In der Falle – Rote Bauhaus-Brigadisten in Stalins Sowjetunion

Bauhaus. Eine fotografische Weltreise

Es war zu erwarten: Die gesamte Medienszene Deutschlands ist in diesem Jahr ganz wie aus dem „Bauhäuschen“. Redaktionen, Intendanzen und Produzenten, die ansonsten nichts oder kaum etwas mit Bau- oder Produktkultur und gar deren Historie zu tun haben, geben sich im Jahr 2019 die Ehre, dem Bauhaus zum hundertjährigen Gründungsjubiläum zu huldigen. Und die politische Klasse bis hinauf ins Parlament, sonst eher zögerlich, wenn nicht gar ungeschickt, wenn ihre Position zu gesellschaftlich relevanten Bau- oder Abrissentscheidungen gefragt ist, gibt sich überraschend kenntnis- und wortreich, was die kulturelle und soziale Bedeutung der weltberühmten einstigen staatlichen deutschen Gestaltungshochschule betrifft. Regierungssprecher und Redenverfasser haben in dieser Hinsicht nun massig zu tun. Manche unter ihnen aber entdecken jetzt sogar einen tieferen Sinn hinter einem ansonsten längst entleerten Begriff: Design. Wenn sie diesen Begriff in die Redemanuskripte aufnehmen, haben sie damit noch eine zusätzliche Aufgabe zu meistern: den sprechenden Politikerinnen und Politikern nämlich ihre Scheu und Unkenntnis vor dem Topos „Design“ zu nehmen, der bisher kein relevantes Alltagsthema für sie darstellte. Somit hätten die Bauhausfeierlichkeiten schon einmal etwas Nützliches erbracht.

Für Publizistinnen, Publizisten und Verlage gelten Umwelt- und Produktgestaltung in ihrem Wahrnehmungsfeld als selbstverständlich. Sie beschäftigen sich nicht bloß „zu Anlässen“ wie einem Jubiläum mit diesem Thema. Leider könnten gerade sie es paradoxerweise im jetzt angestimmten Kampagnen-Chorus schwerer haben als ohnehin schon, sich als kompetente Sachwalter zu Wort zu melden. Denn die Buchauslagen sind voll von wohlfeilen Bauhaus-Büchern. Bunte Features und mehr oder weniger solide gemachte Dokumentationen zum Thema treten sich in Funk und Fernsehen gegenseitig auf die Schleppe, und sogar im Spielfilm ist das Bauhaus, jedenfalls das Weimarer, unlängst (und überhaupt das erste Mal!) in Szene gesetzt. Das alles mit dem Erfolg, dass sich im gerade angebrochenen Jubiläumsjahr schon erste Stimmen aus dem Rund - funk-, Fernseh- und Leservolk vernehmen lassen: „Bauhaus, Bauhaus, Bauhaus! Wir können’s nicht mehr hören!“ Hat da Neues, Solides und gar spannend Geschriebenes aus berufener Feder zu diesem Thema jetzt auf dem Buchmarkt noch eine Chance?

Durchaus. Zumal, da das zentrale Motto für das Bauhaus-Jahr 2019 doch die Tür dafür öffnet, wenn auch nicht ausdrücklich. Es lautet breitbrüstig: „Die Welt neu denken“, und meint damit wohl eher die große, weiter und schöner auszubauende und mit Produkten zu beglückende Welt als die interne des Bauhauses selbst oder seines engeren Umfelds. Aber gerade dort sich hinein- und vorzuwagen kann durchaus ziemlich aufregend werden – für Autorinnen und Autoren wie Leserinnen und Leser. Erste Ansätze dazu gab und gibt es. So schon einmal vor zehn Jahren (ja, richtig: zum 90. Geburtstag des Weimarer Bauhauses) mit einem bei Hatje Cantz erschienenen Essay-Sammelband unter dem Titel Bauhaus Streit. 1919–2009. Kontroversen und Kontrahenten, der ein Bild wiedergibt von inneren Zwists der Kunsthochschule wie auch äußeren Anfeindungen während ihrer Existenz in Weimar, Dessau und Berlin – bis hin zu heute noch anhaltenden Auseinandersetzungen um ihr didaktisches und konkret-schöpferisches Erbe.

Als aktuellere und sehr anschauliche Lektüre ist der anlässlich des Jubiläumsjahres 2019 erscheinende Band Das rote Bauhaus. Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern der Düsseldorfer Autorin und praktizierenden Architektin Ursula Muscheler geeignet. Anders als der Titel womöglich bei bereits kundigen Interessenten erwarten lässt, widmet sich diese lebendig erzählende Dokumentation allerdings nicht (einmal mehr) per se der berühmt-berüchtigten „kommunistischen Studentenzelle“ am Dessauer Bauhaus. Vielmehr beleuchtet sie eine der bisher weniger wahrgenommenen Episoden, mit denen das Bauhaus während und nach seiner Existenz sozusagen auch „außer Haus“ Geschichte schrieb. Eine andere, schon etwas bekanntere stellt beispielsweise der Ideen- und Architekten-Exodus in den 1930er-Jahren nach Israel dar, insbesondere beim Aufbau Tel Avivs. Davon legt der großartige Bild-Text-Band Bauhaus. Eine fotografische Weltreise (Fotos Jean Molitor, Texte Kaija Voss) Zeugnis ab. Einige der zahlreichen „Bau-Häuser“ in der modernen jüdischen Großstadt an der Mittelmeerküste sind hier zu sehen, aber daneben noch sehr viel Beeindruckendes mehr, entdeckt rund um den Erdball und in gut 130 vortrefflichen Schwarz-Weiß-Fotos einer über zehnjährigen frei finanzierten Projektarbeit dokumentiert.

 

Bauhaus. Eine fotografische Weltreise
Das rote Bauhaus. Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern

Worum geht es nun aber konkret bei Ursula Muschelers „Rotem Bauhaus“? Behandelt werden die Schaffens- und Leidensumstände vornehmlich von Mitgliedern der sich um den ehemaligen „linken“ Bauhausdirektor Hannes Meyer scharenden „Bauhaus-Stoßbrigade Rot Front“, in der sich ab Anfang der 1930er-Jahre Architekten und Stadtplaner an Großprojekten des Fünfjahresplans in der Sowjetunion beteiligten. Ebenfalls in den Fokus rückt ein anderes deutsches Spezialisten-Kollektiv um den berühmten Stadtbaurat Ernst May aus Frankfurt am Main oder auch, auf eigene Faust, neben noch weiteren der Werkbund-Architekt Bruno Taut.

In bewundernswert komprimierter Erzählweise und mit zugleich sehr anschaulichen, dokumentarisch belegten und fesselnden detaillierten Schilderungen von Einzelschicksalen versetzt Ursula Muscheler ihre Leser in jene Jahre dramatischer Ent- und Verwicklungen einer historisch erstmalig sozialistischen, aber zunehmend stalinistisch-diktatorischen Alltagswirklichkeit. Die wäre alsbald freilich durchaus geeignet gewesen, die Träume der deutschen „Brigadisten“ von einer gerechten, kommunistischen, humanen neuen Welt im Steppenwind um die neuen Industrien und ihre unter den deutschen Planern errichteten Großstädte verwehen zu lassen. Umso erschütternder nachzulesen, wie verzweifelt und unbeirrt und zugleich wie verschieden sich die so Betroffenen an ihre schon heilig zu nennende Mission als solidarische Aufbauhelfer in Sowjetrussland klammerten – wie fruchtlos am Ende meist und allzu oft dem pseudokommunistischen Terror auch physisch unterliegend, bis hin zu Deportationen und Vernichtung im Gulag. Ursula Muscheler setzt hier roten Brigadisten wie Hans Blumenfeld, Margarete Mengel, Bela Scheffler, Tibor Weiner, Antonin Urban und Philipp Tolziner (wer weiß von diesen Namen heute überhaupt noch?) nun endlich ein Denkmal. Und es ist nur zu ahnen und klingt im Buch niemals auch nur in einem Nebensatz an, welch unvorstellbaren Aufwandes der Autorin an Archiv- und Memoiren-Studien dies wohl bedurfte.

Hoch einzuschätzen ist an dieser exemplarischen Aufarbeitung menschlicher und architekturhistorischer Schicksale auch, dass Ursula Muscheler als Fazit aller hier von ihr dokumentierten Fälle „von Migration, Flucht, Überleben und Tod, von Hoffnung und Scheitern“, wie es im Text heißt, nicht den – im gegenwärtigen wohlfeilen europapolitischen russlandkritischen Permafrost-Klima eigentlich erwartungsgemäßen – Kurz-Schluss zieht: nämlich dass die bedauernswerten sozialistischen Idealisten wie die „roten Bauhäusler“ blind vor Weltverbesserungsromantik totalitären Irrlehren gefolgt seien, welche letztendlich in ein bis heute nachwirkendes diktatorisches Moskauer Übel mündeten.

Ursula Muschelers letztes Wort hierzu lautet am Ende ihres außergewöhnlich les- wie streitbaren Buches, die Bauhaus-Jubiläumsfeiern 2019 „böten eine gute Gelegenheit, auch einmal, neben Stahlrohrsesseln und weißen Kuben, das ‚rote Bauhaus‘ vorzustellen, denn wer hätte die Welt über das Ästhetische hinaus neuer gedacht als die Rot-Front-Brigadisten, wer unter Einsatz des eigenen Lebens radikaler an ihrer gesellschaftlichen Umgestaltung mitgewirkt“. Die Autorin hat diese Gelegenheit beim Schopfe gepackt. Mögen andere sich im Feuilleton herumtreiben und hier das Jahr über (frei nach Karl Kraus) auf der Glatze ihre Bauhaus-Locken drehen.

 

Günter Höhne, Jahrgang 1943, lebt als freier Kulturjournalist, Kritiker und Buchautor in Berlin.