Göttliches Feuer als Geheimtipp

Zu Lebzeiten unverstanden geblieben, heute verehrt: Es gibt noch viel zu lernen über Friedrich Hölderlin, den vielleicht rätselhaftesten Dichter der deutschen Literaturgeschichte. Rüdiger Safranski wagt sich mit der neuen Biografie Hölderlin an den bislang hingebungsvollsten Versuch. Gleichzeitig liegt in der Büchergilde mit Im Kleinsten offenbart das Größte sich ein wunderbarer Zugang zum Werk des Poetenphilosophen vor.

 

Von Martin Kistner

Sie kennen den Namen Friedrich Hölderlin. Aber wie viele Gedichte von ihm haben Sie bereits gelesen? Wenn man den Kanon großer deutscher Dichter durchgeht und sie an den Fingern abzählt, fällt früher oder später der Name Hölderlin – zumeist aber erst bei der zweiten, dritten oder vierten Hand. Er war ein Zeitgenosse und Bekannter Schillers und Goethes und pflegte beste Kontakte zu Philosophen, Gelehrten und Literaten, in einer Epoche, die künstlerisch wie politisch eine der bewegtesten in Europas Geschichte war.

 

Vielleicht waren es also die äußeren Umstände, die Hölderlin zeitlebens die gebührende Aufmerksamkeit verwehrten, vom Anbrechen der Französischen Republik bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches. Womöglich war auf den Seiten der Geschichtsbücher schlicht nicht mehr genug Platz, um voll und ganz zu zeigen, welch leidenschaftlichen Beitrag der Lyriker zum literarischen Vermächtnis seiner Zeit leistete. Denn an der Qualität seiner Gedichte kann die fehlende Aufmerksamkeit ganz sicher nicht gelegen haben.

 

Die Götterwelt der Griechen entfachte Hölderlins Feuer

 

Heute findet vor allem sein einziger Roman Hyperion Beachtung, ein gefühliger Briefroman, in dem nicht nur Hölderlins Drang, das Innere nach außen zu kehren, sondern auch seine große Liebe zur Götterwelt der griechischen Antike Ausdruck findet. Doch während er mit dem stückweise veröffentlichten Hyperion durchaus auf Lob und Anerkennung seiner Zeitgenossen stieß – auch unter den von Hölderlin geschätzten Großdichtern der Weimarer Kreise –, so brauchte es erst die Dichter der späteren Romantik wie Clemens Brentano oder Achim von Arnim, um seinem umfangreicheren lyrischen Wirken ebenfalls Beachtung zu schenken.

 

Weder können wir es wissen noch ausschließen, ob diese Beachtung den psychisch labilen Hölderlin vielleicht vor einer tragischen zweiten Lebenshälfte bewahrt hätte, getrieben von Selbstgesprächen und vor sich hin lebend im Tübinger Turmgewölbe eines einfachen Schreiners. So blieb er jahrelang und bis zum Tage seines Todes am 7. Juni 1843 im Unwissen darüber, wie wichtig und achtbar seine Sätze und Verse doch waren und bis heute sein sollten.

 

Erst das 20. Jahrhundert erkannte die Größe des schwäbischen Lyrikers

Spätestens seit dem 20. Jahrhundert nehmen die Bemühungen zu, Friedrich Hölderlin endlich als das zu feiern, was er unbestreitbar ist: ein Höhepunkt der deutschen Literaturgeschichte. Nun trägt mit Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund! auch Rüdiger Safranski zu dieser Rezeption bei. Safranski schafft es mit dieser Biografie, den bis dato umfangreichsten, genauesten und einfühlsamsten Blick auf das verkannte Poesie-Genie zu werfen.

 

Hölderlin ist sozusagen „Safranskis Neuester“: Der vielseitig gelehrte Literaturwissenschaftler teilt mit dem Sohn einer Pfarrerstochter nicht nur die eine oder andere biografische Ähnlichkeit, sondern hat mit seinen Monografien anderer Vertreter großer Dicht- und Denkkunst wie E.T.A. Hoffmann, Schiller und Nietzsche schon häufig bewiesen, dass er ein Händchen dafür besitzt, ihre mitunter nicht mehr ganz einfach nachvollziehbaren, aber über jedes Versmaß hinaus hoch spannenden Leben in Texte größter Güte gießen zu können.

 

Man muss Respekt davor haben, wie tief es Safranski gelingt, in das Leben der tragischen Figur Hölderlin einzudringen. Er folgt nicht einfach nur der Pflicht des biografischen Blicks und rekonstruiert Reisen und Begegnungen sowie Hölderlins gesellschaftliche Bemühungen und Beziehungen mit höchster Sorgfalt. Safranski wird auch seinem eigenen Anspruch gerecht, dem von ihm im Vorwort zum Faszinosum erklärten „Feuer“ Hölderlins nachzugehen, das diesen in seiner Lyrik und in seinem Streben, für große Gefühle auch große Worte zu finden, maßgeblich auszeichnete.

 

Einen Teil der Antwort findet er in Hölderlins schwierigem Verhältnis zu seiner protestantisch frommen Mutter, die den Lebensweg des Sohns deutlich geradliniger und ihrer vom Glauben geprägten Vorstellung eines Gottes zugewandt sah – und weniger so wie Friedrich, der das Göttliche eher als eine Einheit mit einem besonders intensiven und in der Schönheit der Natur vollendeten Leben betrachtete.

Künstler Klaus Schneider über das Umschlagmotiv des Aphorismenbandes

„Das Ornament ist abgeleitet von einer 30-Pfennig-Briefmarke von 1970. Diesem Motiv habe ich die Locken entnommen (nicht die Schillerlocke, sondern die ‚Holderlocke‘). Auch die Farbgebung ist diesem Motiv ähnlich, entspringt aber auch dem Gedanken, dass ,Hölderlin‘ die kleine Form von ,Holder‘ ist, also ,Holunder‘ bedeutet.Die Farbe ähnelt der des Holundersafts. Hinzu kommt, dass Hölderlins Gedichte vorromantisch sind, sich auf das lyrische Ich konzentrieren und selbst als ornamental erscheinen. Die Locke repräsentiert in der vorgelegten Form meine Sichtweise auf Hölderlins Schreiben. Um Hölderlins bewegtes Leben in der Umschlaggestaltung aufzunehmen, gibt es eine helle und eine dunkle Seite, die je seine frühen und seine späten Lebensjahre versinnbildlicht.“

Auch eine weitere Frau hilft bei der Spurensuche nach dem „Feuer“ Hölderlins: Die Liebe seines Lebens, Susette, ließ ihn wie niemals zuvor eine Verliebtheit spüren, die ihm womöglich noch süßer vorkam als die Liebe selbst. Doch eine nähere, offene Verbindung zur der Bankiersfrau und Mutter von drei Kindern, deren Hauslehrer Hölderlin war, war so ungehörig wie undenkbar. Ihr Verhältnis endete, und kurz nach ihrem letzten Treffen auch Susettes Leben, die 1802 im Alter von nur 33 Jahren an Röteln starb.

 

Es war kurz darauf, wenn auch nicht unbedingt nur deswegen, dass Hölderlin den Qualen seiner psychischen Krankheit, seiner Schizophrenie, unterlag. Zunächst furchtbaren, traumatischen Zwangsbehandlungen ausgesetzt, wurde Hölderlin irgendwann ärztlich für „unheilbar“ erklärt und 1807 in die Pflege eines Tübingers Schreinermeisters und Bewunderer des Hyperion gegeben. Bei ihm fristete der Lyriker seine zweite Lebenshälfte und schrieb nicht viel und oft nur für Gäste und Reisende, aber aller Unruhe im Kopf zum Trotz mit jenem göttlichen Feuer, das bis heute in seinen Worten lodert.

 

Als Dichter und in der Liebe erfolglos, von Schizophrenie übermannt – Hölderlins Leben endet tragisch


Wer sich davon einen Eindruck verschaffen möchte, der hat jetzt im Hölderlin-Jahr 2020 Gelegenheit dazu, feierlich begangen durch das Land Baden-Württemberg anlässlich Hölderlins 250. Geburtstags. Rüdiger Safranski wirft den bis dato vollständigsten und im besten Sinne nüchternsten Blick auf Hölderlins Leben. Als Einblick in Hölderlins Werk findet sich in Im Kleinsten offenbart das Größte sich eine Sammlung genau solcher Textstücke Hölderlins: kleine wie große, aber alle groß gemeint. Ausgestattet mit einem wunderbaren Nachwort durch den Hölderlin-Forscher Ulrich Gaier, bietet dieser bestens kuratierte Aphorismen-Band eine Kostprobe von Hölderlins Schaffen: seinem sprachlichen Durchdringen gewaltiger Gefühle, seiner philosophischen Weisheit und seinem Eifer.

 

Friedrich Hölderlin verdient es, nicht mehr „nur“ ein Geheimtipp im Kosmos der großen Dichter zu sein. Mit seiner Biografie in der einen Hand und seinen eigenen Worten in der anderen ist jetzt die beste Zeit, um sich dem unverstandenen Poesie-Genie anzunähern. Es lohnt sich.