Gutenberg in Mainz

Die Büchergilde Gutenberg und der Masterstudiengang Gutenberg Intermedia Blaue Zipfel der Hochschule Mainz haben sich für ein ganz besonderes Projekt zusammengefunden, an dessen Ende so viel mehr als nur ein Buch steht. Ein Blick hinter die Kulissen.

 

Von Andrea Baron

Studierende beim Design-Workshop (c) Monika Aichele

Die Förderung von und Zusammenarbeit mit dem Illustratorennachwuchs hat bei der Büchergilde Gutenberg schon lange Tradition. Zahlreiche Bücher sind daraus hervorgegangen, wenn die Büchergilde junge Kreative herausgefordert hat. Aber es kann auch anders gehen, getreu dem Motto: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt … Geschehen an der Hochschule Mainz, die die Büchergilde in ihren Lehrplan eines innovativen Masterstudiengangs aufnahm: Gutenberg Intermedia Blauer Zipfel. Er räumt mit dem üblichen Akademiesystem auf und fördert vor allem die Selbstständigkeit und den Ideenreichtum der Studierenden. Dieser intermediale Studiengang verbindet in drei Semestern die Themenfelder Illustration, Text und Editorial Design. Das ist insofern besonders, da hier davon abgesehen wird, sich an ECTS-Punkten, Modulen und Studienverlaufsplänen zu orientieren, sondern die kreative Arbeit in den Fokus gerückt wird: 17 Studierende können in einem gemeinsamen Atelier an ihren Projekten arbeiten, möglichst nah an der Praxis und mit deutlich mehr Freiheit als in den anderen Studiengängen.

 

Dementsprechend haben die Blauen Zipfel auch ein sehr ambitioniertes Motto: Sie werden die Welt ergründen. Das klingt anspruchsvoll. Und das ist es auch. Darüber hinaus soll es Spaß machen. Und das tut es auch. Was kann schöner sein, als aus der Hochschule raus und in die richtige Welt – auch die digitale – hineinzutreten, sie zu beobachten, zu analysieren und zu gestalten. Man darf den Arbeitsaufwand, den nötigen Fleiß und das Durchhaltevermögen aber nicht unterschätzen. Denn den Studierenden stehen drei Semester bevor, an deren Ende konkrete Projektarbeiten entstanden sein müssen. Im ersten Semester wird ein Magazin – analog oder digital – konzipiert, in Werkstätten experimentiert und eine Imagekampagne entwickelt, in diesem Falle für die Büchergilde Gutenberg. Die konkrete Frage für die Kampagne lautete: Wie kann man die Büchergilde sichtbarer machen?



Als die Herstellungsleiterin der Büchergilde, Cosima Schneider, durch eine der mitwirkenden Dozentinnen von dem Projekt erfuhr, zeigten sie und ihre Kollegen der Buchgemeinschaft sich sofort begeistert und die Kooperation zwischen Hochschule und Verlag entstand. „Dass aus dieser Zusammenarbeit auch eine Publikation hervorgehen sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch niemandem bewusst.“

 

Doch zunächst zurück zum Studiengang. Als weiterführende und -bildende Maßnahmen gibt es Einblicke in Hoch-, Pop- und Subkultur sowie Übungen zu Illustration, Text und Layout. Im zweiten Semester wird das Konzept des Magazins umgesetzt; es geht ans Layouten, Illustrieren und Schreiben. Die Imagekampagne wird vorangetrieben und Workshops begleiten dieses Semester. Die Vorbereitung auf die Masterthesis steht natürlich ebenfalls an. Das letzte Semester steht dann vor allem im Namen der Masterthesis und mündet in eine Ausstellung aller Projekte.

 

Und hat sich die innovative Ausgestaltung der Semester nun in den Arbeiten der Studierenden bemerkbar gemacht?
„Es wurden tolle Ergebnisse erzielt“, zeigt sich Cosima Schneider, Herstellungsleiterin der Büchergilde Gutenberg, ganz begeistert. Sie hat die Studierenden immer wieder besucht und sich ein Bild von der Arbeit machen können. Sie berichtet von einem konstruktiven Miteinander und einer fruchtbaren Atmosphäre. Das lag auch an den Lehrkräften, betont Schneider.

Workshop mit Yuko Shimizu (c) Thomas Pirot

Insgesamt vier Dozentinnen betreuten die Studierenden: Prof. Monika Aichele, zuständig für Illustration;
Dr. Karen Knoll, wissenschaftliche Assistentin aus dem Bereich Kulturwissenschaft und promovierte Theaterwissenschaftlerin; Prof. Nadja Mayer, Professorin für Sprache und Text, sowie Prof. Charlotte Schröner, Mitinhaberin der Werbeagentur Opak in Frankfurt am Main, die Konzeptionelles Gestalten lehrt.

 

Ferner wurden die jungen Gestalter in den Workshops von vier namhaften Referentinnen und Referenten unterstützt: Die vielfach ausgezeichnete Yuko Shimizu, die in New York als Illustratorin und Dozentin lebt und arbeitet, ist bekannt für ihre kolorierten Tuschezeichnungen, die im Magazin The New Yorker zu sehen sind, als Wandmalerei in Brooklyn und auf großen Werbetafeln.
Philipp Mosetter ist freier Autor, Schauspieler, Texter und Konzeptionist und fühlt sich in Wien und Frankfurt am Main zu Hause.
Der ehemalige Art Director des NEONMagazins, Jonas Natterer, der 2014 die Art Direction des DUMMY-Magazins innehatte, unterrichtete unter anderem an der FH Mainz und FH München Editorial Design und konzeptionelles Gestalten. Seit 2018 arbeitet er als freier Art Director und beim Magazin der Süddeutschen Zeitung.
Und, last but not least, gehört der Illustrator Jakob Hinrichs zu den Referenten im Master-Studiengang. Der Berliner, der an der Universität der Künste Illustration unterrichtet, ist regelmäßig mit seinen Werken in der
New York Times und im Guardian zu sehen. Bekannt wurde er durch seine Graphic Novels, wie Der Trinker von Hans Fallada. Den Büchergilde-Mitgliedern dürfte er vor allem durch Die Traumnovelle von Arthur Schnitzler ein Begriff sein.

Ein wahres Powerpaket an kreativen Profis also.

 

Dementsprechend wurden für die Imagekampagne die verschiedensten, aber allesamt aufregende Ideen erarbeitet. Darunter sind ein Film, der Social-Media-Claim „Lesen ist schön. Seit 1924. Büchergilde Gutenberg“ und eine Litfaßsäule, die man mit kurzen, prägnanten Mottos beklebt, wie „God save the Goldschnitt“. „Ist das nicht super?!“, rutscht es Schneider da raus. Zu Recht.

Das Ende des Masterstudiengangs wurde mit einer Ausstellung aller Projekte gefeiert. Zu sehen waren auch illustratorische Interpretationen von Max Frischs berühmten Fragebogen, die der Schweizer Schriftsteller zwischen 1966 und 1971 formuliert hatte.

 

So junge Menschen und ein eher alter Text. Passt das zusammen? Charlotte Schröner findet die Textauswahl gelungen: Er offeriere „viel Raum für die Ideen der Studierenden. Die Frisch-Fragen sind teilweise zeitlos, teilweise spiegelt sich aber auch die Entstehungszeit sehr genau wider – zum Beispiel bei den Fragen zur Ehe.“ Eine kleine Erinnerung – und vielleicht auch eine erste Ermunterung zum Gedankenexperiment – soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden. Max Frisch provoziert in Fragebogen zum einen mit: 1. Ist die Ehe für Sie noch ein Problem? Und zum anderen mit: 2. Wann überzeugt Sie die Ehe als Einrichtung mehr: wenn Sie diese bei andern sehen oder in Ihrem eignen Fall?
Hochexplosiver Stoff.

 

Das findet auch Schröner, die weiter ausführt: „Dadurch entsteht bei der Leserin nicht nur Reibung mit den Fragen, sondern auch mit dem an dem Männlichen seiner Zeit verhafteten Autor.“ In ähnlicher Weise äußert sich Karen Knoll zum Text: Absolut genial findet Karen Knoll, das Zusammenspiel zwischen den komplexen existentiellen Fragen und den darin enthaltenen Aussagen, die (heute) provozierend klingen. Auf die Fragebogen ist sie beim Stöbern in einer Buchhandlung in Hamburg gestoßen. Schon während ihres Studiums faszinierten sie die Frisch’schen Fragen als Teil von Montauk, einer autobiografisch geprägten Erzählung Frischs, die auch wegen ihrer Skandalträchtigkeit eine Sonderstellung im Werk des Autors einnimmt. Als sie die Fragen nun erneut las, war sie vor allem von ihrer Aktualität fasziniert. Das wollte sie den Studierenden nicht vorenthalten. Da ihre Aufgabe innerhalb des Studiengangs war, das das Verhältnis von Text und Illustration in Bildgeschichten zu vermitteln und sich mit Analysekategorien und Sprache – u. a. auch über die Arbeiten von Art Spiegelmans Graphic Novel Maus – auseinanderzusetzen, fielen die Fragebogen sogleich als passende Lektüre ins Auge.

 

Die Studierenden zeigten sich indes zunächst von der Textauswahl überrascht und sogar ein wenig ablehnend. „Die Textform war ihnen nicht sofort zugänglich, auch störten sie sich an den überkommenen Moralvorstellungen und Frischs klischeehaften Darstellungen der Geschlechterrollen, so Knoll.

 

Schröner, Karen Knoll und Nadja Mayer klärten Fragen über den Autor und den Text. „Ohne Durchdringung, Interpretation und Diskussion wären die unterschiedlichen Herangehensweisen nicht möglich gewesen.“ Hier übernahm Knoll die Aufgabe, die Studierenden für die Bedeutungszusammenhänge zu sensibilisieren, die bei der intensiven Auseinandersetzung mit dem Text ins Blickfeld geraten würden. Bestimmte Textstellen bzw. Fragen wurden herausgegriffen und in den Kontext von Frischs Biografie gesetzt, sodass schließlich alle einen Zugang zum Text fanden.

(c) Monika Aichele

Am Ende stehen stilistisch jeweils ganz unterschiedliche Arbeiten, denen aber die "frischen Ideen" gemeinsam sind. Das lag vor allem daran, dass Dozenten und Studierende nicht mit zu engen Vorstellungen in die Zusammenarbeit eingestiegen sind, Basis war Offenheit gegenüber allen Ideen, von allen Seiten. „Die Arbeiten haben uns alle begeistert“, schwärmt auch Cosima Schneider. Eine davon stach ganz besonders hervor und wird nun als Buch bei der Büchergilde veröffentlicht: Janne Holzmüller konnte mit ihren minimalistischen, leisen wie auch präzisen Illustrationen sehr begeistern. Max Frischs Fragen zielen auf den Alltag, setzen sich auseinander mit Liebe, Freundschaft, Politik, Geschlechtsverkehr oder Humor.

 

Manche Fragen kann man ad hoc und manche erst nach genauerem Nachdenken beantworten. Einige Fragen würde man zu einem anderen Zeitpunkt, vielleicht schon ein paar Stunden später, anders beantworten. Und das hat Holzmüller mit ihrer Darstellung alltäglicher Gegenstände, die sie jeweils einem der elf Fragebögen voranstellt, eingefangen. Sie zeichnet einen Teekessel, der beginnt zu dampfen, als das Wasser kocht, oder ein Blume, die sich dem Lauf der Sonne entsprechend dreht. Damit „stelle ich den großen Fragen von Max Frisch etwas Beiläufiges gegenüber, dem Bedeutenden etwas scheinbar Unbedeutendes. (…) Alltägliches kann noch einmal genau angesehen, Vertrautes neu hinterfragt werden.“ Sie spielt mit Zeit und Vergänglichkeit, schafft durch ihre Bilder eine Entschleunigung und lädt ein, sich einmal in Ruhe und entgegen dem Lärm der Zeit mit den Fragen zu beschäftigen. Bei einer Tasse Tee, im Schatten einer Pflanze.

 

Bei derart großartigen Ergebnissen kann man sich bereits denken, wie alle Mitwirkenden die Zusammenarbeit empfunden haben: „Da kann man nur sagen: sehr gut“, freut sich Schröner. Sie hatte sich Freude und die Entwicklung eigener Ideen seitens der Studierenden von dem Projekt erhofft und ist nicht enttäuscht worden. Knoll stimmt zu und beschreibt die Zusammenarbeit als inspirierend und sinnvoll. Kurzum: Das Projekt war eine Bereicherung für alle Seiten!

 

Die großartigen Arbeiten der Studierenden haben bereits ihren Weg in eine Ausstellung gefunden, die im Januar 2018 in Mainz stattgefunden hat. Hier konnte man Kunst, Kreativität und Esprit erleben. Neben weiteren Büchern über Kultur und Musik reihten sich Magazine, das Konzept für ein nachhaltiges Festival oder eine Masterarbeit rund um das von den Monty Pythons erfundene Ministry of Silly Walks aneinander … ein schier unerschöpflicher Ideenpool.