"Die Wahrheit ist eine Utopie"

Interview und Fotografie: Martin Mascheski

Marie Wolf, geboren 1991, studierte ab 2010 an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin Kommunikationsdesign. Seit ihrem Abschluss 2014 lebt sie als freiberufliche Illustratorin in Berlin und arbeitet für verschiedene Magazine. Die Wahrheit ist ihre Abschlussarbeit und ihr Debüt.



Wer ist Marie Wolf?
Marie: Marie Wolf ist eine Illustratorin, eine Dolmetscherin und eine junge Frau, die gerne etwas von der Welt sehen möchte.

Was heißt das, etwas von der Welt sehen?
Marie: Wenn ich die Möglichkeit habe, dann reise ich gerne, weil ich das Gefühl habe, dass man außerhalb des gewohnten Umfelds plötzlich wieder bewusst wahrnehmen kann. Ich bin vor zwei Jahren nach Indonesien geflogen und der schönste Moment ist der, wenn man aus dem Flugzeug steigt und man nimmt den Geruch war, der so anders ist, man hört die Geräusche und man weiß, es ist immer noch derselbe Planet auf dem man steht, aber irgendwie ist alles anders und neu. 

Meinst du, dass sich dieser Moment abnutzen kann?
Marie: Ich glaube schon, ja. Wenn ich jetzt noch ein zweites Mal hinkomme, würde ich schon intensiver wahrnehmen, als ich das jetzt in Berlin tue, aber dadurch, dass ich diesen ersten Moment schon einmal hatte, alle Antennen sind aufgestellt sozusagen, wäre es nicht noch einmal so intensiv.

Gibt es denn diesen Moment noch in Berlin?
Marie: Ich glaube man kann sich sagen: Ich will jetzt bewusst wahrnehmen. Man hält diesen Moment inne, vielleicht wenn man auf die Bahn wartet und fragt sich, was passiert um mich rum, was für Leute umgeben mich, wie sind die Geräusche, wie sind die Gerüche? Wenn man in seinem gewohnten Umfeld ist, im Alltag, geht diese Neugier manchmal ein bisschen verloren.

Was sollten wir denn unbedingt über dich wissen?
Marie: (schmunzelt) Ich habe lange überlegt, ob meine Arbeit und meine Person in Einklang gebracht werden müssen oder ob das zusammengehört. Lange war ich der Meinung, dass das zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. Wichtig über mich zu wissen, ist, dass ich die Illustrationen nicht als schöne Bildchen sehe. Ich sehe sie vielmehr als Art und Weise zu übersetzen, anderen einen Kontext näher zu bringen, der sonst schwer zugänglich ist. Meine Art des Übersetzens ist die Illustration.

Ich kenne keinen Künstler, der sein Schaffen von seiner Person trennt – da würde mir niemand einfallen.
Marie: Ich sehe mich selbst gar nicht als Künstlerin. Ich habe Kommunikationsdesign an der HTW Berlin studiert. Ich fand Illustration schön, aber ich habe lange gedacht, dass ich mich darüber nicht so gut ausdrücken kann. Dass ich die Leute damit nicht berühren, bewegen oder aufrütteln kann. Aber im Laufe meines Studiums hat sich das geändert. Trotzdem sehe ich die Illustrationen mehr als Design denn als Kunst. Ich habe eine klare Intention, die ich verfolge. 

Du beschäftigst dich oft mit politischen und wirtschaftlichen Themen. Ist es das, was dich auch persönlich interessiert?
Marie: Politische Themen bewegen mich oft. Häufig kommt man über das gesprochene Wort nicht weiter, man verheddert sich in Floskeln und kann im Prinzip gar nicht den Nagel auf den Kopf treffen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Illustration ein Mittel ist, um da anzusetzen, wo das gesprochene oder geschriebene Wort aufhört. Gerade in der jetzigen Zeit ist es oft schwierig zu erkennen, wo die seriöse Berichterstattung aufhört und wo Propaganda anfängt.

Da sind wir ja auch schon bei deinem großen Thema: Was ist die Wahrheit?
Marie: Die Wahrheit ist eine Utopie. Wenn ich etwas darstelle, ist das absolut subjektiv, es ist keine objektive Meinung, sondern meine Sicht auf die Dinge. Über das Bild lässt sich unglaublich gut manipulieren. Wenn man den Fernseher einschaltet und sich die Nachrichten anschaut, sieht man wie leicht das funktioniert. Es wird ein Teil des Bildes weggelassen und schon entsteht ein ganz anderer Kontext. Die Perspektive wird verändert und es ist eine ganz andere Aussage da. Ich glaube wir hängen zu sehr an dem Wort der Wahrheit. Wir erwarten die Wahrheit, wenn wir Nachrichten konsumieren oder uns über die Medien informieren. Aber vielleicht ist es etwas, was wir gar nicht erwarten können, weil es einfach unmöglich ist.

Ich befürchte, dass die Menschen einfach Angst haben, wenn sie dem Gezeigten nicht mehr trauen können, dann haben sie nichts mehr, woran sie sich festhalten können.
Marie: Menschen wollen an etwas glauben, das eine Stabilität vermittelt. Man will etwas haben, woran man glauben kann, um seine eigene Meinung zu entwickeln. Dennoch ist alles, was wir bekommen, mehr oder weniger eine Meinung, es ist niemals objektiv. Wir sind nicht live dabei und selbst wenn wir es wären, könnten wir auch nur in eine Richtung gucken. Wir wissen nie, was in demselben Moment hinter uns passiert.Man kann erwarten, dass die Berichterstattung so viele Blickwinkel wie möglich einbezieht, um sich dieser Utopie der Wahrheit anzunähern. Je mehr Blickwinkel oder Perspektiven man einbezieht, desto näher kommt man diesem unerreichbaren Ding, der Wahrheit.

Der Wahrheit hast du dein Debüt gewidmet. Wie hast du dich dem Thema thematisch genähert?
Marie: Als ich angefangen habe über das Projekt nachzudenken, war gerade der NSA-Konflikt sehr präsent. Es gab Leute, die Edward Snowden als Helden bezeichneten, als Robin Hood. Und es gab diejenigen, die ihn als Verräter bezeichneten. So kontroverse meinungen, obwohl einem Großteil der Leute die selben Informationen zugänglich waren. Wie kann das sein?Ich wollte die Menschen sensibel machen für die Manipulation, der wir tagtäglich ausgesetzt sind. Deshalb habe ich mich entschieden, zwei Versionen einer Geschichte zu präsentieren und rein über das Bild zu manipulieren. Es gibt also die schwarze und die weiße Wahrheit und dazwischen gibt es unheimlich viele Graunuancen, da ist natürlich die Phantasie des Lesers gefragt. Wie viele Wahrheiten kann es geben?

Marie Wolf
Marie Wolf

Die Technik ist ebenfalls speziell – womit hast du gezeichnet?
Marie: Eigentlich habe ich hauptsächlich mit Bleistiften gezeichnet. Ich habe einen Hang zum Analogen, Handgemachten. Die Charaktere zeichne ich auf alte Papiere, die bekomme ich von meiner Oma. Alte vergilbte Blöcke aus den 70ern, die sie ausgräbt. Wenn der Fundus meiner Oma erschöpft ist, dann gucke ich mich auf Flohmärkten um. Alle Teile werden einzeln gezeichnet und hinterher digital collagiert. Es ergibt sich manchmal, wenn man die Einzelteile nochmals verschiebt oder die Großenverhältnisse ändert, dass man plötzlich perspektivisch etwas noch mehr auf die Spitze treiben kann.

Welche Geschichte erzählst du den Lesern in deinem Buch?
Marie: Im Prinzip ist es ein Märchen. Es geht darum, dass die Menschen sich nach der Wahrheit sehnen, die von einem fliegenden Wal verkörpert wird. Es gibt natürlich keine fliegenden Wale, aber es gibt eben auch keine Wahrheit. In der einen Version hält der Sheriff den Wal gefangen, weil er die Wahrheit nicht teilen möchte. In der anderen Version hält der Sheriff den Wal gefangen, weil er weiß, dass die Wahrheit auch gar nicht etwas durch und durch Positives ist, sondern vielleicht auch Unmengen von Chaos und Ärger anrichten. 

Wie bist du an die Recherche herangegangen, bevor du überhaupt angefangen hast zu zeichnen?
Marie: Ich habe sehr viel zur Theorie recherchiert. Was löst die Perspektive beim Betrachter aus? Wie gestaltet man den Charakter? Ich habe mir zum Beispiel Plakate aus dem Dritten Reich angeschaut. Auf den Plakaten wurden die Juden als böse, hinterlistig und geldgierig angeprangert und das spiegelt sich in der Gestaltung wider. Meist sind die Gesichter aus Dreiecken aufgebaut, man hat also das sehr spitze Kinn, die sehr spitzen Ohren, die Hakennase, die, wenn man sie frontal sieht auch einem Dreieck gleicht. Es ist bewiesen, dass ein Gesicht, was auf Dreiecken basiert, beim Betrachter negative Emotionen auslöst. Superhelden in Comics dagegen haben immer quadratische Gesichter, weil das als stabil und vertrauenswürdig gilt. Nichts in dem Buch ist so, weil ich es einfach schön fand, sondern weil ich es bewusst so gewählt habe.

Du hast dich ja jetzt mit der Wahrheit viel befasst. Ich weiß, dass es darauf keine Antwort gibt, aber ich stelle sie trotzdem: Was ist Wahrheit nach deiner Definition?
Marie: Wahrheit ist eine Utopie, etwas, woran wir unbedingt glauben wollen, weil es uns Sicherheit gibt. Ich glaube nicht, dass es die Wahrheit im Allgemeinen gibt. Wir als Menschen sind nicht in der Lage objektiv zu denken, wir sind immer subjektiv. Und es ist vielleicht einfach ein menschliches Streben an diese Perfektion, an diese Objektivität heranzukommen. Man kann sagen: entweder alles, was wir wahrnehmen ist wahr. Oder nichts von all dem ist wahr.