Kriegsende und Neugründung der Büchergilde

„Und als von tausend Jahren, nur elf vergangen waren …“ Franz Josef Degenhardt

Bereits vor Kriegsende beschäftigte Bruno Dreßler und mittlerweile auch seinen Sohn Helmut der Gedanke an einen Neuaufbau der Büchergilde in Deutschland. Als Helmut Dreßler 1946 erstmalig wieder nach Deutschland einreisen konnte, nutzte er diese Gelegenheit um sich über die Möglichkeiten einer Neugründung zu informieren. Der gewerkschaftliche Bildungsverband existierte nicht mehr und schied somit als Träger aus. Deshalb trat Helmut Dreßler an die Gewerkschaftsbünde der drei westlichen Besatzungszonen heran, die sich spontan bereit fanden, die Büchergilde unter ihr Dach aufzunehmen. Am 12. März 1947 war es soweit. Nach ungezählten Behördengängen wurde die Büchergilde Gutenberg mit Sitz in Frankfurt am Main gegründet, Helmut Dreßler zum alleinigen Geschäftsführer gewählt und sein Vater auf Lebenszeit stimmberechtigtes Aufsichtsratsmitglied.

Helmut Dreßler

Schwierig war der Neubeginn auch in Hinblick auf die inhaltliche Gestaltung des Angebots. Die drei westlichen Besatzungsmächte wollten eine Lizenz nur gegen Vorlage eines überzeugenden Programms bewilligen – die Autorenrechte, vor allem englischsprachiger Titel, waren aber nur mühsam einzuholen und wurden in der Regel sehr zögernd und mit erheblichem Misstrauen zugestanden. „Infolge der Weigerung der Schweizer Büchergilde, der deutschen BG amerikanische Übersetzungsrechte zu geben, ist das Programm, das ich für die Lizenzerteilung eingereicht habe, etwas dünn geworden. Die Amerikaner legen großen Wert darauf, daß der eine oder andere amerikanische Roman im Programm erscheint.“, schrieb Helmut Dreßler im März 1947 an seinen Vater. Auch der Materialmangel machte ihm schwer zu schaffen: „Mir graut etwas, wenn ich daran denke, daß die Büchergilde in drei Zonen produzieren und gut arbeiten soll. Aber wir werden es schon schaffen und lassen deshalb den Mut nicht sinken.“

Diese Haltung sollte sich bezahlt machen. Die in Ruinen lebenden Deutschen würdigten das Wagnis, dem Buch seinen Platz im allgemeinen Wiederaufbau zu sichern, Literatur wieder verfüg- und bezahlbar zu machen. Immerhin eröffnete die Büchergilde ihren Mitgliedern die Möglichkeit, Werke von Nikolaj Gogol, Walter Kolbenhoff, Jack London, E.T.A. Hoffmann, Hans Ernst Gombrich, Karl Mannheim, Alfred Weber, Max Frisch, Thornton Wilder, Ernest Hemingway, Ignazio Silone, Erich Kästner, Thomas Mann oder Ricarda Huch zu günstigen Preisen zu beziehen. Sie bot wieder einen Zugang zu klassischen Stoffen, zu Autoren der Weltliteratur und zeitgenössischen Schriftstellern, der jahrelang verwehrt gewesen war.

 

 

Als „Akt der geistigen Notwehr in einer aus den Fugen geratenen Welt, ein Beitrag, dem Arbeiter seinen gleichberechtigten Platz im Staat zu sichern“, so stellte sich der Neuanfang im Verständnis der Dreßlers dar. Und der Erfolg gab ihnen recht. Innerhalb der ersten zwölf Monate wurden 36.000 Mitglieder aufgenommen. Viele von ihnen arbeiteten auch wieder als Vertrauensleute, so dass die Mitgliederzahl bis 1949 verdoppelt werden konnte, 1952 die 200.000er Grenze passierte und 1962 mit 300.000 Mitgliedern ihren Höchststand erreichte. Auch das Netz der Geschäftsstellen wurde von Jahr zu Jahr enger geknüpft. 1948 startete die Büchergilde mit acht Geschäftsstellen. Sie versorgten zunächst vor allem die Vertrauensleute mit Zeitschriften und Büchern, öffneten sich dann auch für Einzelmitglieder und entwickelten sich nach und nach zu vollwertigen Buchhandlungen.

 

Hermann Hesse dankt Bruno Dreßler bei dessen Ausscheiden 1946 für die gute Zusammenarbeit