Zwischen Melancholie und Spannung

 

In Erwartung der Katastrophe

 

Vernichten heißt das lang erwartete neue Werk von Michel Houellebecq, das melancholischer Familienroman und packender Politthriller zugleich ist. Der französische Kultautor zeigt sich darin einmal mehr als scharfer Beobachter von gesellschaftlichen Verhältnissen und zwischenmenschlichen Beziehungen.

Frankreich, 2027. Es sind nur noch wenige Wochen bis zur Präsidentschaftswahl, die sich zwischen dem Kandidaten der regierenden wirtschaftsliberalen Partei und einem Rechtsradikalen entscheiden wird. Der Wahlkampf wird von einer Reihe terroristischer Anschläge erschüttert, die nicht nur den französischen Geheimdienst in Atem hält. Die Angriffsziele scheinen willkürlich gewählt, es gibt keine Hinweise auf einen bestimmten politischen Hintergrund der Taten. Klar ist nur, dass die Terroristen über beängstigend umfassende technische Möglichkeiten verfügen, mit denen sie in der Lage sind, größtmögliches Chaos zu verbreiten.

Paul Raison, Hauptfigur des Romans Vernichten von Michel Houellebecq, arbeitet im Finanzministerium und befindet sich mitten im politischen Geschehen. Aber er beteiligt sich nicht gerade mit großem Enthusiasmus daran. Sein trostloser Alltag hat ihn gleichgültig werden lassen, er ist „eindeutig nicht begabt in Sachen Hoffnung“, weder, was sein eigenes Leben, noch was die Zukunft der Demokratie betrifft. Paul befindet sich „in der merkwürdigen Situation“, täglich „am Erhalt eines Gesellschaftssystems zu arbeiten, von dem er wusste, dass es unweigerlich verloren war und in wahrscheinlich nicht allzu ferner Zukunft untergehen würde“.

 

In Pauls Privatleben sieht es kaum hoffnungsvoller aus: Mit Prudence, seiner Ehefrau, hat er seit Jahren nicht gesprochen, geschweige denn sie berührt. Das Verhältnis zu seinen Geschwistern ist durchwachsen und sein Vater ist schwer krank. Auch Paul selbst erhält beim Arzt eine niederschmetternde Diagnose. Da scheint der düstere Titel Vernichten die passende Wahl für den Roman zu sein.

„[D]as Schlimmste war: Sollten die Terroristen vorhaben, die Welt, wie er sie kannte, zu vernichten, die moderne Welt zu vernichten, dann könnte er ihnen das nicht einmal wirklich zum Vorwurf machen.“
Aus: Vernichten von Michel Houellebecq

 

Michel Houellebecqs Darstellung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, in denen sich sein Protagonist bewegt, ist so ernüchternd wie realistisch. Er beschreibt allgemeine Tendenzen wie die Normalisierung von Rechtsextremismus in der Mitte der französischen Gesellschaft und konkrete soziale Probleme wie den unwürdigen Umgang mit Menschen im kaputtgesparten Pflegesystem. Dazu kommt das allgemeine Gefühl von Unsicherheit in einer Welt, die zunehmend unberechenbar wird.

 

Doch Michel Houellebecq, der im Ruf steht, ein Zyniker zu sein, überrascht seine LeserInnen auch mit einem ungewohnten Optimismus, zumindest, was die zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. Im Angesicht allgemeiner Hoffnungslosigkeit gelingt es Paul und seiner Frau, wieder Nähe zueinander aufzubauen und Zärtlichkeit zu empfinden: „Sie rissen sich zusammen und versuchten, so viel Freude wie möglich aus ihrer gemeinsamen Zeit in der Miniwelt zu ziehen, ihre Träume zu hegen, von denen sie nicht einmal wussten, wie nah sie ihnen waren; sie verharrten reglos in Erwartung einer Katastrophe oder eines Wunders.“

„Wo zum Teufel findet man denn intelligentere Gegenwartsdiagnosen von schmerzhafterer Klarheit und zwingenderer Radikalität als bei Houellebecq?"
Denis Scheck

 

Houellebecq beschreibt Paul und seine Gedanken mit großer Empathie, ohne dabei auf die gewohnten ironischen Anklänge und seine gnadenlos präzisen Schilderungen der Schwächen seiner Figuren zu verzichten. Gerade das ist es, was seinen Roman so mitreißend menschlich macht. Auch wenn sich in dem düsteren Zukunftsbild, das Houellebecq entwirft, unschwer die Gegenwart erkennen lässt und Melancholie unbestreitbar die Grundstimmung des Romans ausmacht, lässt einen die Lektüre nicht resigniert zurück, da er immer wieder mit Momenten der Wärme und Hoffnung überrascht. Vernichten beweist erneut: Houellebecq zählt aus guten Gründen zu den Größen der Weltliteratur.

 

 

Ein Beitrag von Norma Schneider