BÜCHERGILDE INTERVIEW

 

 

 

 

Working Class


Autorin Julia Friedrichs im Gespräch mit der Büchergilde

 

 

 


Viel Arbeit, wenig Geld, keine Sicherheit – das beschreibt die Menschen der neuen 'Working Class', um die es in Julia Friedrichs gleichnamigen Buch geht. Sie machen einen großen Teil der Bevölkerung aus, haben aber am Wohlstandsgewinn der letzten Jahre kaum teilgehabt. Wie konnte es dazu kommen? Was hat das für Auswirkungen?

 

Im exklusiven Büchergilde-Interview sprach Julia Friedrichs über soziale Ungleichheit und die Situation der modernen 'Working Class'.

 

Liebe Frau Friedrichs, in Working Class begleiten Sie drei Menschen über ein Jahr hinweg – Alexandra, eine freiberufliche Musiklehrerin, Said, eine Putzkraft in U-Bahnhöfen und Christian, der Mitarbeiter in der Konsumforschung ist. Warum haben Sie sich entschieden, genau diese Menschen zu begleiten, deren (Arbeits-)Leben sich auf den ersten Blick stark voneinander unterscheiden? Was verbindet sie?

 

Die drei sind Teil der modernen Arbeiterklasse, der 'Working Class'. Sie alle haben gemeinsam, dass es Ihnen nicht mehr gelingt, allein durch ihre Arbeit Wohlstand aufzubauen. Alexandra, die Musikschullehrerin, hat studiert. Said ist ungelernt. Aber beide verbindet, dass ihr Einkommen oft nur für einen einzigen Monat reicht – und manchmal nicht mal das. Und so wie Ihnen geht es vielen Menschen in Deutschland: Knapp die Hälfte hat kein Vermögen, keine Rücklagen, keinen Puffer.

 

Befristete Arbeitsverträge, höhere Lebenshaltungskosten, steigende Energiepreise – all dies lässt den Druck auf die moderne ‚Working Class‘ steigen. Was sind die zentralen Herausforderungen, mit denen die ‚Working Class‘ heute konfrontiert ist?

 

Das sind schon drei der zentralen Themen. Aber um es einmal grundsätzlicher zu formulieren: Immer mehr Menschen erleben es als fast unmöglich, sich allein aus Arbeit heraus Wohlstand aufzubauen, selbst wenn in Familien beide Elternteile arbeiten. Das liegt daran, dass in den unteren Lohngruppen die Gehälter in den letzten 30 Jahren viel zu wenig gestiegen sind. Ein Grund dafür ist, dass immer weniger Beschäftigte nach Tarif bezahlt werden. Weiterhin spielt hierbei eine Rolle, dass wir unseren Staat und das Sozialsystem immer noch hauptsächlich durch Abgaben auf Arbeit finanzieren. Deutschland hat sich entschieden, Arbeit besonders stark, Vermögen aber sehr gering zu belasten. Ich halte das für eine Schieflage.

In den aktuellen politischen Debatten nach der Bundestagswahl wird die Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro diskutiert. Würde sich die Situation der ‚Working Class‘ dadurch verändern bzw. verbessern?

 

Eine Anhebung des Mindestlohns würde die Lage von rund 10 Millionen Beschäftigten sofort und unmittelbar verbessern. So viele Menschen verdienen nämlich weniger. Es wäre ein erster, ein richtig guter Schritt, der überfällig ist. Aber eine Anhebung des Mindestlohns ist am Ende natürlich auch kein Allheilmittel. Er würde aber einige Wunden schließen, die durch jahrelange Niedriglohnpolitik gerissen wurden.

 

 

Die Beispiele von Alexandra und Christian zeigen, dass gute Bildung und zuverlässiges Arbeiten keine Garanten für ein finanziell sorgenfreies Arbeitsleben sind. Bei jungen Menschen kann dies ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit auslösen. Was können junge Menschen Ihrer Meinung nach aktiv tun, um der prekären Lage der ‚Working Class‘ zu entkommen?

 

Natürlich ist es noch immer so, dass Bildung im Durchschnitt am ehesten davor schützt, von niedrigen Löhnen betroffen zu sein. Aber es gibt eben keinen Automatismus mehr. Umstrukturierungen von Branchen können dazu führen, dass einstmals sichere Stellen prekär werden. Was Einzelne tun können? Ich fürchte, jede Generation muss die Kämpfe um gute Arbeitsbedingungen und einen fairen Anteil am Wohlstand neu ausfechten. Also: sich zusammenschließen, für gute Bedingungen kämpfen, im Notfall streiken. Es war vermutlich ein Fehler, dass Jüngere dachten, was die Vorgänger-Generation erkämpft hat, sei nun auf ewig Standard.

 

 

"Ich bin fest davon überzeugt, dass wir etwas Neues, Robusteres schaffen können: Eine Arbeitswelt, in der wieder Respekt vor allen Tätigkeiten herrscht."

 

Nach der Lektüre Ihres Buches ist man versucht zu sagen ‚Früher war alles besser‘. Was ist Ihre Vision für eine positive Gestaltung der Zukunft?

 

Ich würde niemals sagen, dass früher alles besser war. Für meine Recherche bin ich unter anderem mithilfe alter Fernsehserien wie die „Lindenstraße“ in die 1980er Jahre zurückgereist. Auch wenn der wirtschaftliche Druck auf die „Working Class“ damals nicht so groß war – Familie Beimer lebt zum Beispiel mit nur einem Einkommen und drei Kindern mitten in München –, ich möchte nicht eine Sekunde in diese Zeit zurück, in der alles um den Familienernäher, den Vater, kreiste und Frauen oftmals nur das gönnerhaft zugestandene Haushaltsgeld blieb. Nein. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir etwas Neues, Robusteres schaffen können. Eine Arbeitswelt, in der wieder Respekt vor allen Tätigkeiten herrscht, egal, ob man U-Bahnhöfe reinigt oder im Controlling einer Bank arbeitet. Eine Arbeitswelt, in der zudem die Löhne sich wieder annähern, der Abstand zwischen Spitzenverdienern und Niedriglöhnern schrumpft. Ein Sozialsystem, das nicht nur einseitig auf Arbeit fußt, sondern auch die Vermögenden miteinbezieht. Kitas und Schulen, die jedem Chancen ermöglichen. Ich glaube, dass all das möglich ist, und dass es sich lohnt, sich dafür einzusetzen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Die Fragen stellte Charlotte Schaetzky.