Großes Kino!

 

Lutz Kliche hat den Roman Die Rache der Mercedes Lima des guatemaltekischen Schriftstellers Arnoldo Gálvez Suárez übersetzt. Heike Guderjahn traf ihn zum Interview.

 


Blick über Guatemala City (c) Shutterstock / Luis Eduardo Cordon

Sie haben zahlreiche Bücher aus dem Spanischen übersetzt, unter anderem von Ernesto Cardenal, Gioconda Belli, Eduardo Galeano und Sergio Ramírez, bezeichnen sich in erster Linie aber als „Literaturvermittler“. Geben Sie uns einen kurzen Einblick in diese Tätigkeit?

Für mich als Literaturvermittler ist das Übersetzen vielleicht die schönste, befriedigendste Tätigkeit, allerdings ist es nur eine unter vielen: Ich verstehe mich auch als „Scout“, das heißt, ich habe das Ohr am Markt und schlage den Verlagen, mit denen ich zusammen arbeite, Titel vor, die in jüngster Zeit in Lateinamerika oder auch Spanien erschienen sind und deren Herausgabe in deutscher Sprache lohnend sein könnte – aus inhaltlicher oder literarischer, aber natürlich auch finanzieller Sicht. Darüber hinaus organisiere ich Lesereisen mit Autoren, halte Workshops, lektoriere und fungiere da, wo ich kann, als Mittler zwischen den Kulturen und Literaturen.

 

Wie sind Sie auf Arnoldo Gálvez Suárez aufmerksam geworden?

Das hat sich so zugetragen, wie es im Zeitalter von Internet und literarischen Agenturen nur noch selten vorkommt: Ich war bei Veranstaltungen in Guatemala, da drückte mir Raúl Figueroa, der Verleger von F&G Editores, Arnoldos Buch, das er gerade als preisgekrönten Roman herausgebracht hatte, in die Hand, und empfahl ihn mir zur Lektüre. Ich las und war begeistert, gefesselt bis zur letzten Seite und wusste sofort, dass ich hier ein großes Stück Literatur vor mir hatte. Ich habe mich mit dem Autor in Verbindung gesetzt, mit Ilija Trojanow gesprochen, der ebenso begeistert war wie ich, und ab da nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich bin sehr froh, dass das Buch in Ilijas Weltlese bei der Büchergilde erscheint.

 

Beerdigung von Opfern des guatemaltekischen Bürgerkriegs. (c) AP Photo / Moises Castillo

 

 

 

Was hat Sie gereizt, seinen Roman, im Original Puente Adentro, zu übersetzen?

 Der Roman von Arnoldo Gálvez Suárez schafft es, auf literarisch hohem Niveau ein wichtiges Stück guatemaltekischer – und lateinamerikanischer – Geschichte zu vermitteln. Es ist eine fesselnde Story, die zu übertragen, also im Deutschen „neu zu schreiben“, ebenfalls nicht der Spannung entbehrt. Der Roman ist sehr vielschichtig: Er lässt sich als obsessive Liebesgeschichte, als Politthriller oder als Psychogramm einer schmerzhaften Vater-Sohn-Beziehung lesen und gibt gleichzeitig Einblickein die jüngere Vergangenheit und das gegenwärtige Leben in Guatemala.

 

Welcher dieser Aspekte ist für Sie der herausragendste?

 Eigentlich sind alle Aspekte des Romans gleich wichtig, gerade das Zusammenspiel der persönlich-psychologischen mit der zeitgeschichtlich-historischen Ebene macht seine Besonderheit aus. Es gelingt Gálvez Suárez meisterhaft, herauszuarbeiten, wie die Geschichte im Leben der einzelnen Akteure Spuren hinterlässt, wie in dem von Mercedes Lima, einer der Hauptfiguren, die Opfer der machistischen, also sexistischen Gesellschaftsstrukturen wird und mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln Rache nimmt. Wie auch der Unidozent Daniel Rodríguez gleichzeitig Täter und Opfer der Verhältnisse ist. Und wie sein Sohn Alberto, der Ich-Erzähler des Romans, in den Strudel der Vergangenheit gezogen wird, als er den Mord an seinem Vater aufzuklären versucht. Gálvez Suárez zeichnet sich als großer Autor dadurch aus, dass er nichts bewertet, sondern mit großer Beobachtungsgabe, quasi „unbarmherzig“, schildert und die Akteure in ihrer ganzen Tragik erkennen lässt.

 

Die Rache der Mercedes Lima enthält ein paar Szenen, die sehr unter die Haut gehen. Wie haben Sie die Übersetzung dieser Passagenbewältigt?

Das war nicht immer leicht, es sind ja einige „Geschichten in der Geschichte“, die einem den Atem stocken lassen, etwa die Passage über den Freitod oder jene über den aus den USA Deportierten, der in seinem Heimatdorf auf seine alten Schulfreunde trifft. Als Übersetzer empfindet man die Szenen ja sehr stark empathisch nach, und da musste ich schon ein paar Mal innehalten, um das zu verdauen, bevor ich weitermachen konnte.

 

Guatemala City, Ende der 1980-Jahre. (c) shutterstock / Grigory Kubatyan

 

 

 

Während der Arbeit an der Übersetzung standen Sie in engem Kontaktmit dem Autor. Wie gestaltete sich diese Zusammenarbeit?

 Das war sehr angenehm. Arnoldo ist ein sehr offener, sympathischer Mensch ohne irgendwelche Allüren, sondern immer interessiert an Feedback und einer intensiven Diskussion über sein Werk. Zum Verständnis gab es nicht mehr als ein, zwei Fragen, ich kenne die mittelamerikanische Region und auch Guatemala sehr gut und habe in den Jahren, in denen der Roman spielt, dort gelebt.

 

Gab es während der Übersetzung besondere Momente für Sie?

 Besondere Momente waren natürlich die emotional heftigen Passagen, die in ihrer ganzen Wucht angemessen, also weder unter- noch übertrieben, übertragen werden wollten. Und es war insgesamt beeindruckend, wie es einem noch sehr jungen, am Anfang seines Werkes stehenden Autor gelingt, so präzise und plastisch die handelnden Figuren entstehen zu lassen.

 

Arnoldo Gálvez Suárez hat seinem Roman auch ein Motto von Franz Kafka vorangestellt – der an anderer Stelle gesagt hat: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Hatte dieses Buch eine vergleichbare Wirkung auf Sie?

 Ja, durchaus. Das Buch löst eine Menge heftiger Emotionen beim Leser aus, Spannung, Betroffenheit, Schock. Aber es gibt keine Urteile vor, der Leser muss selbst Stellung beziehen und entscheiden, wie er sich zu den Hauptakteuren stellt – obwohl die Geschichte natürlich schon ein paar Bösewichte hat.

 

Mit welchen Begriffen oder Eigenschaften würden Sie Die Rache der Mercedes Lima charakterisieren?

 Das ist nicht ganz einfach, denn der Roman ist mit dem Prädikat „Politthriller“ nur unzureichend beschrieben. Wenn ich mal ein paar Adjektive frei assoziiere, dann fallen mir solche wie „fesselnd, mitreißend, beeindruckend, literarisch hochklassig und gleichzeitig in einem Rutsch lesbar“ ein. Das Buch ist ein Glücksfall, ein Leckerbissen, den sich kein passionierter Leser, ob an Lateinamerika interessiert oder nicht, ob Krimifan oder nicht, entgehen lassen sollte. Großes Kino.