„Ihre Bilder stehen an dem Weg, der in die Kindheit führt“

 

Rotraut Susanne Berner, eine der bedeutendsten Illustratorinnen weltweit und seit sechs Jahren Herausgeberin der Tollen Hefte, feiert dieses Jahr im August ihren siebzigsten Geburtstag. Grund genug, einen Blick zurück zu werfen auf das eindrucksvolle Werk, das die Künstlerin als Illustratorin und Schriftstellerin geschaen hat, und ihr damit zum Geburtstag zu gratulieren.

 

Von Susanna Partsch

Mehr als 150 illustrierte Bücher, dazu etwa 800 Buchcover, eine lange Liste von Preisen, darunter so renommierte wie 2006 den Jugendliteraturpreis für das Gesamtwerk. Damals schrieb die Jury, Rotraut Susanne Berner habe „in oftmals überraschender Form den Dingen, den Geschichten, den Gedichten eine eigene Prägung verliehen. Man könnte geradezu von einem Rotraut-Susanne-Berner-Stil sprechen, der Schule macht bzw. bereits gemacht hat. (...) In unterschiedlicher Form gelingt es ihr, über alle Grenzen hinweg, Phantasie mit realistischer Darstellung zu verbinden, sodass Weiterdenken, Weiterspielen und Dabeisein möglich werden. Dafür ist ihr zu danken“ (jugendliteratur.org). Zehn Jahre später wurde sie gleich zweimal geehrt: mit dem Hans Christian Andersen Preis und dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Das ist das vorläufige Ergebnis eines Lebens, das inzwischen 70 Jahre umfasst. Doch die Illustratorin Rotraut Susanne Berner setzt sich nicht zur Ruhe. Gerade ist das aktuelle Tolle Heft erschienen, das sie gestaltet und illustriert hat, außerdem Mirjam Presslers Buch Ich bin’s, Kitty mit ihren Bildern, und im Herbst folgt Gute Reise, Karlchen.
Dabei hatte alles ganz anders angefangen. Denn auch wenn sie in der Kindheit von Bildern magisch angezogen wurde, egal ob es sich um die Kupferstiche in der Bibel der Großmutter handelte, einen Bildband mit Fotografien des jungen Henri Cartier-Bresson, die Zeichnungen von Wilhelm Busch, Walter Triers Bilder in den Büchern von Erich Kästner oder um Werke von Picasso in der Staatsgalerie Stuttgart, in die der Vater sie mitnahm, verfolgte sie diesen Weg nach dem Abitur erst einmal nicht weiter. Stattdessen wurde sie Assistentin eines Fotografen am Institut für leichte Flächentragwerke der Universität Stuttgart und damit bei Frei Otto. Nach weiteren Umwegen studierte sie Grafikdesign, arbeitete in der Werbung und ist seit 1977 Grafikerin und Illustratorin. Das ist nun auch schon über vierzig Jahre her. Zuerst vor allem auf Buchumschläge konzentriert, kam 1979 das erste illustrierte Buch hinzu, bald dann Kinderlieder, Abzählverse und 1983 das erste „richtige“ Kinderbuch, wie sie es später selbst formulierte. Für dieses Buch, Das Sonntagskind, erhielt sie 1984 zusammen mit der Autorin Gudrun Mebs den Jugendliteraturpreis (weitere folgten 1996 und 1998). Für andere Bücher wurde sie nominiert, ebenso wie mehrfach für den Astrid Lindgren Award.

Das Wörterbuch der Familie Mausbock, T.H.21

1983 lernte sie die Technik der Original-Flachdruckgrafik kennen, ein Verfahren, vergleichbar mit der Lithografie, bei dem für jede Farbe eine eigene Folie angelegt wird. Diese für die ausführenden Künstler mühselige Technik, weil sie alles seitenverkehrt auf verschiedene Folien zeichnen müssen, wendet sie bis heute an, wenn es irgend möglich ist, zum Beispiel in den aufwendig gedruckten Tollen Heften, die seit 1991 erscheinen. Doch noch vor den Tollen Heften entstanden 1987 die Illustrationen im Flachdruckverfahren für das von Jürgen Schöntges herausgegebene Liederbuch, das bei der Büchergilde Gutenberg erschien. Bei diesem Buch übernahm RSB, wie sie genannt wird, auch das Layout. In dem Buch sind alte wie neue Kinderlieder vereint, und so finden sich neben „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ und „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“ auch damals relativ aktuelle Lieder wie „Die Rübe“. Die ersten beiden erwähnten Lieder befinden sich auf einer Doppelseite, wobei sich die Gans zum Baum flüchtet, auf dem der Kuckuck sitzt, und der Jägersmann wiederum hinter dem Fuchs auf einem Hochsitz mit dem Gewehr auf den Kuckuck zielt. Auf seinem Hut sitzt allerdings ein zweiter Kuckuck. Es geht also einiges durcheinander auf diesem Bild. RSB erzählt in ihren Bilder sehr häufig mehr, als sich in den Geschichten, Gedichten oder Liedern findet. Ein Jahr später illustrierte sie die von Hans A. Halbey gesammelten Nonsens-Gedichte und -Verse, häufig nur mit kleinen Vignetten, in denen ihre Lust an absurden Figuren zum Tragen kommt und in denen der Einfluss der Surrealisten spürbar ist. Er findet sich auch in dem ersten Tollen Heft von ihr, der Nr. 4 von 1991 mit dem Titel Nudelsuppe, das aber eher eine Hommage an die Buchstabennudeln ist, die sie als Kind so liebte. Dieses Tolle Heft besteht aus einem „Katalog von A – Z“, angefangen bei Aasgeier und Angsthase, Blaubürzligem Gnurgle und Bi-Ba-Butzemann über Flügelflagel, unendlich viele Katzen oder solche, die es sein wollen, 25 verschiedene Nasen, Ottos kotzenden Mops bis hin zu Wunk und dem wunderbaren Zauberer Korinthe. Eine Anleitung für die Nudelsuppe, die nachzukochen sich lohnt, findet sich auf dem beigefügten Plakat. Buchstabennudeln nicht vergessen, sonst bringt das Essen keinen Spaß und man verpasst womöglich das Blaubürzlige Gnurgle. Etliche Alphabete später erschien als Nr. 21 der Tollen Hefte 2004 Das Wörterbuch der Familie Mausbock, geschrieben von A. L. Kennedy und bebildert von RSB. Die Eintragungen zu den meist entsetzlichen Charaktereigenschaften der Familie Mausbock werden am unteren Bildrand begleitet von Bildern, Kontaktabzügen oder Filmstills gleichenden Ilustrationen, die die Geschichten noch einmal anders erzählen, aber ebenso furchterregend oder skurril.

Schlaraffenbauch, T.H.49

Ganz anders stellen sich die Bilder im nächsten von ihr illustrierten Tollen Heft dar, die den von Ingrid Bachér erzählten Text Das Kind und die Katze begleiten, einer Mut-mach-Geschichte. Das Kind und die Katze sind allein zu Hause, und das Kind, das sich fürchtet, denkt sich die Katze als Löwen, der sie vor dem Gewitter beschützt. Im Laufe der Geschichte wird das Kinderzimmer mit einem Bett, weiteren Möbeln und einem kleinen Spielzeugdorf zu einer Szenerie, in der die Bettdecke zur Wiese wird, die Katze wächst, die Mondlampe gefährlich schwingt, ein Riesenfeuersalamander auf den zum Hochhaus gewandelten Schrank klettert, bis aus der Katze ein riesiger Löwe mit einer bunten Mähne geworden ist und das Kind in dieser Mähne fast verschwindet. Das neueste Tolle Heft mit den wunderbar verrückten Gedichten des Lyrikers Michael Hammerschmid hat sie ebenfalls illustriert und gestaltet. Schon der Umschlag ist eine Augenweide. Es ist das 10. Tolle Heft, das RSB herausgegeben hat. Auf Wunsch ihres Mannes, Armin Abmeier, hat sie diese Aufgabe übernommen, als er 2012 starb. 1991 erschien das erste Tolle Heft, damals im Maro Verlag. Armin Abmeier, ein Vielleser und begeisterter Sammler von Erstausgaben, Bilderbüchern und Comics, war fasziniert von der in den Zwanzigerjahren im Elena Gottschalk Verlag erschienenen Buchreihe Die Tollen Bücher und hatte schon länger die Idee zu etwas Ähnlichem. 1990 beschloss er dann, die 1926 erstmals veröffentlichte Kriminalgeschichte Wong Fun von Walter Serner als erstes Tolles Heft zu drucken. Dazu schrieb er später: „Volker Pfüller, den ich in München kennengelernt hatte und dessen Illustrationen und Plakate mir sehr gut gefielen, illustrierte und gestaltete das Heft, Thomas Milch, der Herausgeber der Serner-Gesamtausgabe, schrieb das Nachwort. Kein Klappentext, dafür ein kleines Plakat als Beilage. Verlegt wurde das Heft vom Maro Verlag, der es auf einer Einfarb-Maschine als Original-Flachdruckgrafik in drei Farben druckte, fadengeheftet mit Schutzumschlag. So entstanden bis zum Jahr 2000 insgesamt 15 Tolle Hefte, gedruckt in bis zu elf Farben“ (tolle-hefte.de). 2001 erschien dann mit der Nr. 16 das erste Tolle Heft bei der Büchergilde Gutenberg. Inzwischen gibt es weitere 33, alle in einer Auflage von etwa 3000 bis 4000 Exemplaren und einer Vorzugsausgabe von 150 Stück mit einer Original-Grafik. Und die weiteren 150 Bücher, die RSB illustriert und zum großen Teil auch selbst geschrieben hat? Sie alle aufzuzählen würde zu weit führen. Doch sei hier noch an die Wimmelbilderbücher erinnert, die seit 2003 erscheinen und ganz ohne Text auskommen. Wenig später schilderte RSB, welcher Herausforderung sie sich damit gestellt hatte: „Die vielschichtigen Verschränkungen und komplexen Vorgänge zwangen mich zu einer überaus kontrollierten Arbeitsweise, sowohl inhaltlich als auch handwerklich. Jede Nase musste abgestimmt, jedes Kleidungsstück und jeder Fensterladen überprüft werden. (...) Schön an der Arbeit war, Herrscherin dieser Welt zu sein und zu beobachten, dass Einfälle auch aus sich heraus, aus bestimmten Vorgaben und fast von alleine entstehen können: durch Kleinigkeiten am Rande, Zufälligkeiten, tagesaktuelle Ereignisse oder gedankenlose kleine Skizzen“ (RSB, 1000 und ein Buch, 2006, Heft 1, S. 27).

Zu den großen Wimmelbüchern kamen kleine hinzu, die das Leben einzelner Einwohner von Wimmlingen schildern. Einer von ihnen war der Buchhändler Armin, der jeden Morgen seinen Laden aufräumen musste, weil die Figuren aus den Kinderbüchern nachts immer ein riesiges Chaos anrichteten.
Im Jahr 2000 wurde sie erstmals für den Hans Christian Andersen Preis nominiert. Damals schrieb Elisabeth Homeister in Heft 2 von JuLit die bis heute gültigen Sätze: „Im Alltag den Zauber entdecken, im Kleinen das Große erfahren und künstlerisch sichtbar machen – genau das kann Rotraut Susanne Berner.“ Sechzehn Jahre später konnte man in der Laudatio der Deutschen Akademie für Kinderund Jugendliteratur lesen: „Sie ist eine der bedeutendsten Illustratorinnen und Buchgestalterinnen unserer Zeit. [Ihre Illustrationen] zeigen einen so spielerischen wie klugen Gestaltungswillen, eine sich selbst immer wieder neu suchende und erfindende Ausdruckskraft und künstlerische Vielfalt, die souverän alle Altersgrenzen überwindet. Klar konturiert, mal reduziert in Linie und Farbigkeit, mal überbordend, poetisch oder aus liebevoll-ironischer Distanz, umfasst ihre Kunst unterschiedliche Genres (...). Stets erzählen ihre Bilder Geschichten, längst haben sie selbst ein Bild von Kindheit gesetzt. (...) Ob kritisch oder zugewandt, ist sie stets eine leidenschaftliche Wider-, Fürsprecherin und Künstlerin auf höchstem Niveau“ (akademie-kjl.de/521/2016-rotraut-susanne-berner/). Das alles wusste oder ahnte Michael Krüger bereits, als er 1991 im Vorwort des Nudelsuppen-Hefts schrieb: „Ihre Bilder stehen an dem Weg, der in die Kindheit führt. Je länger man ihnen folgt, desto mehr sieht sich die Realität gezwungen, den farbenprächtigen Figuren Platz zu machen, die an dieser Straße wohnen. Ganz am Ende, wo die Wahrheit in einem herrlichen Clownskostüm auftritt, trifft man wieder auf den Anfang: Hier ist alles, was Kindheit je war, an den Ufern der Träume versammelt.“

Schlaraffenbauch, T.H.49