Hör nicht auf!

Die Büchergilde hat wieder eine Partnerbuchhandlung in Zürich. Never Stop Reading teilt die gleichen Vorlieben und Ansichten wie die Buchgemeinschaft – und sie haben eine Mission.

 

Von Martin Walker

Welt, Europa, Schweiz, Zürich, Spiegelgasse: In Haus Nummer 1 wurde am 5. Februar 1916 das Cabaret Voltaire durch Hugo Ball eröffnet – und auch gleich noch Dada in die Welt gebracht. In Haus Nummer 11 lebte Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater und bekam 1775 Besuch von Johann Wolfgang Goethe. In Haus Nummer 12 verbrachte Georg Büchner die letzten Monate seines Lebens, bevor er am 19. Februar 1837 mit nur 23 Jahren an Typhus verstarb. In Haus Nummer 14 lebte vom 21. Februar 1916 bis zum 2. April 1917 Wladimir Iljitsch Lenin, zusammen mit seiner Frau Nadeschda Konstantinowna Krupskaia, und lancierte von hier aus die Russische Revolution. Sie hielten tagsüber die Fenster geschlossen, um den olfaktorischen Emissionen der benachbarten Metzgerei und Schlachterei zu entgehen. Ebendort in Haus Nummer 18 wohnt heute NE-STO-R, der seit 2017 ebenfalls mit einer Mission unterwegs ist: Never Stop Reading! Die subversive Tätigkeit verlangt nach sorgfältiger Camouflage. Nora Schwyn und Denise Zumbrunnen, von Geschäftsführer Thomas Kramer an langer Leine gehalten, tarnen sich als Buchhändlerinnen.
 
Der Plan ist klar: Die Welt retten. Und falls das Ziel nicht erreicht wird, dann soll sie wenigstens in Schönheit sterben. Mit ausgesucht exquisiten Büchern zu Architektur, Fotografie, Kunst und Design wird hier der Grundstein für eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit den schönen und praktischen Dingen gelegt, zementiert mit Engagement, Geschmack und auch ein bisschen elitärer Attitüde, eingepackt in sympathischer Nonchalance. Die Revolution beginnt im Herzen.

 


Nora Schwyn, Denise Zumbrunnen, Alexander Elspas (Büchergilde) und Thomas Kramer © wkr

Never Stop Reading! Reading? Da fehlt doch was. Klar, das klassische „gute Buch“. „Haben wir alles“, entgegnet der Agent der befreundeten Kooperative, „und von dem nur das Beste.“ Seit 2018 präsentiert die Buchhandlung auch das Büchergilde-Sortiment. Von Ikarien bis zur Drachenwand, vom Kaukasis bis zur Rückkehr nach Lemberg oder in Die Hauptstadt. Wir haben Kraft, mögen es Simple, halten Schmerz aus. Und überhaupt: Ab morgen wird alles anders. Der Lärm der Zeit ist häufig nur ein laues Flüstern, wussten die Buchhändlerinnen und stiegen ein. Sie haben dasselbe Ziel: das schöne gedruckte Buch, überzeugende Haptik und die Gewissheit, nicht jeden Hype mitmachen zu müssen. Endloses Lesevergnügen eben.

Die Büchergilde in der Schweiz

In der Geschichte der Büchergilde spielt die Schweiz eine wichtige Rolle, allerdings eine wechselhafte. Ein kurzer Abriss und ein kleiner Kreis, der sich schließt. Bekanntlich wurde die Büchergilde 1924 in Leipzig gegründet. Ziel: „Was wir wollen, Ihr wisst es: Bücher geben, die Freude machen. Bücher voll guten Geistes und von schöner Gestalt.“ Dahinter stand der Bildungsverband der deutschen Buchdrucker, die Idee dazu hatte der Erste Vorsitzende Bruno Dreßler. Das erste Buch: Mit heiteren Augen von Mark Twain, ebenfalls einem Buchdrucker. Im Jahr 1933 hatte die Büchergilde 85 000 Mitglieder und Niederlassungen in Prag und Zürich. Am 2. Mai 1933 besetzte die SA das Verbandshaus der Deutschen Buchdrucker in Berlin und damit auch die Zentrale der Büchergilde. Bruno Dreßler wurde am 15. Mai 1933 wegen des Verdachts der „staatsfeindlichen Gesinnung“ verhaftet. Und am gleichen Tag trennte sich die Zürcher Filiale von der Büchergilde in Deutschland. Hans Oprecht und Zürcher Mitglieder gründeten die Genossenschaft Büchergilde Gutenberg, 5 000 der 6 000 Mitglieder traten über. Hans Oprecht war Politiker und Gewerkschafter – und der Bruder von Emil Oprecht, dem Buchhändler und bedeutendsten Schweizer Verleger von Exilautoren, u. a. in seinem Europa Verlag. Zähe Verhandlungen über Ansprüche an dem Vermögen führten schließlich zu einer Einigung mit den neuen Chefs in Berlin.

Bruno Dreßler übernahm neben Präsident Oprecht nach seiner Entlassung und Ausreise in die Schweiz die Geschäfte. Die hölzernen Rollschränke im Büro lieferte das „Torpedohaus“ in Zürich – ein passender Name. Dabei verstand sich die Schweizer Büchergilde nicht etwa als Exilorgan, sondern als „Erbin der Mutterorganisation“, die weiterhin „die Freiheit des Geistes und die Aufklärung im Dienste des arbeitenden Volkes“ verteidigen wollte. Der Start war, nicht zuletzt auch wegen des Widerstands der Schweizer Buchhändler und Verleger, harzig. Nicht alle Autoren wechselten in die Schweiz. Einer, der es tat, war B. Traven. Auch gab es sogar von Seiten des Schweizer Buchhändler-Vereins (SBV) Versuche, die Fremdenpolizei zum Entzug der Niederlassungsbewilligung für Bruno Dreßler zu bewegen. Eine Zusammenarbeit mit der Büchergilde kam für den SBV nicht in Frage, nicht nur wegen der restriktiven „Wiederverkäuferordnung“, sondern auch, weil „starke linksradikale Tendenzen“ bei dem „unschweizerischen Unternehmen“ befürchtet wurden. Nach einer Aussprache 1937 erlaubte der Vorstand „seinen“ Verlegern, mit der Gilde zusammenzuarbeiten, denn Hans Oprecht äußerste starkes Interesse an Schweizer Autoren und Lizenzen aus Schweizer Verlagen. Die Zusammenarbeit scheiterte am Widerstand der Buchhändler – und auch an dem der Autoren, die um ihr Verhältnis zum Buchhandel bangten.

Never Stop Reading in Zürich © Never Stop Reading

Trotzdem erreichte die Büchergilde in der Schweiz bis 1945 – seit 1934 waren auch Gewerkschaften beteiligt – einen Mitgliederstand von 100 000. Damit war jeder dreißigste Schweizer Mitglied der Büchergilde. Entstanden sind wichtige Buchreihen, es gab Pläne für eine „Frauengilde“ (in einem Land, das erst 1971 das Frauenstimmrecht einführen sollte!). 1936 entstand unter der Leitung von Ferdinand Ramuz die französischsprachige „Guilde du Livre“ und 1944 in Zusammenarbeit mit Ignazio Silone die italienischsprachige Filiale. Mit dem Buchhändler- und Verlegerverband einigte sich die Büchergilde erst 1956. Auch Konkurrenz ist in dieser Zeit gewachsen: Ex Libris, Europaring, Schweizer Volksbuch-Gemeinde … Die Zürcher Genossenschaft blieb bis in die 1970er-Jahre aktiv, schwächelte aber immer mehr, bis sie (und die verbliebenen 16 000 Mitglieder) schließlich 1981 vom Schweizer Buchzentrum übernommen wurde – immerhin auch einer Genossenschaft, nämlich der Einkaufsgenossenschaft der Buchhändler. Ein Wiederaufbau scheiterte, auch an lizenzrechtlichen Vorgaben, sodass 1984 eine Vertriebskooperation mit der Büchergilde in Frankfurt eingegangen wurde. Im Jahr 2000 verkaufte das Buchzentrum die Büchergilde Schweiz wieder an die deutsche Gilde, die 2002 mit einer eigenen Vertriebsorganisation in der Schweiz aktiv wurde. Nun bestehen mit Hirschmatt in Luzern, Olymp & Hades in Basel, Haupt in Bern und Never Stop Reading in Zürich wieder vier Partnerbuchhandlungen in der Schweiz. Hinter Never Stop Reading steht übrigens der Verlag Scheidegger & Spiess. Das „Spiess“ kommt von Heiner Spiess, der in den 1970er-Jahren die Büchergilde Schweiz leitete, dann den Limmat Verlag mitgründete und danach mit Ernst Scheidegger den genannten Verlag aufbaute. Damit schließt sich in Zürich ein kleiner Kreis, in dessen Zentrum das schöne Buch steht