Der tödliche Ruf der Wildnis

Chris McCandless ließ alles hinter sich, um in der Wildnis Alaskas ein autarkes Leben zu führen – und verhungerte letztendlich. Jon Krakauer hat die Geschichte des radikalen Einzelgängers unter dem Titel In die Wildnis aufgeschrieben, jetzt wird sie in der Büchergilde – illustriert von Christian Schneider – neu aufgelegt.

 

Von Julia Schmitz

 

Die Liste der Menschen, die ihren bürgerlichen Alltag aufgaben, um in der Natur zu sich selbst zu finden, ist lang: John Muir, Jack London, Ralph Waldo Emerson und nicht zuletzt Henry David Thoreau gingen auf Wanderschaft, setzten sich teilweise mehrere Jahre lang dem Rhythmus der Jahreszeiten in freier Wildbahn aus, beobachteten Flora und Fauna und reflektierten über ihre Beziehung zur Welt. Später schrieben sie ihre Erlebnisse auf und legten so den Grundstein für das heute vor allem im englischsprachigen Raum noch immer populäre nature writing.

 

Chris McCandless will vermutlich in die Fußstapfen seiner literarischen Vorbilder treten, als er 1990 mit seinem bisherigen Leben bricht: Nach Beendigung seines Geschichts- und Anthropologie-Studiums kündigt er sein Zimmer, spendet sein Erspartes von über zwanzigtausend Dollar an die Hilfsorganisation Oxfam und verschwindet, ohne sich von seiner Familie zu verabschieden. Zwei Jahre später findet man seine ausgezehrte Leiche in einem ausrangierten Bus in den Wäldern nahe Fairbanks in Alaska, an der Tür ein Zettel mit dem Hilferuf: „S.O.S. Ich brauche Ihre Hilfe: Ich bin schwer verletzt, dem Tode nah. Ich bin zu schwach, um hier wegzukommen. Ich bin ganz allein. Dies ist kein Scherz. In Gottes Namen, bitte gehen Sie nicht weg, bitte retten Sie mich. Ich bin nicht weit, gehe jetzt Beeren sammeln. Bin gegen Abend wieder da. Danke.“ Was war passiert? Nachdem der Journalist und Autor Jon Krakauer den Vorfall zunächst für eine Zeitschrift aufgeschrieben hatte, entschloss er sich, die Recherche auszuweiten. Er rätselt: Was bringt einen intelligenten jungen Mann dazu,mit fast schon stümperhafter Ausrüstung und ohne Landkarten in dieses unwegsame Gebiet vorzudringen. Hatte er einen ausgearbeiteten Plan oder war er einfach nur blauäugig?

 

„Ich wollte, dass die Betrachter der Bilder diese Einsamkeit nachempfinden können“, so Illustrator Christian Schneider.

 

Mit diesen Fragen setzte sich auch der Illustrator Christian Schneider auseinander, der In die Wildnis. Allein nach Alaska für die Neuausgabe der Büchergilde illustriert hat. Schneider hatte von der tragischen Geschichte um Chris McCandless zwar schon gehört, aber weder das Buch gelesen noch dessen Verfilmung gesehen. So konnte er bei der Lektüre des Textes unvoreingenommen Bilder vor seinem inneren Auge entstehen lassen: von kilometerweiten Nadelwäldern, schroffen Felsen, reißenden Flüssen und einer landschaftlichen Weite, wie man sie in unseren Breitengraden nur selten findet. Schneider, dessen Diplomarbeit von „Fortbewegungen im Tierreich“ handelte und der für die Büchergilde bereits Über Bord von Rudyard Kipling illustriert hat, zeichnet mit Vorliebe Bilder rund um die Natur. Erste Ideen in seinem Skizzenbuch zeigen breite, von Kakteen gesäumte Straßen und die spitzen Gipfel des Devils Thumb – jedoch, mit einer Ausnahme,weder Innenräume von Gebäuden noch Menschen. „Auch wenn Chris McCandless auf seiner zweijährigen Reise durch die USA immer wieder mit Menschen zu tun hatte, suchte er offenbar die Einsamkeit in der Natur. Ich wollte, dass die Betrachter der Bilder diese Einsamkeit nachempfinden können“, erzählt Schneider. Seine in realistischem Stil gehaltenen Illustrationen strahlen eine eigentümliche Ruhe aus, hinter deren Fassade jedoch eiskalte Gleichgültigkeit lauert: Die Natur kann unerbittlich und rücksichtslos sein, sie hat ihre eigenen Regeln. Von der ersten Skizze bis zur fertigen Reinzeichnung dauert es zwei bis drei Tage. Um die Vorstellungen in seiner Fantasie mit realen Aufnahmen zu unterfüttern, schaute er sich währenddessen – Google Street View sei Dank – unter anderem den Ort im Bundesstaat Virginia an, in dem Chris aufwuchs, oder die Gegend rund um den „Stampede Trail“, auf dem McCandless den verlassenen Bus fand.

 

Warum genau der junge Mann dort an Unterernährung starb, ist bis heute ein Rätsel geblieben. Immerhin hatte er bereits vier Monate im Wald verbracht, sich von geschossenen Eichhörnchen, Stachelschweinen und einem Elch ernährt. Letztendlich führte, so mutmaßt Krakauer, wahrscheinlich die Verwechslung einer Kartoffelpflanze mit einer ähnlich aussehenden, aber giftigen Pflanze zu seinem langsamen Tod. Ein letzter Versuch, sich zu retten, scheiterte, weil der Weg zurück in die Zivilisation von einem nach der Schneeschmelze reißenden Fluss abgeschnitten wurde. Dass ihn nur wenige Meilen entfernt eine Gondel am Stahlseil über das Wasser gebracht hätte, wusste McCandless nicht, weil er – absichtlich – keine Landkarte mitgenommen hatte. Gegen Vorwürfe der Naivität verteidigt Krakauer den 24-jährigen Mann allerdings immer wieder: „Auch wenn er zu überstürzten Entscheidungen neigte, von den schwierigen Lebensbedingungen im Landesinnern keine Ahnung hatte und achtlos bis zurTollkühnheit war: Ein Dilettant war er nicht – sonst hätte er wohl kaum einhundertdreizehn Tage durchgehalten. Und er war kein durchgeknallter Spinner, kein Soziopath, kein ausgestoßener Sonderling. Mc-Candless war etwas anderes – was genau, ist schwierig zu sagen.“ Doch warum glaubte er, mit zehn Pfund Reis und weder mit Gewehr oder Axt noch Karte und Kompass ausgestattet überleben zu können?

 

„Ein Dilettant war Chris McCandless nicht – sonst hätte er wohl kaum einhundertdreizehn Tage durchgehalten“

 

Um sich der Persönlichkeit von Chris McCandless zu nähern, spricht Krakauer wiederholt mit Familienmitgliedern und Bekanntschaften von Chris, die ihn während seiner zweijährigen Reise im Auto mitnahmen, bei sich wohnen ließen oder ihm Jobs vermittelten. Alle beschreiben ihn – der nie seinen richtigen Namen preisgab, sondern sich stets als „Alex Supertramp“ vorstellte – als freundlich und selbstlos, aber auch eigenwillig und stur, was seinen Traum vom Leben in der Wildnis angeht. Hinzu kommt seine Abneigung gegenüber dem Kapitalismus, der zu einer immer größeren Schere zwischen Arm und Reich führt; schon zu Schulzeiten verteilte er eigenständig Essen an Obdachlose oder brachte sie heimlich im Wohnwagen seiner Eltern unter. Chris McCandless, ein scharfer Gesellschaftskritiker oder ein hoffnungsloser Romantiker? Indem Krakauer den einzelnen Kapiteln – die nicht chronologisch geordnet sind – Zitate aus den Texten verschiedener Naturschriftsteller voranstellt, ordneter die Geschichte von McCandless zudem soziologisch wie literaturhistorisch in den jahrhundertealten, fast ausschließlich männlich besetzten Topos vom „Ruf der Wildnis“ ein; diese von McCandless unterstrichenen Passagen gehören zu den wenigen Hinweisen – neben einzelnen Postkarten und Tagebuchaufzeichnungen –, die Rückschlüsse auf seine Beweggründe zulassen. „McCandless war nicht irgendein hohler Traumtänzer, ziel- und orientierungslos und von einer existenziellen Hoffnungslosigkeit befallen. Im Gegenteil: Er wollte leben, und zwar so intensiv wie irgend möglich, und er wusste auch, wofür.“ Diese unbändige Lust auf Abenteuer hat nicht nur Chris McCandless umgetrieben, sondern auch Jon Krakauer, der ein Kapitel seinen eigenen,teilweise lebensbedrohlichen Erfahrungen auf Exkursionen in die Natur widmet.

 

Und auch Christian Schneider fühlte sich während seiner Arbeit an den Illustrationen an den übermütigen Entdeckerdrang seiner frühen Zwanziger erinnert. Obwohl er McCandless letztendlich nicht gezeichnet hat – abgesehen von den Umrissen seines toten Körpers unter dem Leichentuch –, war es ihm wichtig, sich in dessen Wesen einzufühlen:„Ich bedaure, dass er vor zu viel Nähe flüchtete, und verstehe ihn doch, wie er unerschütterlich an seinem Traum festhielt.“ Auch wenn McCandless zunächst das Alleinsein suchte, stellte er am Ende seiner Odyssee fest: In Gemeinschaft lässt sich das Glück besser genießen. Dass er es nicht mehr zurück in diese schaffte, macht seinen Fall zu einer beeindruckenden Geschichte mit tragischem Ausgang.

 

Julia Schmitz arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin und schreibt auf ihrem Blog „Fräulein Julia“ über Literatur und Kultur in ihrer Wahlheimat.