jahres, und so war es in der russischen Kolonie Alexandrowka in Potsdam so eisig kalt, dass meine Finger froren. Entgegen meiner Gewohnheit habe ich dann Fotos von Hütten, Häusern und Holzstapeln gemacht, nach denen ich später gezeichnet habe. Den Samowar fand ich in einem kleinen, gut geheizten Café in der Siedlung.

 

Sie haben sich ja auf Konturzeichnungen spezialisiert. Was ist für Sie das Faszinierende an Konturzeichnungen und welche Eigenschaften und Vorzüge hat diese künstlerische Technik gegenüber anderen Stilrichtungen? Sie verzichten ja auch auf Farbe, Sie verwenden Graphitstifte. Welche Wirkungen kann man damit auslösen?
Ich habe während meines Studiums viel nach der Natur gezeichnet und mich um Räumlichkeit und Atmosphäre bemüht, sicherlich auch resultierend aus einer Vorliebe für die Zeichenkunst des 19. Jahrhunderts. Neben Dürer ist Adolph Menzel mein Lieblingszeichner. Ich mache heute meist reine Linienzeichnungen, die jedoch nicht auf die Umrisse beschränkt sind, sondern auch Strukturen, Binnenzeichnung, Ornamente und zuweilen die Formen der Schatten, Lichtreflexe oder Spiegelungen mit einbeziehen. Diese Art der Zeichnung gibt es bei mir seit ich 2001 ein Stipendium für Paris hatte. Ich wollte sowohl zeichnen als auch die Stadt entdecken. Also bin ich mit Skizzenbüchern losgezogen. Ich beschränke mich auf die Linie, da ich so schneller bin als bei schraffierten Zeichnungen mit Graustufen. Ich kann auch bewegte Situationen und Personen zügig erfassen und zudem hat die Linienzeichnung einen eigenen Reiz. Trotz großer Nähe zum Abgebildeten und einem fast fotografischen Blick hat die Linienzeichnung einen hohen Abstraktionsgrad. Die Linie macht alles gleich, nähert räumlich entfernte Dinge einander an und verwebt die Dinge zu einem Flächenornament. In Paris habe ich auch angefangen, mit dem Druckbleistift zu arbeiten. Der Stift ist immer spitz.

 

Sie fertigen Serien an, und haben für das Buch 172 Zeichnungen geschickt. – Diese Serien gehören auch zu Ihrem künstlerischen Konzept. Was können Sie mit diesen Serien ausdrücken, was mit einer einzelnen Zeichnung nicht gelingt? Sind es die Perspektivwechsel, das in den Blick nehmen kleinerer, vermeintlich unwichtiger Details?
Da ich gerne zeichne, liebe ich es auch, viele Zeichnungen zu erarbeiten. So kommt man fast zwangsläufig zur Zeichenserie. Oft denke ich, dass ein bestimmter Ort oder ein Thema so komplex ist, dass das nicht auf einem einzigen Blatt adäquat dargestellt werden kann. Die Zeichnungen ergänzen einander, und in meinen Ausstellungen wandert der Blick von einem Blatt zum nächsten, vergleicht, entdeckt Neues oder sieht Bekanntes mit anderen Augen. Es ist das Spannende beim Zeichnen vor dem Objekt, dass sich die Sicht ständig verändert, wenn ich mich im Raum bewege, stehe, sitze, nach oben oder unten schaue. Details fand ich als Zeichner immer interessant, und mir war es stets unbegreiflich, wie man feststellen soll, ob etwas wichtig oder unwichtig ist. Zum Entsetzen der Zeichenlehrer an der Akademie fand ich beim Aktzeichnen die Armbanduhr, die Tätowierung, Ohrringe oder den Hund des Modells immer besonders zeichnenswert.

 

In Väter und Söhne sind jetzt Räume, Architektur, Gemälde, Apparaturen, medizinische Gerätschaften wie zum Beispiel Knapps Ophtalmotrop zu sehen. Durch diese Mischung der Objekte entsteht parallel zum Text eine Welt, die, obwohl historische Motive zu sehen sind, sehr unmittelbar und gegenwärtig wirkt. Wie würden Sie Ihre Absichten bei der Motivauswahl beschreiben?
Ich möchte, dass etwas von meiner Entdeckerfreude auf den Betrachter überspringt. Es gibt alle diese interessanten Dinge und Orte, und ich bin ein Reisender, der alles mit frischem Blick aufzeichnet. Besonders schön finde ich immer wieder technische Dinge, die ich nicht verstehe und deren Formen mich faszinieren. Um ehrlich zu sein, will ich die Dinge gar nicht verstehen. Sehen und zeichnen reichen schon.

 

Sie haben ja viele Ausstellungen bestritten und werden auch von Firmen beauftragt, das jeweilige Haus zu „porträtieren“. Nun haben Sie diesen Roman illustriert. Was war hier anders, und was war neu?
Ich arbeite als freier Künstler und finde es aber auch gut, wenn ich einen klaren Auftrag bekomme, der mir bei der Umsetzung viel Freiheit lässt. Ich finde es toll, wie ideenreich die Maler des Mittelalters und der Renaissance als Auftragsmaler waren. Das von außen gestellte Thema engt nicht ein, sondern gerade dieser Rahmen erlaubt erst Freiheiten. Die Idee des Künstlers, der unabhängig von Auftraggebern oder dem Publikum arbeitet, ist historisch erst sehr spät aufgetreten und ich stelle fest, dass heute immer mehr Künstler gerade die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, den Menschen, konkreten Situationen und dem sozialen Umfeld wieder suchen. Illustration ist deshalb eine schöne Sache. Mich wundert, dass man mich nicht öfter danach fragt.