Kunst am Buch und Kunst in der Büchergilde

Mit über 130 Auszeichnungen der Stiftung Buchkunst liegt die Büchergilde Anfang der neunziger Jahre an der Spitze der deutschsprachigen Verlage. Alljährlich vergibt die Stiftung  Preise für die „schönsten Bücher des Jahres“, die in Satz, Druck und Einband vorbildlich hergestellt sind. Zu den prämierten Büchern der Büchergilde →

 

In den achtziger und neunziger Jahren erschienen viele Titel – auch gegen behördliche Widerstände – in enger Zusammenarbeit mit Verlagen in der DDR. Die Buchmesse in Leipzig war immer wieder der Ort, wo illustrierte Bücher geplant und gemeinsame Produktionen besprochen wurden. So konnte die Büchergilde 1990 zusammen mit dem Leipziger Reclam Verlag und dem Graphischen Großbetrieb Offizin Andersen Nexö (später: Offizin Haag-Drugulin) ein lang geplantes neues Projekt verwirklichen, die Gutenberg-Presse: typographische Lehrstücke in limitierten Auflagen, im Buchdruck gedruckt und von Hand gebunden.

 

Aus der Zusammenarbeit mit Buchkünstlern und Illustratoren entstand ab 1971 ein Angebot an Originaldruckgrafik. 1997 wurde dann der Büchergilde Artclub gegründet, der zusätzlich zum Grafikprogramm Atelierbesuche, Informationen zu Techniken und Entwicklungen auf dem Kunstmarkt bietet, sowie ein Angebot an Multiples, Original-Fotografie und Skulptur. In der Edition Junge Kunst stellt er auch ganz junge und unbekannte Künstlerinnen und Künstler neben die großen Namen, die immer wieder im Buch- und Grafikprogramm der Büchergilde erschienen: Künstler wie Alfred Hrdlicka und Georg Eisler, Gertrude Degenhardt und Liselotte Schwarz, Gunter Böhmer und Elvira Bach, Bernhard Heisig, Karl Georg Hirsch und HAP Grieshaber, Michael Mathias Prechtl und Dieter Masuhr.

Lesen macht stark, Lesen führt zu Veränderungen, Lesen veranlasst zum Handeln

Auch der Bereich des politisch-historischen Sachbuchs wurde ausgebaut. Claus Leggewie seziert schonungslos in Der Geist steht rechts die Denkfabriken der Rechten und die Büchergilde wirkt im Rahmen ihrer Möglichkeiten an dem Prozess der Annäherung zwischen Ost- und Westdeutschen mit. 1991 erscheinen das Leipziger Demontagebuch, herausgegeben von Wolfgang Schneider, eine Dokumentation der Leipziger Montagsdemonstrationen, der vielbeachtete Band von Wilhelm von Sternburg, Geteilte Ansichten über eine vereinte Nation und Hans-Joachims Maaz, Der Gefühlsstau.

 

Ein neues, ehrgeiziges Projekt war 1997 der Start der Essayreihe Edition Zeitkritik, mit der die Büchergilde gesellschafts- und kulturpolitische Entwicklungen kritisch verfolgen und kommentieren will. In diesem Rahmen veröffentlichte sie 1998 auch die besten Beiträge des ersten Büchergilde Essaypreises, dessen Thema Jugend, Politik, (Sub)Kultur. Eine große Weigerung? Zu über 500 Anfragen und beinahe 140 Einsendungen führte.

Gewinner des Essaypreises in der Edition Zeitkritik

Die Büchergilde bleibt unabhängig

Inzwischen waren jedoch schwierige Jahre für die traditionelle Buchgemeinschaft angebrochen, deren Bindung an die Gewerkschaften sich immer nachteiliger auswirkte.

Die Büchergilde, das einstige Flaggschiff der gewerkschaftlichen Kulturpolitik, verlor in dem Maße an Mission, wie sich das Engagement der Gewerkschaften bei rückläufigen Mitgliederzahlen und damit sinkenden Beiträgen zunehmend auf Tarifpolitik und Arbeitskampf konzentrierte. Der wiederholte Versuch, durch eine Beteiligung von Verlagen und anderen Medienunternehmen in ruhigeres Fahrwasser zu kommen, scheiterte mehrfach. Auch das ehemals erfolgreiche Modell der Vertrauensleute, die das Programm der Büchergilde in die Betriebe und Büros brachten und für die Büchergilde warben, hatte sich überholt. Die gewerkschaftliche Verwurzelung in den Betrieben spielte nur noch eine geringe Rolle und die Veränderungen auf dem Buchmarkt, leiteten auch für die meisten bürgerlichen Buchclubs das Ende ein.

 

1997 kam es endgültig zu Verkaufsgesprächen, die die Trennung der Beteiligungsgesellschaft der Gewerkschaften AG (BGAG) von der wirtschaftlich angeschlagenen  Büchergilde zum Ziel hatte. Zum Glück ging die Gewerkschaftsholding nicht auf das Kaufinteresse eines Medienkonzerns ein, sondern nahm das Angebot von Mitarbeitern der Büchergilde an, ihnen die Buchgemeinschaft in einem Management-buy-out zu verkaufen. Damit war nach langem Bangen gelungen, die Unabhängigkeit von Verlag und Programmarbeit zu sichern und die Leitidee des Unternehmens fortzuführen. Mario Früh, seit 1996 Programmleiter, Wolfgang Grätz, verantwortlich für den Artclub und die Büchergilde Buchhandlung in Frankfurt, Peter Schenk von der Heidelberger Büchergilde Buchhandlung und die Marketingleiterin Carola Müller waren die vier neuen Gesellschafter.