BÜCHERGILDE INTERVIEW

 

 

 

 

"Das Thema Flucht gehört auf der weltpolitischen Agenda nach ganz oben." 

 

 

Autor Andreas Kossert im Gespräch über sein Buch Flucht.


„Nicht die Pandemie ist aktuell das größte Thema in den Feuilletons und in der Literatur, so scheint es, sondern die Debatten um Identität“, titelte der Perlentaucher unlängst. Die Themen Gender, Race und Kulturelle Aneignung bestimmen gesellschaftliche Diskussionen. Liest man Flucht von Andreas Kossert, steht einem ein Problemfeld vor Augen, dessen Dimensionen weit darüber hinausgehen. Hier ist Woke-Sein unbedingt angebracht. Im exklusiven Büchergilde-Interview sprach Andreas Kossert ausführlich über ein hochaktuelles Thema.

 

Die Fragen stellte Ingmar Weber

 


Lieber Herr Kossert, Sie nennen Flucht ein „Kernthema der Menschheit“.


Flucht ist ein Wort, das sich so leicht daher sagt. Aber was bedeutet es eigentlich zu fliehen, auf die Flucht zu gehen oder vertrieben zu werden? Das ist die elementare Frage, die meinem Buch zugrunde liegt. Flucht ist eine Zäsur im Leben der Betroffenen – das war immer so. Das aber ist es genau, was sich vermeintliche sesshafte Gesellschaften kaum vorstellen können. Das ist nicht einmal ein Vorwurf, sondern ihnen fehlt schlicht die Vorstellungskraft, was es heißt, alles zu verlieren. Deshalb hoffe ich, mit meinem Buch einen Denkanstoß geben zu können, die Welt um uns herum einmal aus der Perspektive von Flüchtlingen oder Vertriebenen zu betrachten. Dieser neue Blick zeigt, wie schwer es allen fällt, die vertraute Umgebung verlassen zu müssen und oft unter Todesgefahr in Sicherheit zu bringen. Mir wäre es wichtig, dass wir uns heute für die Geschichten dieser Menschen interessieren, ihnen zuhören.  Das wäre ein Anfang und dann erfahren wir viel Verbindendes, denn auch Deutschland ist geprägt von Flucht und Heimatverlust, und zwar durch alle Zeiten hindurch. Das könnte Empathie befördern, indem wir uns genau diese historische Erfahrungskonstante immer wieder bewusst machen, im Hier und Heute und wie wir mit Flüchtlingen umgehen.

Sie konzentrieren sich in Ihrem Buch auf durch Menschen verursachte Flucht. Dazu  zählen Sie auch Vertreibung, Umsiedlung, Verschleppung. Wodurch entstehen Fluchtbewegungen?


Im Mittelpunkt meiner Darstellung stehen jene Menschen, die aufgrund nationaler, religiöser und ethnischer Verfolgung ihre Heimat verlieren. Flüchtlinge und Vertriebene fliehen vor Gewalt, Krieg und Terror, um ihr Leben zu retten, oder werden gezielt – häufig von staatlichen, aber auch gesellschaftlichen Akteuren – aus dem Land getrieben. Nach der Definition der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 gilt als Flüchtling jede Person, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befinde, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt“. Das klingt recht bürokratisch.

 

In der Moderne wird Flucht seit dem 19. Jahrhundert zu einem Massenphänomen, als Ideen ethnischer Reinheit weite Verbreitung finden. Mit den neuen Kategorien Ethnizität und Nation entstehen bis dahin unbekannte Gegensätze und neue Konflikte. Ziel für diesen neuen Nationalismus ist ein expansiver Nationalstaat, ethnisch rein und befreit von lästigen Minderheiten, mit denen ein Zusammenleben nicht mehr vorstellbar ist. Dieses fragwürdige Ideal erfährt bis heute traurige Aktualität, auch im 21. Jahrhundert.

 

"Ebenso wie der Klimawandel bilden Flucht und Flüchtlinge eine gigantische Herausforderung für die Weltgemeinschaft. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass jedes Jahr Millionen Menschen als Folge neuer Konflikte ihre Heimat verlieren."

 

Andreas Kossert

 

Das Buch beginnt mit einem umfassenden historischen Überblick über die Geschichte der Flucht. Das erste Kapitel ist für mich so etwas wie ein Schwarzbuch oder eine Verbrechensgeschichte der Menschheit.


Genau das ist es. In einer erfahrungsgeschichtlichen Tiefenbohrung, wie ich sie in einem Überblick schildere, erkennt man die ewig aktuellen Muster von Hass, Gewalt und Ausgrenzung, die am Ende Menschen zu Flüchtlingen machen. Diese Muster funktionieren nach wie vor bestens in immer neuen perfiden Spielarten.

 

Deshalb gehört der Kampf gegen Fluchtursachen zu den globalen politischen Herausforderungen. Ebenso wie der Klimawandel bilden Flucht und Flüchtlinge eine gigantische Herausforderung für die Weltgemeinschaft. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass jedes Jahr Millionen Menschen als Folge neuer Konflikte ihre Heimat verlieren. Genau deshalb wünsche ich mir diesen Perspektivwechsel, aus der Sicht von Flüchtlingen die Welt zu betrachten. So verschiebt sich unser Blick auf die Welt, weil auch wir vielleicht erahnen, dass jeder von uns einmal zum Flüchtling werden kann.

 

Stichwort Perspektivwechsel: Sie lassen viele authentische Stimmen zu Wort kommen. Ob aus Tagebüchern, Briefen oder fiktionalen Verarbeitungen – Flüchtlinge erhalten dadurch ein individuelles Gesicht. Was hat Sie bewogen die Perspektive der Flüchtlinge einzunehmen?


Ich möchte eine andere Tür zu diesem Thema öffnen, eine Nachhaltigkeit jenseits aufgeregter Debatten schaffen. Mir geht es um einen Perspektivwechsel: Nämlich die Welt aus der Perspektive von Flüchtlingen und Vertriebenen zu sehen und ihre Geschichte in den Mittelpunkt zu rücken. Es gibt viele kluge Bücher über Zwangsmigrationen, über Ursachen und Gründe. In ihnen jedoch – und das ist kein Vorwurf – verschwinden die Betroffenen häufig hinter Zahlenmonstren, hier 100.000, dort 1 Million. Das sprengt unsere Vorstellungskraft. Welche Aussage hat eine Zahl von 60 Millionen Flüchtlingen weltweit?  Sie macht eher Angst oder vermittelt Resignation, weil man angesichts solcher unvorstellbaren Zahlen ohnehin nichts machen kann.

 

 

Jede Flüchtlingsgeschichte ist individuell – und doch gleichen sie einander. Fast alle Flüchtlinge haben ähnliche Empfindungen, sowohl beim Verlassen der Heimat wie auch beim Ankommen. Was eint, was unterscheidet Flüchtlingsbewegungen über Raum und Zeit?


Viele Gesellschaften sind gleichermaßen von Flucht und Heimatverlust geprägt, obwohl Kontexte und Ursachen sehr unterschiedlich waren. Menschen, die ihre Heimat zwangsweise verlassen müssen, verbinden viele Erfahrungen, durch alle Zeiten und Räume hindurch. Alle kennen trotz aller unterschiedlicher Ursachen, Kontexte und Epochen den erzwungenen Abschied, die Ungewissheit über Wege und Ziele ihrer Flucht, über alles, was dann folgt. Nach dem Ankommen erwarten sie Lager- und Transitzentren, Ausgrenzung und Feindschaft ebenso wie ein Weiterleben, das Integration, Assimilation oder permanentes Exil bedeuten kann. Am Ende verbindet alle die Erinnerung an das Verlorene, manchmal sogar über Generationen hinweg. Deshalb hat auch Heimat eine andere Bedeutung für Flüchtlinge, denn sie definiert sich aus ihrem Verlust. Flucht ist eine Zäsur, die Aufkündigung einer ungeschriebenen und über Generationen gültigen Übereinkunft mit den Vorfahren. Denn alles, was auf Erbrecht fußt, gilt plötzlich nicht mehr. Im Moment der Flucht versinkt alles in Bedeutungslosigkeit. Ihr Heimatverlust bedeutet eine existentielle Erfahrung, ein radikaler Bruch in ihren Lebensgeschichten, die sich in Davor und Danach teilt.

 

"Das Heimweh von Heimatlosen, das uns in der Geschichte der Flucht immer wieder begegnet, gilt es ernst zu nehmen und zeigt auch eindrucksvoll, dass es nicht selbstverständlich ist, eine neue Heimat zu finden. Und das kann manchmal auch über Generationen der Fall sein."

 

Andreas Kossert

 

Wenn man Flüchtlinge über die Jahrhunderte bis in die heutige Zeit betrachtet, ist es erstaunlich, wie wenig Empathie ihnen entgegen gebracht wird. Warum lässt uns dieses Schicksal so gleichmütig?


Am Ende lässt mich das auch ratlos. Jedenfalls teile ich diesen Befund. Mir war es deshalb wichtig, wenigstens fragmentarisch eine Ahnung vom zeitlos aktuellen Menschheitsdrama Flucht zu vermitteln. Damit erhalten sie einen Namen und eine Geschichte, und damit ein Gesicht. Wenn überhaupt, sind individuelle Geschichten der Schlüssel für Empathie, weil sie hinter dem anonymen Kollektiv der "Flüchtlingswelle“, ein schreckliches Wort, den Menschen sichtbar machen.   

 

 

Viele Menschen, die vielleicht selbst keine Fluchterfahrungen haben, sind dennoch geprägt von der Flucht ihrer Vorfahren. Wie wirken Flüchtlingsgeschichten noch über Generationen nach?


Nehmen wir das deutsche Beispiel: 14 Millionen Deutsche haben als Folge des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat für immer verloren. Ihre Ankunft im Westen zeigte, dass dort niemand auf sie gewartet hat. Sie waren sozial deklassiert, nicht willkommen und das Thema überhaupt schien auch nach Jahrzehnten stets einem politischen Drahtseilakt zu gleichen. Das hat Spuren hinterlassen, das Land hat sich radikal verändert, ist moderner geworden. Es sind nicht nur die Königsberger oder Breslauer Straßen, die Siedlungshäuschen aus den 1950er Jahren an den Ortsrändern. Vielmehr geht es auch für Kinder oder Enkelkinder von Vertriebenen darum, was der Verlust für ihre Identität bedeutet. Was etwa bedeutet „Heimat“? Für Flüchtlinge und Vertriebene, die ihre Heimat real und meistens für immer verloren haben, ist dieser Erinnerungstopos existentiell. Sie haben ihre vertraute Umgebung samt aller kulturellen und sozialen Bindungen aufgeben müssen. Es gibt diese Leerstelle in ihrer Biografie. Deshalb finde ich, über Heimat kann man trefflich streiten, wenn man irgendwo zuhause ist. Doch das Heimweh von Heimatlosen, das uns in der Geschichte der Flucht immer wieder begegnet, gilt es ernst zu nehmen und zeigt auch eindrucksvoll, dass es nicht selbstverständlich ist, eine neue Heimat zu finden. Und das kann manchmal auch über Generationen der Fall sein.

 

Hatte Ihre persönliche Geschichte und die Ihrer Familie Einfluss auf Ihre Beschäftigung mit dem Thema?


Wie viele Millionen Menschen in diesem Land habe auch ich einen familiären Bezug zum Thema. Mehr als ein Viertel aller Deutschen waren Flüchtlinge und Vertriebene, zu denen auch meine Familie gehörte. Eigentlich begleitet mich deshalb das Thema „Flucht“ bereits mein Leben lang. Geschichten von Flucht und verlorener Heimat hörte ich bereits seit Kindheitstagen in der eigenen Familie. Es gab also immer einen sehr persönlichen Resonanzraum. Vielleicht hatte ich dadurch immer schon ein besonderes Interesse für Menschen, die ihre Heimat gegen ihren Willen verlassen müssen.

 

 

Im 20. Jahrhundert haben Verfolgungen, Vertreibungen und Fluchtbewegungen in Ausmaß und Masse eine neue Dimension angenommen. Das gilt letztlich bis heute. Kein Ende in Sicht?


Das erste Fünftel des 21. Jahrhunderts liegt bereits hinter uns. Flucht verändert sich, sie wird häufig individueller. Doch es gibt bei Betrachtung der neuen Geopolitik kein Zeichen für Entwarnung, im Gegenteil. Ich fürchte, dass die nächsten Jahrzehnte ganz neue Dimensionen von Flucht und Heimatverlust bringen werden. Deshalb gehört das Thema auf der weltpolitischen Agenda nach ganz oben.

 

 

Zum Schluss noch die Frage nach etwas Positivem: Wann wird für Flüchtlinge die neue Umgebung zur Heimat? Können sich die dramatischen und traumatischen Fluchterfahrungen in Produktivität und Bereicherung wandeln?


Dafür gibt es keine Patentrezepte, Ankommen ist ein langer Prozess, den niemand verordnen kann. Für mich ist die wichtigste Voraussetzung für ein gelungenes Ankommen, idealerweise sogar Integration, wenn Menschen um die Geschichten der Neuangekommenen wissen. Das bedeutet, diese nicht als anonyme Kollektive wahrzunehmen, sondern als Nachbarn.  Dann besteht die Chance, dass Flüchtlinge ganze Gesellschaften nicht nur herausfordern, sondern auch im besten und bereichernden Sinne verändern und voranbringen helfen.

 

 

Lieber Herr Kossert, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.