Eine Idee wird Wirklichkeit: Die Gründung der Büchergilde Gutenberg

„Wiederholt ist aus den Reihen der Kollegen die Anregung ergangen, wir als Buchdrucker sollten uns die Ausstattung des wirklich guten Buches angelegen sein lassen.“ Im Volkshaus zu Leipzig tagte im Sommer 1924 der Bildungsverband der deutschen Buchdrucker. Als Punkt 7 stand auf der Tagesordnung für den 29. August die Gründung einer gewerkschaftlichen Buchgemeinschaft, der Büchergilde Gutenberg: „Die Satzung liegt bereits gedruckt vor. Aus ihr ist Zweck und Ziel des neuen Zweiges unseres Bildungsverbandes zu erkennen. Der Redner erläutert im einzelnen die Satzung und versichert, daß nur das Beste vom Besten gegeben wird.“

 

 

Eingebracht hatte dieses Projekt der „Redner“, Bruno Dreßler, Erster Vorsitzender des Bildungsverbandes sowie späterer Geschäftsführer der gewerkschaftseigenen Buchdruckerwerkstätte. Seit Jahren schon trieb ihn die Idee einer „proletarischen Kulturgemeinschaft“ um. Nun schien die Zeit reif, sich an deren Verwirklichung zu machen.

Nach den politischen Wirrnissen der Revolutionszeit und der frühen zwanziger Jahre, der Hyperinflation und dem Zusammenbruch der Währung zeichnete sich seit der Währungsreform Ende 1923 eine Besserung der wirtschaftlichen Lage ab. Dennoch konnten viele Arbeiter und Angestellte an die Anschaffung von Büchern kaum denken. Das Buch war für weite Bevölkerungskreise ein Luxusartikel. Die Idee, auch diesen Menschen mit Hilfe einer Buchgemeinschaft zum Besitz von Literatur zu verhelfen, war ein Gebot der Stunde. Im Bildungsverband der deutschen Buchdrucker fand sich der geeignete Rahmen – verband dieser doch ein erklärtes Bildungsinteresse mit dem handwerklichen Können, das zur Buchherstellung notwendig war, und dem Willen, die Tradition der Schwarzen Kunst einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln.

„Inhaltlich gute Bücher, in nicht alltäglicher Ausstattung“

„Nur durch die Zusammenarbeit einer Gemeinschaft“, so urteilte Dreßler, „läßt sich dieser Wunsch verwirklichen. Die Aufbauarbeit soll nun die Büchergilde Gutenberg leisten.“ Sein Anliegen fiel auf fruchtbaren Boden. Einstimmig erklärten die anwesenden Gewerkschaftskollegen ihre Zustimmung zur Einrichtung der Buchgemeinschaft. Die Büchergilde fügte sich damit in die Reihe der gemeinwirtschaftlich-genossenschaftlichen Unternehmensgründungen der Weimarer Arbeiterbewegung ein. Sie verstand sich als Gegenstück zu den bürgerlich-privatkapitalistischen Buchgemeinschaften, die bereits um die Jahrhundertwende entstanden waren. „Damit erhob wohl zum ersten mal eine Arbeiterversammlung die Hand“, kommentierte der sozialdemokratische Schriftsteller, später der erste Lektor der Büchergilde, Ernst Prenczang, „um, unbeeinflußt von Profitinteressen irgendwelcher Art, in die Bücherproduktion einzugreifen.“

 

Die Büchergilde wurde dem Bildungsverband der deutschen Buchdrucker als besondere Abteilung angeschlossen. Laut Satzung verfolgte sie den Zweck, ihren Mitgliedern „inhaltlich gute Bücher in technisch vollendeter Ausführung und nicht alltäglicher Ausstattung zugänglich zu machen.“ Konzentrieren wollte man sich auf das „schöngeistige“ Buch, „ohne indessen populärwissenschaftliche Werke grundsätzlich auszuschließen.“ Das Eintrittsgeld und der monatliche Beitrag wurden zunächst auf jeweils 0,75 Goldmark festgesetzt. Mit ihren Beiträgen erwarben die Mitglieder einen Anspruch auf jeweils ein Buch im Vierteljahr sowie die Berechtigung, alle Titel, die bald auch darüber hinaus produziert wurden, ebenfalls zu erstehen.

 

Die Organisationsform der Büchergilde entsprach dem in der Arbeitsbewegung tief verwurzelten Gedanken des genossenschaftlichen Zusammenschlusses, mit dem jeglicher Profit, auch der des Einzelhandels, ausgeschlossen war. Die Satzung der Büchergilde bestimmt dann auch, dass der übliche Verlegergewinn den „Mitgliedern in Form einer besseren Ausstattung“ zugute kommen sollte

„Was wir wollen, Ihr wißt es: Bücher geben, die Freude machen. Bücher voll guten Geistes und von schöner Gestalt.“

Der Leiter der Büchergilde Gutenberg war ein Buchdrucker gewesen, ihr erster Lektor war es – und also war es auch ihr erster Autor: Mark Twain. Ende 1924 bot die Büchergilde als erstes Buch ihren bis dahin 5.000 Mitgliedern mit großem Erfolg Mark Twains Geschichtenband Mit heiteren Augen an. Im Vorwort steht die bis heute programmatische Äußerung Preczangs über die Ziele der Büchergilde: Was wir wollen…:Bücher geben, die Freude machen, Bücher voll guten Geistes und schöner Gestalt. Bücher, die wir lieben dürfen ihrer inneren und äußeren Echtheit wegen.“

 

Twain wurde für neue Mitglieder nachgedruckt, und der Realisierung des Folgeprojekts stand nichts mehr im Wege. Das Spiel mit der Puppe von Max Barthel erschien als zweites Buch. Der Buchtyp sollte zum Kennzeichen der Büchergilde werden, ein bedruckter Ganzleinenband im Format 24 x 17 cm.

 

Seit Februar 1925 erschien auch das monatliche Mitgliederorgan. Zunächst als reines Mitteilungsblatt gedacht, kam Die Büchergilde aufgrund des erfreulich hohen Mitgliederzustroms schon mit der ersten Nummer als kleine Zeitschrift heraus. Denn schon Ende 1925 zählte die Büchergilde 18.000 Mitglieder. Während sich die zeitgleich entstehenden sozialistischen Buchgemeinschaften Universum-Bücherei für Alle, Gilde freiheitlicher Bücherfreunde und der Bücherkreis bei ihrer Mitgliederwerbung vorrangig an die in Gewerkschaften oder Parteien organisierte Arbeiterschaft wandten, suchte die Büchergilde bald auch Zugang zu Leserkreisen jenseits des Druckgewerbes. Vier Jahre nach der Gründung hatte sie bereits 55.000 Mitglieder und entwickelte sich bis 1933 mit 85.000 Mitgliedern zur drittgrößten Buchgemeinschaft der Weimarer Republik.

Unaufhaltsam wächst die Zahl der Mitglieder in der Büchergilde

Vertrieben wurden die Bücher vor allem über ein Netz von Vertrauensleuten, die diese Funktion zugleich auch im Verband der Buchdrucker ausübten. Die Vertrauensleute waren engagierte und passionierte Mitglieder, die ehrenamtlich für das Programm der Büchergilde Reklame machten, die Idee in die Betriebe trugen und Mitglieder warben. Zur Unterstützung der Vertrauensleute richtete die Geschäftsleitung schon bald hauptamtlich besetzte Geschäftsstellen in Berlin, Leipzig, Hamburg und Wien ein. Niederlassungen in Zürich und Prag kamen hinzu, bis 1928 waren es bereits 17, bis 1931 insgesamt 27 Geschäfts- und Zahlstellen. Der Verlag selbst zog 1926 zusammen mit dem Bildungsverband und der Buchdruckerwerkstätte von Leipzig in das neue Gewerkschaftshaus nach Berlin.

 

Das rasante Wachstum der Büchergilde in den Gründungsjahren war umso weniger selbstverständlich, als aus der Bücherbranche heraus entschiedener Widerstand gegen die Buchgemeinschaften entstand.

 

Aufgefangen wurde dies durch eine geschickte Programmpolitik und etwas Glück bei der Autorengewinnung. Die ersten literarischen Mitarbeiter von Bruno Dreßler wurden der junge Volksschullehrer Johannes Schönherr und Ernst Preczang, gelernter Buchdrucker, Arbeiterdichter und selbst einer der führenden Männer der Bildungsbewegung. Mit B. Traven entdeckte dieser einen Autor für den deutschen Buchmarkt, dessen Name untrennbar von dem der Büchergilde wurde.

 

Bereits 1926 wurde „Das Totenschiff“ und „Die Baumwollpflücker“ als Erstausgabe veröffentlicht. Traven ließ alle seine Bücher bis in die dreißiger Jahre in der Büchergilde erscheinen. Wer Werke dieses Bestseller-Autors erwerben wollte, musste Mitglied der Büchergilde werden. Durch die Gewinnung Travens war auch die Suche nach zeitgenössischen Autoren leichter geworden. Es erschienen Werke von Arnold Zweig, Jack London, Oskar Maria Graf und Klassiker von Dostojewski, de Coester und A.C.Andersen.