Die achtziger Jahre bringen neue Programmlinien

Edgar Päßler und Edmund Jacobi, programmverantwortlich bis 1995

1980 übernahm Edgar Päßler nach dem Ausscheiden von Günther Geisler die Verantwortung für das Lektorat. Das Team um den langjährigen Programmleiter realisierte wichtige Projekte wie die Werkausgaben von Oskar Maria Graf (ab 1982) und Panait Istrati (ab 1985), das in Historikerkreisen viel diskutierte Buch über Leben und Werke norddeutscher Jakobiner von Walter Grab (1984), opulent ausgestattet von Michael Mathias Prechtl, illustrierte Ausgaben klassischer Texte und die von Jürgen Lodemann neu erzählte Nibelungensaga Der Mord mit Illustrationen von Erhard Göttlicher (1995).

Die Bibliothek für kritische Leser – eine Antwort auf das Taschenbuch

Mit den Jahren entstanden neue Programmlinien. 1982 startete Die kleine Reihe, die „Bibliothek für kritische Leser“, mit anspruchsvollen literarischen Texten, Essays, Kurzprosa und Gedichten in eigenwilliger Gestaltung und handlichem Format. „Jeder Einband mit einem Bildmotiv nach einer Originalzeichnung, die für jeden Band individuell in Auftrag gegeben wird. Auch junge Künstler sollen hier eine Chance bekommen“, heißt es in der Verlagsankündigung. Bis 1990 erschienen 48 Titel von zeitgenössischen Autoren, weltberühmten neben völlig unbekannten. Dann erhielten die kleinen kartonierten Bände die von Heinrich Thomas entwickelte Gestaltung: „Analog zur Vielfalt der Inhalte werden Schrift, Titel, und Signet häufiger wechseln, die Reihe wird farbiger werden.“ Seit 2004 werden die Bände der Kleinen Reihe mit einer farbigen, über den Rücken gezogenen Initiale und einem Bildfenster, das Raum für den individuellen Charakter des Buches lässt, gestaltet.

Die kleine Reihe wird lebendig (Frankfurter Buchmesse 1997)

„Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“ – Die Bibliothek Exilliteratur

1985 erschien mit Anna Seghers Transit das erste Buch in der Bibliothek Exilliteratur. „… wirklich eine verdienstvolle und notwendige Sache“, schrieb Fritz J. Raddatz in der Zeit zum Start der von Hans-Albert Walter herausgegebenen Reihe. Mit langer Verzögerung wurde hier ein Teil der großen Literatur wiederentdeckt, die während der Nazi-Kriegsjahre nicht „im Reich“, sondern unter härtesten Bedingungen „draußen“ entstanden war. Die Bibliothek Exilliteratur war nicht nur ein Akt später Wiedergutmachung, sondern ermöglichte auch „Nachgeborenen“, Klassiker zu lesen, die nichts an literarischer Kraft, Spannung, Intelligenz und Witz verloren hatten. Das Ungewöhnliche an der Edition sind ihre ansprechende, vielfach preisgekrönte Aufmachung, die gründlich geprüften Originaltexte und der Kommentar-Anhang, der oft sogar als eigenes Ergänzungsbüchlein im Schuber mitgeliefert wird. Wobei unter „Kommentar“ nicht akademisch trockene Belehrungen zu verstehen sind, sondern Essays, die – obwohl von Fachleuten und auf dem letzten Stand der Forschung – doch für Leser geschrieben wurden: Nachworte, die das Verständnis vertiefen, das Vergnügen erhöhen und manchmal selber spannend sind wie ein Detektivroman.

 

Die Bibliothek Exilliteratur wurde das Kernstück eines wichtigen Programmbereichs der Büchergilde, in dem erzählende, biographische, dokumentatorische und kommentierende Werke rund um die Themen Antisemitismus und Judentum zusammengefasst sind.

Weitere herausragende Bücher dieses Jahrzehnts:

Elias Canetti, Die Stimmen von Marrakesch mit farbigen Aquarellen von Wolfgang Werkmeister (1984); Erhard Göttlicher illustriert Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wienerwald (1984). Eines der international am meistens beachteten und ausgezeichneten Bücher wird Henry Millers Geschichte Das Lächeln am Fuße der Leiter mit Farbaquarellen  von Lieselotte Schwarz (1985). Thomas Morus’ Utopia erscheint mit hintergründigen Farbbildern von Mathias Prechtl. Ein Kinderliederbuch zum Mitsingen wird zum beliebtesten der nächsten Jahre: Freche Lieder, liebe Lieder, herausgegeben von Jürgen Schöntgens und illustriert von Rotraut Susanne Berner (1987). 1989 geben Georg Hafner und Edmund Jacoby Die Skandale der Republik heraus, eine lehrreiche Lektion über vierzig Jahre Geschichte der BRD.