Hinter die Kulissen geblickt

Was als Reise begann, liegt nun gedruckt und gebunden zwischen zwei Buchdeckeln vor, bereit, jedermann und jedefrau teilhaben zu lassen an Sehnsucht und Fernweh, an der Köstlichkeit Hawaiis.

Wir haben den Weg von Hawai’i in meiner Küche für Sie begleitet – und dabei viel über den Produktionsprozess von Büchern erfahren.

Von Natalie Acksteiner

Ein Buch, das besteht aus lebendigen Materialien. Dem muss man Zeit lassen.“ Das sagt Adrian Meister, der gemeinsam mit seinem Bruder die Geschäfte der Conzella Verlagsbuchbinderei führt, als wir in seinen Produktionshallen im niederbayrischen Pfarrkirchen stehen und beobachten, wie aus losen Druckbögen ein gebundenes, ein ganzes, ein fertiges Buch wird. Es trägt den Titel Hawai’i in meiner Küche und zählt zu den Büchergilde-Neuerscheinungen dieses Quartals. Zeit wurde diesem besonderen Buch gerne zugestanden – sein Papier durfte sich dem jeweiligen Raumklima anpassen, Farben konnten in Ruhe trocknen, ebenso der Leim. Und noch weitaus mehr Zeit ist allein im Vorfeld der Buchproduktion ins Land gegangen.

Seinen Anfang nahm alles 2009, als Cyndia Hartke für einige Wochen die hawaiianischen Inseln bereiste. Was ihr dort begegnete, hat ihr – wie sie selbst sagt – „den Kopf verdreht“: die Schönheit und Fülle der Natur, die prallen Farben, eine teilweise noch gelebte alte Kultur. Und: eine köstliche hawaiianische Fusionsküche. Auch nach ihrer Rückkehr hat Hawaii die Hamburger Illustratorin nicht losgelassen. Und so kochte sie für Freunde ihre liebsten Urlaubsgerichte nach, adaptierte Rezepte und recherchierte zugleich viel zur Entwicklung der hawaiianischen Kochkultur. Vor allem sollte das Erlebte bewahrt werden – und womit lassen sich Erinnerungen und Sehnsüchte besser einfangen als mit einem Buch, das Gaumen und Auge gleichermaßen glücklich macht, großformatig und üppig illustriert? Cyndia Hartke, die, ganz Illustratorin, bereits während ihrer Reise viel notiert und gezeichnet hat, verwendete für ihr Buch verschiedene Techniken: Buntstiftzeichnung, Aquarell, Siebdruck und Holzschnitt. Gerade Letzterer korrespondiert mit seiner kraftvollen Ausdrucksweise ideal mit der Energie und den auf Hawaii vorgefundenen archaischen Ritualen. Aus Illustrationen und Rezepten hat Hartke dann ein beeindruckendes Einzelexemplar von Hawai’i in meiner Küche entwickelt.

Das allerdings sollte erst einige Zeit geduldig in der Schublade ruhen, bevor es an einen Verlag herangetragen wurde; zu groß war die Sorge, Kompromisse eingehen zu müssen. Dass der Band nun bei uns in der Büchergilde Gutenberg erscheint, freut alle Beteiligten gleichermaßen.

Die Papierfabrik Schleipen (c) Katharina Trinkl / k-trinkl.de

Zwischen dem Dummy und der nun vorliegenden Büchergilde-Ausgabe des Buches allerdings war noch einiges an Weg zu gehen. Ohne kompetente Partner in der Produktion, die ihr Metier seit Jahrzehnten aufs Beste verstehen und zugleich offen sind für Neues: unmöglich. Dieser Weg begann bereits beim Papier – denn ein solches Buch bedarf eines besonderen Trägers.

Fündig geworden ist die Büchergilde durch eine glückliche Fügung bei der Papierfabrik Schleipen, die gerade dieses Jahr ein neues Papier auf den Markt gebracht hat. Entwickelt wurde es gemeinsam mit dem Verleger Gerhard Steidl. Das Papier trägt den Namen Kamiko, der sich ableitet von dem Begriff für aus Papier gefertigte Kleidung. Der Kamiko (kami = Papier, koromo = Mönchsgewand) bezeichnet das Gewand buddhistischer Mönche des alten Japan um 1000 n. Chr. Was es auszeichnet, ist seine feinporige textile Struktur bei einem 1,5-fachen Papiervolumen. Das macht dieses Papier zu einem haptischen Erlebnis, das wunderbar die archaische Note von Hawai’i in meiner Küche unterstreicht. „Das Kamiko ist ein Papier von hoher Griffigkeit und offener Struktur, das aber nicht beim Lesen stört“, erklärt Robert Lamberty, Vertriebsleiter der Papierfabrik Schleipen. Die existiert in ihren Ursprüngen als Handschöpfbetrieb bereits seit 1737, knapp 150 Jahre später wurde die erste Papiermaschine am Standort Schleipen gebaut. Heute gehört die Papierfabrik zur Cordier Spezialpapier GmbH und ist spezialisiert auf Werkdruckpapier, auf die Sorten Kamiko und Fly sowie auf Vorsatzpapiere – allesamt umweltzertifiziert. Produziert wird rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Pro Tag werden hier an schweren Maschinen und inmitten von sonderbaren Gerüchen, Hitze und ordentlicher Lautstärke gut 100 Tonnen Papier hergestellt – genug für an die 250 000 Bücher. Dafür werden täglich rund 80 Tonnen Zellstoff mit Wasser zum sogenannten Stoffauflauf vermengt. Der gelangt auf ein Endlossieb, auf dem die einzelnen Zellstofffasern sich ausrichten und möglichst dicht verbinden; das Wasser tropft ab. Was dann noch in den Fasern steckt, wird im Anschluss herausgepresst, bevor das entstandene Vlies oder Papierblatt langsam getrocknet und geleimt wird – d. h., seine Oberfläche wird verschlossen, das Papier wird staubfrei und bedruckbar gemacht. Sorgfältig geglättet, kann das Papier dann zu riesigen Bahnen aufgerollt werden – bis zu 18 Kilometer Papier fasst eine Rolle, 600 Kilometer sind der Tagesertrag. Je nach Bedarf wird das Papier dann als Rolle oder bereits in Bögen an die Druckerei gegeben. Um konstante Qualität garantieren zu können – die übrigens wird per Hand und Auge nachgeprüft –, sind die Abläufe so geschlossen wie möglich; Frischwasser wird dafür aus eigenen Brunnen bezogen, Abwässer werden bio-mechanisch gereinigt und unbelastet wieder an die Umwelt abgegeben.

CMYK Druck (c) Katharina Trinkl / k-trinkl.de

(c) Katharina Trinkl / k-trinkl.de

 

Nichts dem Zufall überlassen wird auch im Memminger MedienCentrum, wo Hawai’i in meiner Küche in den Druck geht. Deswegen herrscht auch hier eine konstante Raumtemperatur von 20 bis 21 Grad Celsius, die relative Luftfeuchte liegt bei 55 Prozent – da fühlt sich Papier am wohlsten. Eine hauseigene Wasseraufbereitungsanlage garantiert eine immer gleiche Zusammensetzung des verwendeten Wassers; modernste Druckmaschinen verfügen über eine integrierte Farbwerktemperierung, die ein berechenbares Verhalten der Druckfarben gewährleistet. Gut eine Woche Zeit hatte das Kamiko für die Büchergilde-Neuerscheinung, um sich zu akklimatisieren, bevor es losgeht. „Mich persönlich können’s mit allem locken, was ein bisserl abseits des Normalen liegt“, bekennt Walter Kurz, der seit vielen Jahren Vertriebsleiter der Druckerei ist. Wir sind mit unserem Buch also an den richtigen Mann geraten. Für dieses Besondere tüftelt Kurz dann auch gerne bis in die Feinheiten, bis es besser nicht mehr zu machen ist. So auch bei Hawai’i in meiner Küche: Da auf einem neuen Papier gedruckt wurde, lagen noch keine Erfahrungswerte dazu vor, wie stark die Farben beim Druck ins Papier wegschlagen würden. Im verwendeten Offsetdruckverfahren, das mit den Farben Cyan, Magenta und Yellow sowie Schwarz arbeitet und weitere Farben durch präzisen Zusammendruck erzeugt, fielen die intensiven Farben von Cyndia Hartkes Buch zunächst zu gräulich aus. Für einige der Druckplatten musste daher eine Belichtungskorrektur durchgeführt werden, in mehreren Läufen steuert Kurz zusammen mit seinen Kollegen und Kolleginnen dann am Druckmaschinenleitstand nochmals präzise die Farbwerte für die einzelnen Druckbereiche aus. Immer wieder werden die Ergebnisse überprüft und von kundigen Augen mit den Soll-Werten des Originals abgeglichen, bis dessen Farbigkeit bestmöglich erreicht und Walter Kurz und die Herstellungsleitung der Büchergilde zufrieden sind. Zwar steht im Memminger MedienCentrum auch noch ein alter Buchdruckzylinder aus den 70er-Jahren, an dem dann ein für Künstlereditionen eigens aus dem Ruhestand zurückgerufener Buchdrucker manuell arbeitet; hauptsächlich wird hier aber maschinell im Offset gedruckt, bei dem der Farbauftrag indirekt über eine Gummiplatte auf den Träger, also das Papier, erfolgt. Bis zu 6 000 Titel werden so pro Jahr gedruckt, am Tag laufen zehn bis 20 parallel durch die Maschinen. Die sind so leistungsstark, dass Hawai’i in meiner Küche nach nicht einmal einem halben Tag vollständig gedruckt ist.

Ergebnisprüfung / Bücher in der Bücherstraße (c) Katharina Trinkl / k-trinkl.de

 

Schon für den Druck ist relevant, wie ein Buch später buchbinderisch verarbeitet wird – wie viele Seiten werden auf einem Bogen angelegt, wo wird gefalzt und beschnitten? Umgesetzt wird all das dann z. B. am 11 000 Quadratmeter großen Produktionsstandort der Verlagsbuchbinderei Conzella, einem Wunderland verschiedenster Maschinen, in dem aller Technologie zum Trotze das Buchbinderhandwerk noch von der Pike auf per Hand gelehrt wird. Es herrscht Werkstattprinzip: Je nach Titel durchläuft ein Buch hier bis zu zwölf verschiedene Stationen. Den Anfang macht der Planschneider. Hier werden die von der Druckerei angelieferten Druckbögen bis zu einem Zehntelmillimeter genau zurechtgeschnitten, bevor sie entlang den entsprechenden Markierungen gefalzt, also maschinell gefaltet werden. Anschließend müssen die einzelnen Bögen in der richtigen Reihenfolge zusammengetragen werden, um im nächsten Schritt an der Fadenheftmaschine zunächst wieder vereinzelt und in Millisekundenschnelle per Fadenheftung zum Heft oder Buchblock gebunden zu werden. Nach wie vor ist die Fadenheftung die beste Möglichkeit, ein Buch zu binden, denn sie vereint größte Stabilität mit einem guten Aufklappverhalten. Parallel dazu befinden sich die Buchdecken in der Herstellung, werden zugeschnitten, überzogen, verklebt und eingeschlagen. Wo vorgesehen — wie bei Hawai’i in meiner Küche —, geht es auch an die Prägemaschine, an der mit individuell angefertigten Messingstempeln beispielsweise Titel und Verlagslogo auf den Einband geprägt werden. Das ist echte Handwerkskunst, die einer genauen Kenntnis des Zusammenspiels der Materialien samt einiger Erfahrung bedarf – nicht umsonst landete bereits das eine oder andere Projekt auf dem Tisch und in der Prägemaschine von Conzella, nachdem eine Prägung anderswo einfach nicht gelingen wollte. Sind Buchdecke und Buchblock fertiggestellt, gehen sie zusammen in die Buchstraße, auf der beide Teile zusammengefügt werden: Der Buchblock wird „eingehängt“, wie der Fachmann sagt. Im Anschluss daran werden die Bücher gepresst und der als Gelenk dienende Falz wird in die Buchdecke eingebrannt. Nach einer Qualitätskontrolle erfolgt dann im Dreimesserautomaten der dreiseitige Beschnitt, der Buchdecke und Heft bündig abschließt. „Das ist absolut untypisch, und ehrlich gesagt macht man das Buch eigentlich kaputt“, schmunzelt Adrian Meister. „Gerade im Kunstbuchbereich ist das aktuell aber ein Trend. Nach der gesamten Auflage von diesem Buch müssen die Messer dann garantiert erst einmal zum Schleifen.“

 

Das Ergebnis jedenfalls lohnt sich: Da ist es nun, Hawai’i in meiner Küche. Fertig und wundervoll geraten – aloha, schön, dass du da bist, du prächtiges Stück Hawaii.