„Ich hätte gern die ganz große, unheimliche Liebe“

Eine solche Liebe fanden neben unzähligen Lesern auch die unabhängigen Buchhandlungen in dem Roman Was man von hier aus sehen kann von der Kölner Autorin Mariana Leky und kürten ihn deswegen zu ihrem offiziellen Lieblingsbuch 2017. Kent Harufs Unsere Seelen bei Nacht folgte auf dem Fuße. Ein kleiner Einblick in die Unabhängigen und ihre Lieblinge.

 

Von Karla Paul

Ein guter Erzähler weiß Rat, sagt Walter Benjamin – und Leky ist eine gute Erzählerin. Herzensgebildet breitet Sie das Panorama einer Dorfgemeinschaft aus: Protagonisten im Alltagsgehedder und in existenziellen Nöten. Anrührend, nie sentimental, bar jeglicher Häme und in einer literarisch-lakonischen Knappheit, die mich immer wieder hell auflachen ließ“, schwärmt die Münchner Buchhändlerin Regina Moths von Lekys Roman und setzt noch nach: „Dass ihr Roman bei der Büchergilde erschien, ist nicht überraschend – spricht es doch für das literarische Programm der Büchergilde!“.

 

So wie dieser Roman stehe auch der restliche Inhalt ihrer Buchhandlung für ausgesuchte Qualität, betont Moths im Gespräch. „Ermunterung zum Genuß“ steht groß über den Zusammenstellungen aus dem Kulinarikbereich: schwere, in Leinen gebundene Kochbücher. Dieser Leitspruch gilt für die komplette Buchhandlung, angefangen bei der hochwertigen Einrichtung, den dunklen Vollholzregalen bis zur perfekt abgestimmten, harmonischen Beleuchtung, die die sorgfältig platzierte Lektüre stets in ihr bestes Licht rückt. Diese Liebe zum Detail, zum rundum perfekten Leseerlebnis wird belohnt – online ist nachzulesen, dass eine Besucherin gar am liebsten gleich einziehen würde. Es wird schnell klar, wie wichtig es ist, dass der Leser keine Stapelware, sondern Besonderes findet, dafür ist die Buchhandlung Moths seit über zwanzig Jahren bekannt und diesen Ruf weiß das Team täglich mit Stolz und außerordentlichem Engagement zu verteidigen. Die Anzahl der Mitbewerber ist in der bayerischen Hauptstadt groß, viele Läden buhlen mit Zusatzwaren wie Kerzen und Tees um die Gunst der Kunden, bei ihnen ist das Buch Massenware, literarisches Fast Food. Wo aber andere Händler inzwischen die Supermärkte mit ihrem Angebot an Mitnahmekrimis und leichter Liebeslektüre als Konkurrenz fürchten müssen, ist sich Regina Moths ihrer Kundschaft sicher: Wer Literatur liebt, der will das Beste, und genau das sei bei ihr zu finden. Mit viel Begeisterung spricht sie über die tägliche Arbeit und wie viel Freude es ihr immer noch bereitet, literarische Perlen zu entdecken und ihren Kunden zu empfehlen – darunter eben auch das und vor allen Dingen ihr „Lieblingsbuch der Unabhängigen“.

 

Seit 2014 wird der von David Mesche (Inhaber der Berliner Buchhandlung Buchbox!) ins Leben gerufene Preis einmal im Jahr verliehen, um die wichtigste Fähigkeit seiner Zunft zu verdeutlichen: die perfekte Empfehlung. Kein Algorithmus dieser Welt kann eine derartige Kompetenz bisher auch nur ansatzweise nachahmen, die emotionale Bindung zwischen Leser und Literatur ist mit Metadaten nicht zu erfassen. Buchhändler wie Regina Moths sind samt ihren Mitarbeitern weit mehr als Verkäufer oder gar reine Kassierer eines beliebigen Produkts. Sie kennen ihre Kunden seit vielen Jahren, ebenso deren Geschmack, den der Familie, bei welcher Lesung sie waren, welche Autoren sie furchtbar fanden, welche Lektüre sie bis ins Mark traf, sie übernehmen die wichtigste Filterfunktion im Buchmarkt. Es gilt aus jährlich knapp 85 000 Neuerscheinungen eine sinnvolle Auswahl zu treffen und mit der Backlist abzustimmen, die perfekte Mischung zwischen möglichen neuen Lieblingsbüchern, Alltagstiteln, Urlaubslektüre, Geschenkware und von Verlagsmarketing wie auch Presse geschaffenen Trends.

 

Der Kunde betritt den Laden meist mit einer nicht genau erklärbaren Sehnsucht, er möchte mit einem Roman entweder eine gewisse Emotion her- oder abstellen, dafür hat er meist keinen Autorennamen, keinen Buchtitel, keine Verlagsmarke. Vielleicht hat er ein Interview in einer Talkshow gesehen, eine Besprechung in der Zeitung gelesen, vielleicht online einen Tweet von Bloggern aufgeschnappt oder der Nachbar hat so einen tollen Thriller empfohlen. Aber wie hieß der noch gleich, der Titel und nicht der Nachbar? Aha, ein blaues Cover und irgendwas mit Irland, oder doch Neuseeland, ja, das weiß man jetzt auch nicht so genau, aber es wird schon irgendeine Farbe und einen Titel gehabt haben. Wer ist hier nun eigentlich der Experte? Es ist der Händler, der hier nicht nur Gedanken lesen, sondern auch erahnen muss, welches Gefühl den Kunden umtreibt und welche Seiten dessen Sehnsucht stillen könnten.

Die Schriftstellerin Mariana Leky weiß diese Emotionen genau zu vermitteln. Aber wenn der Roman nicht beim Buchhändler ankommt, wird er es auch beim Leser nicht schaffen, davon ist Torsten Woywod überzeugt. Der ehemalige Buchhändler ist Experte, denn er besuchte für seine beiden Bücher In 60 Buchhandlungen durch Europa sowie In 80 Buchhandlungen um die Welt national und international Hunderte Kollegen, um sich mit ihnen über den sich verändernden Markt sowie die weltweit unterschiedlichen Ideen und Möglichkeiten der Literaturvermittlung auszutauschen. Inzwischen ist er beim Kölner Dumont Buchverlag für Online-PR verantwortlich, und auch bei Lekys Hausverlag ist klar, worauf der Erfolg ihrer Autorin begründet ist: „Dass die Lieblingsbücher der Unabhängigen bislang allesamt zum Dauer-Seller avancierten, ist gewiss kein Zufall, sondern vielmehr eine logische Folge der großen Begeisterung und des persönlichen Einsatzes von Seiten des Buchhandels.“

 

Diese Begeisterung entfachte auch Unsere Seelen bei Nacht, der inzwischen mit Robert Redford und Jane Fonda in Hollywood groß verfilmte Roman des amerikanischen Schriftstellers Kent Haruf. In dieser Erzählung sind es ebenfalls eher die leisen Zwischentöne, die sich Seite für Seite mit den Charakteren ins Herz schleichen. Der Titel schaffte es zwar nicht auf den ersten Platz als Buchhändlerliebling, aber mit großer Zustimmung auf die Shortlist. Wie vermittelt man solch ein Buch über Liebe im Alter an den Leser, welche Anreize schafft man ohne bunt schreiendes Cover, spannungsgeladene Actionszenen, prickelnde Erotik? Indem man seine eigene Leseerfahrung vermittelt und im Idealfall damit Neugier weckt, so wie Beate Widmann aus dem Team der Buchhandlung Dombrowsky aus Regensburg: „Ich empfehle Unsere Seelen bei Nacht deshalb so gerne, weil es eine dieser ganz besonderen, universellen Geschichten ist, von denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie irgendjemanden unberührt lassen. Haruf ist ein großartiger Erzähler, der mit seiner glasklaren Sprache die ganz alltäglichen zwischenmenschlichen Dinge zum Funkeln bringt.“

 

Seit bald 35 Jahren ist die inzwischen mehrfach mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnete Literaturstätte in Bayern Anlaufstelle für kleine und größere Leser mit den verschiedensten Anliegen, in großen, hellen Räumen findet jeder Wunsch Erfüllung. Hier sucht ein Tourist einen Regionalkrimi, der ältere Lehrer die neuesten politischen Abhandlungen und die Familienmutter die Schullektüre, alle werden sie fündig und noch weit darüber hinaus – das Angebot ist ebenso vielfältig und bunt wie die Kundschaft. Neben regelmäßigen Veranstaltungen wie Lesungen, Diskussionen und Konzerten mit bekannten Künstlern und Nachwuchstalenten ist die Expertise in jedem Fachbereich die wichtigste Grundlage: „Unsere Buchhandlung ist ein offenes Wohnzimmer. Jeder kann kommen, sich mit anderen Buchliebhabern treffen, in Ruhe stöbern oder uns nach unseren ‚Perlen’ fragen. Es gibt für jeden Leser das passende Buch.“ Dessen ist sich Dana Hartmann sicher. Ein Kunde, der sich wohlfühlt und eine ehrliche, kritische Empfehlung erhält, kommt nämlich auch wieder und bringt im Idealfall gleich die Nachbarn mit. „Ein Lieblingsbuch muss mich von Anfang bis Ende persönlich begeistern. Nur wenn meine eigene Begeisterung echt ist, kann ich sie an meine Kunden weitergeben. Ich verkaufe nichts mit schlechtem Gewissen, entweder mit gutem oder gar nicht.“ Und mit bestem Gewissen empfiehlt sie auch die sorgfältig ausgesuchten Titel der Büchergilde, für die sie bei Dombrowsky zuständig ist. „Kommen Sie mal vorbei und nehmen Sie die Bücherträume in die Hand“ – damit wirbt der Betrieb für seine Büchergilde-Abteilung und weiß: Wer kommt, der kauft auch.

 

Neben einer guten Menschenkenntnis, einem Gefühl für Service und wirtschaftliche Belange sollte man aber ebenfalls eine gehörige Portion Idealismus mitbringen, einen täglichen Glauben an das Produkt und immer wieder neue Ideen, dieses auf jedem Weg an den Mann und die Frau zu bringen. Gerade das schätzt Hartmann an ihrer Arbeit im unabhängigen Buchhandel: „Mit einem eigenen, unabhängig geführten Laden ist man offen und flexibel. Ideen, Projekte und Innovationen können direkt umgesetzt werden.“ So haben die Mitarbeiter hier im Gegensatz zu großen Ketten keinen zentralen Einkauf und können ihre Bereiche eigenverantwortlich gestalten, sie dem persönlichen Bedarf ihrer Leser individuell anpassen. Die Leidenschaft für Literatur und den Menschen, den diese bewegt, ist jedem anzumerken. Und selbst wer nicht aus Regensburg oder der näheren Umgebung kommt, kann die persönlichen Empfehlungen des Chefs Ulrich Dombrowsky regelmäßig im Radio hören sowie auf Facebook nachlesen, sich dort mit ihm austauschen und die Titel dann über den Buchhandlungsshop deutschlandweit bestellen – entweder zur Abholung im Laden oder versandkostenfrei direkt nach Hause geliefert.

 

„Am Ende muss immer stehen, wie stolz wir auf unsere Arbeit sein können!“, stellt Regina Moths noch einmal klar, und es ist nur schwer vorstellbar, dass irgendein Leser ihrer Empfehlung jemals widersprochen oder ihren Laden ohne Lektüre verlassen hat. „Wer bekommt denn schon das, was er sich wünscht?“, lässt Kent Haruf in seinem Roman den Charakter den Leser fragen. „Ich“, könnte dieser dann in die Seiten antworten und die Schuld dafür auf seinen Buchhändler schieben.