Neuer Wind im Büchergilden-Programm

Erich Knauf, der neue Lektor der Büchergilde ab 1930 brachte neue Akzente in das Programm der Büchergilde. Selbst politischer Autor, unter anderem des Reportage-Romans Ca ira aus den Tagen des Kapp-Putsches, band er eine jüngere Generation von Schriftstellern an sich und verlieh dem Programm „linkere“ Akzente. Titel wie Otto Bauers Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkrieg (1931) und Wladimir Woytinskis Wehe den Besiegten! Erinnerungen aus der russischen revolutionären Bewegung (1933) ergänzten das literarische Programm, blieben jedoch in der Minderzahl und waren auch innerhalb der Büchergilde nicht unumstritten.

 

Sehr großen Wert legte die Büchergilde auf die Ausstattung und berichtete auch in den Mitgliederzeitschriften darüber. Es ging dabei immer um die unbedingte Echtheit, die Beziehung zwischen äußerer Gestalt und Inhalt und die Ablehnung falscher, unechter Materialien.

 

Ein Beispiel ist das von Jan Tschichold gestaltete Sachbuch von 1930 Hermann Drechsler, Aus der Werkstatt der Natur. Das Buch beeindruckt bis heute durch seine klare, moderne Gestaltung und die gelungene Verbindung von Text und Fotografie. Zwischen 1929 bis 1932 wurden von einer Jury die schönsten Bücher eines Jahres ausgewählt und die Büchergilde erhielt neun Auszeichnungen. 1931 wurde Helmut Wagners Buch Sport und Arbeiterbewegung prämiert, ein kaschierter Halbleinenband mit einem ganzseitigen Foto auf dem Einband. Es war ganz bewusst in Kleinbuchstaben gesetzt worden, um „freunden und gegnern der vielfach umstrittenen kleinschreibung gelegenheit zur klärung ihres standpunktes“ zu geben. Prämiert wurde auch das Kunstbuch von Erich Knauf, Daumier mit raffiniert zum Text gestellten Abbildungen. Herausragend ist der 100 Blätter umfassende Holzstichzyklus Mein Vorurteil gegen diese Zeit von Karl Rössing.

 

„Die Hakenkreuzfahne weht über dem Buchdruckerhaus zu Berlin, in dem die Büchergilde Gutenberg ihr Heim hat“ – Die „braune“ Büchergilde

Verboten! Liste der zensierten Bücher

Am 2. Mai 1933 besetzte die SA das Verbandshaus der Deutschen Buchdrucker in Berlin und damit auch die Zentrale der gewerkschaftlichen Buchgemeinschaft. Damit markierte sie das vorläufige Ende der freiheitlich gesinnten Büchergilde. Sie hatte 174 Bücher herausgebracht von Kurt Eisner, Oskar Maria Graf, Jack London, Upton Sinclair, B. Taven, Arnold Zweig u.v.a. internationale Autoren, in 2,5 Millionen Exemplaren, zuletzt für 85000 Leserinnen und Leser.

 

Vergeblich hatte Bruno Dreßler Anfang des Jahres noch versucht, der „Gleichschaltung“ der Büchergilde vorzubeugen. Er schloss die Buchgemeinschaft dem 1932 in den Börsenverein aufgenommenen gewerkschaftseigenen Buchmeister-Verlag an, der bereits 1925 gegründet worden war, um die Büchergilde-Produktion in den Buchhandel einzuführen. Die Rechnung der Büchergilde, auf diesem Weg eine rechtskräftige Form und damit ein Klagerecht bei Verboten und Beschlagnahmungen zu geben, ging nicht auf. Wenigstens war es Dreßler jedoch noch rechtzeitig gelungen, erhebliche Buchbestände ins Ausland zu verlagern. Am 15. Mai wurde er wegen des Verdachts „staatsfeindlicher Gesinnung“ und wegen des Büchertransfers fristlos entlassen, am Tag darauf mit vorgehaltener Pistole verhaftet.

 

„Ein Verlagsleiter muß Sturmführer sein“, verlautbarte der eingesetzte Nachfolger Otto Jamrowski nach der Übernahme der Büchergilde und stärkte seine verlegerische Aktivität mit der Streichung missliebiger Titel aus dem Programm. Gleichzeitig kündigte man neue Verlagsgrundsätze an. Sinn und Ziel sollte sein, „aus der Gemeinschaft von Dichtern, Verlag und Leserkreis die Büchergilde zu schaffen, die sich als große Kulturgemeinschaft in das Reich deutscher Arbeit und deutscher Kultur eingliedert.“ Dafür standen Autoren wie Hermann Stehr und Sepp Dobiasch. Allerdings blieben auch bis Ende der dreißiger Jahre Titel von Jack London oder Vicente Blasco Ibanez lieferbar. Die Büchergilde der Deutschen Arbeitsfront bestand bis zur Bombardierung der Verwaltungsgebäude 1945 in Berlin.

„Aufrichtige demokratische Tradition verträgt kein Diktat.“ – Büchergilden-Exil in der Schweiz

Man hat oft gesagt, dass man den Geist nicht töten kann. Zwar konnten die Ursupatoren Deutschlands die Organisation der Gilde im Lande kurzerhand an sich reißen, sie konnten Büros und Druckereigebäude besetzen, aber die Idee der Gilde war frei, sie ging mit ihren Vätern außer Landes.

 

Am Tag der Verhaftung Bruno Dreßlers trennte sich die Züricher Filiale von der Büchergilde in Berlin. Unter der Leitung des sozialdemokratischen Schweizer Nationalrats Hans Oprecht gründeten Züricher Mitglieder die „Genossenschaft Büchergilde Gutenberg“. 5.000 der bestehenden 6.000 Schweizer Mitglieder traten zur Genossenschaft über. Nach zähen Verhandlungen mit der neuen Berliner Führung erreichte Oprecht eine Einigung über die beiderseitigen Ansprüche aus dem Gesamtvermögen und die Übernahme der Züricher Geschäftsstelle.

 

Im Juni 1933 erschien die erste eigene Ausgabe einer Schweizer Büchergilde-Zeitschrift in Zürich. „Die Hakenkreuzfahne“, heißt es im Eröffnungsartikel, „weht über dem Buchdruckerhaus zu Berlin, in dem die Büchergilde Gutenberg ihr Heim hat. Der Geist, der darin lebte, jener Geist, dem wir uns tiefinnerlich verbunden fühlten, mußte aus dem Haus weichen. Die Freiheit des Gedankens … machte den einseitigen Parolen, der offenen und versteckten Propaganda für ein nationalsozialistisches Diktat Platz.“

Das neue Programm der Büchergilde

Um wirtschaftlicher arbeiten und besser überleben zu können, arbeitete die Züricher Büchergilde ab 1934 enger mit den Niederlassungen in Wien und Prag zusammen, die insgesamt rund 12.000 Mitglieder hatten halten können. Im Oktober 1934 übernahm Bruno Dreßler, der mittlerweile aus der Haft entlassen und in die Schweiz ausgereist war, die Geschäftsführung in Zürich und garantierte so die Fortführung der Büchergilde im Sinne des Gründungsgedankens: „Aufrichtige demokratische Tradition verträgt kein Diktat, keine sklavische Gesinnungsuniformierung.“

 

Die Anfänge der Schweizer Gilde waren schwierig. Nicht alle Autoren wechselten zur neuen Genossenschaft, Max Barthel zum Beispiel blieb bei der nationalsozialistischen Büchergilde und wurde dort Schriftleiter. B. Traven hingegen forderte seine Autorenrechte von Berlin zurück und übertrug sie dem Schweizer Verlag.

 

Finanzielle Probleme, Widerstand von Schweizer Buchhändlern und Verlegern und eine Krise in der Schweizer Buchproduktion erschwerten die Aufbauphase in einem politischen Umfeld, das durch deutsche Großmachtpolitik und eine restriktive Schweizer Flüchtlingspolitik geprägt war. Die Wiener Filiale wurde bereits während der dortigen Februarunruhen 1934 kurzzeitig geschlossen und erfuhr nach der Besetzung Wiens im März 1938 dasselbe Schicksal wie die deutsche Büchergilde. Währenddessen erreichte die Schweizer Buchgemeinschaft, an der sich 1934 die Gewerkschaften beteiligt hatten, bis zum Kriegsende 1945 trotz aller Probleme einen Stand von über 100.000 Mitgliedern. Wichtige Buchreihen entstanden: Neben der Gildenbibliothek der Weltliteratur auch Reihen zu den Themen Forschung und Leben sowie Arbeit und Gesellschaft, die Gildenbibliothek der Jugend und Pläne für eine Frauengilde.

 

1945 war jeder dreißigste Schweizer Mitglied in der Büchergilde. Die Züricher Genossenschaft blieb bis in die siebziger Jahre hinein aktiv. Das Exil in der Schweiz war zentral für das Überleben der Büchergilde während der NS-Zeit und ihre Entwicklung nach 1945. Mit der Wiederaufnahme unserer Aktivitäten in der Schweiz knüpfen wir an diese für unsere Geschichte so wichtige Exilzeit an. Wir setzen dabei auf unsere Mitglieder, auf den Buchhandel als Partner und die Neugier der Schweizer Leser.