Drei Novellen von Kleist – gestaltet von drei Künstlern

Zum 90-jährigen Jubiläum der Büchergilde Gutenberg haben wir uns etwas ganz Besonderes ausgedacht! Mit diesem Prachtband, der drei Novellen von Heinrich von Kleist vereint, wollen wir die Tradition des illustrierten Buches in der Büchergilde feiern. Hier stehen vor allem die Künstler im Focus und drücken sich nicht nur in Bildern, sondern auch in ihren persönlichen Worten aus.

Buchstaben sind auch Zeichnungen

Cosima Schneider, die Herstellungsleiterin der Büchergilde, im Interview über die ungewöhnliche Ausgabe der Novellen Heinrich von Kleists.

 

Was ist das besondere an dieser Ausgabe?
Drei Künstler aus drei Generationen setzten sich zeichnerisch mit jeweils einer Novelle von Kleist auseinander und werden gemeinsam in einem Buch gezeigt.
Die Tradition des Illustrierten Buchs in der Büchergilde wird so auf eine besondere Weise hervorgehoben. Wir lenken mit dieser Ausgabe das Augenmerk auf die Künstler: Den Novellen wird jeweils eine Ausklappseite vorangestellt, auf der die Künstler ihre Auseinandersetzungen mit der Arbeit an den Texten beschreiben.

 

Wo lagen die größten Herausforderungen bei der Gestaltung der Ausgabe?

Die Frage, die wir uns stellten, war: Wie kann man drei unterschiedliche künstlerische Arbeiten in einem Buch so zeigen, dass die Gestaltung nicht auseinander fällt und trotzdem die Unterschiedlichkeit der Stile erhalten bleibt? So fiel die Entscheidung für Schwarzweiß-Zeichnungen. Trotz dieser Beschränkung erkennt man die Vielfalt die möglich ist, in der jeweiligen Technik: Herr Grützke wählte den Graphitstift, Frau Feuchtenberger die Kohle und Herr Grobecker den Kalligrafie-Stift. Und die Illustrationen sollten im Text jeder Novelle anders platziert werden. Die verbindenden Element mussten also die Typografie und der Satzspiegel sein. Durch den Einsatz von farbiger Type wird die Vielschichtigkeit der Schwarzweiß-Zeichnungen noch betont.

 

Wie kann schon von außen sichtbar sein, dass drei Künstler sich drei verschiedenen Texten eines Autors widmen?

Deshalb fiel die Wahl auf drei Buchschlaufen. Die grundlegende Gemeinsamkeit aber ist der Autor Heinrich von Kleist und so ist der Name des Autors auf dem Buchdeckel, dem Leinen, sichtbar. Entfernt man die Buchschlaufen erscheinen die Signaturen der Künstler und stehen dann gleichwertig neben dem Namen des Autors.
Wie Grützke in seiner Vorbemerkung schreibt: „Buchstaben sind schließlich auch eine Art von Zeichnungen.“ Das Verhältnis von Typografie/Satzspiegel und Zeilenabstand zueinander musste so sein, dass die Ausklappseiten auch produktionstechnisch vor dem jeweiligen Text eingesetzt werden konnten. Hier gehen standardisierte Buchproduktion und Handarbeit ineinander über.

Eine wichtige Frage war, in welchem Schwarz und in welchem Raster sollte gedruckt werden? Denn die unterschiedlichen Zeichnungen müssen in ihrer Unterschiedlichkeit auch im Druckbild erkennbar sein. Auch in der Litho, war größte Sorgfalt für jeden Zeichenstil gefordert.

 

Nun gibt es ja in der Vorzugsausgabe insgesamt 3 Originalgrafiken. Welche Techniken kommen dabei zum Einsatz?
Die Entscheidung darüber lag bei den Künstlern, und sie haben sich erfreulicherweise für drei unterschiedliche Techniken entschieden. Das rundete das gesamte Konzept noch einmal wunderbar ab. Johannes Grützke hat sich für eine Steinlithografie entschieden, die 1 farbig schwarz auf Zerkalbütten gedruckt wurde. Anke Feuchtenberger hat Vorder- und Rückseite bearbeitet – eine Seite ist ein Siebdruck, die andere eine Risographie. Martin Grobecker hat einen Linolschnitt gemacht und ihn selbst 1-farbig auf Büttenpapier gedruckt.
Die drei Grafiken der Vorzugsausgabe liegen in einer bezogenen Klappkarte, diese ist mit dem (von allen drei Künstlern signierten!) Buch in einem Schuber aufgehoben. Ein Schatz.

Die drei Künstler

Martin Grobecker, 1982 in Hannover geboren, schloss sein Studium in Grafik-Design an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim ab. Während seines Studiums beschäftigte er sich intensiv mit den Gebieten Illustration und Druckgrafik. 2009 studierte er an der Universitat Politècnica de València in Spanien klassische und moderne Wandmalerei. Er entwirft neben Buchcovern auch eigene Künstlerbücher, Cartoons sowie Kunstdrucke und eigene T-Shirt-Kollektionen. Zurzeit lebt und arbeitet er in Hannover und Berlin.

Anke Feuchtenberger, 1963 in Ost-Berlin geboren, studierte an der Kunsthochschule Berlin in Weißensee. Seit 1997 ist sie Professorin an der HAW Hamburg. Sie ist Mutter und Großmutter, lebt und arbeitet in Hamburg und Vorpommern. Sie ist Autorin und Illustratorin zahlreicher Bücher. 2005 erschien in Zusammenarbeit mit Katrin de Vries Die Hure H wirft den Handschuh; 2011 Superlacrimella und 2012 Die Spaziergängerin. Außerdem gestaltete sie zahlreiche Einzelausstellungen, u. a. in Paris, Kyoto, Berlin, Modena, Münster und Nanjing.

Johannes Grützke, *1937 in Berlin, † 17. Mai 2017 ebenda, war ein deutscher Maler, Zeichner, Grafiker und Medailleur. Er studierte an der Meisterschule für das Kunsthandwerk und anschließend an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, wo er Meisterschüler von Peter Jansen war. 1965 gründete er das Musikensemble „Die Erlebnisgeiger", das bis heute unregelmäßig öffentlich auftritt. 1973 gründete er die „Schule der Neuen Prächtigkeit“ zusammen mit Manfred Bluth, Matthias Koeppel und Karlheinz Ziegler. Seit 1980 fertigt er Bühnenbilder für Peter Zadek. Von 1992–2002 hatte er eine Professur an der Kunstakademie Nürnberg inne. Grützke erhielt für sein Schaffen zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 1984 den Kunstpreis der Künstler auf der großen Kunstausstellung Düsseldorf und 2012 den Hannah-Höch-Förderpreis des Landes Berlin. Mit seinen Bildern ist er in vielen Sammlungen und Museen vertreten.
Johannes Grützke lebte in Berlin und Paris.