20 Jahre Gestalterpreis - Illustrierte Highlights & Nachwuchsförderung der Büchergilde

Andreas Platthaus gratuliert

"Immer für eine gute Überraschung gut"

 

Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten fördert die Büchergilde Gutenberg den Illustratorennachwuchs im Rahmen ihrer Reihe mit illustrierten Büchern. Meist handelt es sich bei diesen Büchern um literarische Klassiker, beginnend 2002 mit Fahrenheit 451 von Ray Bradbury über Titel von Theodor Storm, Virginia Woolf oder Heinrich Mann bis zu Patricia Highsmith, und bisweilen auch zeitgenössische Erfolgsromane wie Wolfgang Herrndorfs Tschick oder zuletzt Arto Paasilinnas Für eine schlechte Überraschung gut.

 

20 Jahre Büchergilde-Gestalterpreis

 

Solche bekannten Texte buchkünstlerisch auszustatten ist eine besondere Herausforderung, und dass die Büchergilde im Rahmen ihres alle zwei Jahre ausgeschriebenen Gestalterpreises nicht auf die berühmten Namen der Szene setzt, sondern auf den Nachwuchs, spricht für ihr Vertrauen ins kreative Potenzial junger Illustratorinnen und Illustratoren. Denn als Auszeichnung winkt die Veröffentlichung des jeweiligen Siegerentwurfs im traditionell illustrationsaffinen Programm der Büchergilde Gutenberg. Und wenn man dann sieht, dass den ersten Gestalterpreis Katrin Stangl gewonnen hat, muss man kein weiteres Wort darüber verlieren, ob das Vertrauen in die Jugend wohl berechtigt war.

Beratung der Jury beim Gestalterpreis 2020
Andreas Platthaus (2.v.l.) - Beratung der Jury beim Gestalterpreis 2020

Qualität für jeden Liebhaber schöner Bücher

Den besten Beweis dafür liefert aber die Gesamtheit der bislang zehn Siegerbücher, die die unterschiedlichsten Stile und Techniken umfasst. Als Juror bei dieser Entscheidungsfindung beteiligt zu sein ist ein großes Vergnügen und zugleich eine große Verantwortung, denn bereits hier wetteifern die Bewerberinnen und Bewerber auf höchstem Niveau. Aber auch die schönsten Preise können nur eine Gewinnerin oder einen Gewinner haben, und so darf man sich eben an den zehn bisher publizierten Büchern erfreuen. Und gleichzeitig einer Buchreihe zu diesem zehnten Jubiläum gratulieren, die unter Beteiligung von Illustratorinnen und Illustratoren wie Tina Good, Mandy Schlundt, Manuela Sliwa und Dušan Milenković, Verena Stiebing alias Joe Villion, Alexandra Rügler, Martin Stark, Laura Olschok, Sophie Niklas, Yannick Held und eben Katrin Stangl zustande gekommen ist. Die Qualität dieser Auswahl ist für jeden Liebhaber schöner Bücher ersichtlich, und Frauen sind unter den Siegern bislang klar in der Mehrheit. Da arbeitet die Büchergilde Gutenberg also fleißig mit an der Ablösung des tradierten Männermodells in der Illustratorenszene – aber ohne jede Quote, allein durch Qualität.

 

Andreas Platthaus ist Journalist und Comic-Experte. Er leitet das Ressort Literatur und literarisches Leben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

 

"Ein spezifisch finnisches Gefühl" - Gestalterpreis 2020

 

Von Katharina Cichosch und Marlen Heislitz

 

In diesem Jahr stellten sich 20 Studierende des Illustrationskurses bei Professor Felix Scheinberger im Fachbereich Design der Fachhochschule Münster der Aufgabe, Arto Paasilinnas schwarzhumorigen Roman Für eine schlechte Überraschung gut zu illustrieren und als Buch zu gestalten.

Die Odyssee der beiden Protagonisten - zwei sowjetische Soldaten im Norden Finnlands im Jahre 1942 - galt es illustrativ umzusetzen. Mittel, Stil und Umfang waren dabei keine Grenzen gesetzt. Herausgekommen sind insgesamt 18 sehr eigenständige Einsendungen. „Man sieht den Arbeiten die intensive Auseinandersetzung an“, lobt Cosima Schneider, die seit 2012 Herstellungsleiterin der Büchergilde ist und den Gestalterpreis hauptverantwortlich betreut. „Aber es kann natürlich letztlich nur eine oder einer gewinnen.“
 

 

  Die Jury des Gestalterpreis 2020

 

Die Jury des Gestalterpreis 2020: Niels Beintker, Andreas Platthaus, Martin Stark, Cosima Schneider, Clara Scheffler, Jörg Hülsmann (v.l.n.r.)

 

Die Jury 2020

  • Andreas Platthaus, Ressortchef für Literatur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
  • Niels Beintker, Kulturredakteur beim Bayerischen Rundfunk
  • Jörg Hülsmann, Illustrator (zuletzt erschienen bei der Büchergilde: Milch und Kohle)
  • Martin Stark, Illustrator (Gewinner des Gestalterpreis 2014, zuletzt erschienen bei der Büchergilde: Frankenstein)
  • Cosima Schneider, Herstellungsleiterin der Büchergilde
  • Clara Scheffler, Herstellerin bei der Büchergilde

 

 

 



Die Jury ermittelte in einer eintägigen Sitzung den Siegerentwurf. Die eingereichten Buch-Dummys der Illustratorenklasse spielten dabei eine maßgebliche Rolle, da durch das haptische Erleben die Kreativität und das Gestaltungskonzept der Studierenden ganz konkrete Formen annahmen, berichtet Niels Beintker nach der Jury-Sitzung.

 

Stellvertretend für die auswählende Jury ist zur Verleihung des Preises neben Cosima Schneider der Offenbacher Illustrator Martin Stark vor Ort. Kursleiter Felix Scheinberger freut sich für seine Studierenden über die sonst doch eher rare Gelegenheit, einmal so direkte Rückmeldung aus der Branche zu bekommen. „Habt Mut, eure Ideen auch richtig auszureizen!“ Mehr Gekritzel, mehr Bühnendrama, mehr Radierungen, mehr Farbe!

Mit seinen farblich auf Blau, Gelb und Grau reduzierten, kubistisch inspirierten Illustrationen zu Arto Paasilinnas Roman hat schließlich Yannick Held den Gestalterpreis 2020 der Büchergilde Gutenberg gewonnen. Die Jury-Entscheidung für die Gewinnerarbeit fiel einstimmig.

 

„Die komplett eigene Bildsprache hat alle überzeugt. Die größeren Illustrationen, die Typografie in Blau, auch die Vignetten haben gepasst – es ist ein sehr schlüssiges Konzept. Das gesamte Buch vermittelt ein sehr spezifisches, finnisches Gefühl. Hier bewege ich mich wirklich in einem anderen Land. Es vermittelt die nötige Ernsthaftigkeit des Themas und der Zeit, in der die Geschichte sich bewegt, ohne prüde zu sein.“

Cosima Schneider

 

Geschäftsführer Alexander Elspas würdigt diese Leistung mit einer Rede und überreicht die Urkunde. Yannick Helds Zugang zum Buch und in die eigene Arbeit hinein lässt sich als teils intuitiv, teils analytisch beschreiben: Er arbeitete sich in den Schreibstil von Arto Paasilinna mit dem „subtilen Humor“ ein und fragte sich, wie sich jener in Bildform transportieren ließe. Zugleich sollte ein Kontrast zur Brutalität des Buchs geschaffen werden – keine Illustration dessen, was ohnehin schon im Text vorhanden ist, aber auch kein Ausblenden jener Tatsachen. Die Entscheidung für die kubistisch anmutenden Zeichnungen fiel dann ganz intuitiv. Tatsächlich, meint Held, habe er zuvor noch nie in diesem Stil gearbeitet. Er wollte eine komplett eigene Bildsprache für Paasilinnas Text finden.

 

Was der Illustratorenvertrag mit dem Verlag für die eigene Laufbahn bedeutet, das möchte Held noch offen lassen: „Ich habe ja nun erst einmal noch zwei Semester Uni vor mir. Aber Illustration? Gerne mehr davon!“ Jetzt freut er sich erst einmal auf die Veröffentlichung seines ersten illustrierten Buches.

 

Geschäftsführer Alexander Elspas gratuliert Yannick HeldArto Paasilinna: Für eine schlechte Überraschung gut