Fieberträume auf Reisen

Das kann nur Illustration: Durch den glühenden Asphalt der Autobahn leuchtet die Sommersonne – weil sich die erste große Fahrt im Leben haargenau so anfühlt. Geschaffen hat dieses Bild die junge Illustratorin Laura Olschok. Sie ist die Gewinnerin des Büchergilde Gestalterpreises 2016. Für den Verlag ist der Wettbewerb Herausforderung und Inspirationsquelle zugleich.

Von Doris Anselm

Von welcher Schriftstellerin stammt dieses Zitat? „Das Schönste an meiner Arbeit ist, alles, was in meinem Kopf steckt, alle Gedanken und Ideen, für andere sichtbar machen zu können.“ Antwort: Von gar keiner. Es ist eine Aussage von Laura Olschok. Vielleicht erklären ihre Worte sowohl, warum sie den Gestalterpreis gewonnen hat, als auch, worum es bei diesem Nachwuchspreis im Kern geht: Gute Buchillustration geht eine ebenbürtige Beziehung zum Text ein. Sie schafft mit ihm zusammen eine Atmosphäre, die sich beim Erleben nicht mehr in Bild und Text aufspalten lässt. Deshalb sind die Schöpfer solcher Bilder, deshalb sind gute IllustratorenInnen, auch Co-AutorenInnen. Oder Re-AutorenInnen, Wiederschreiber sozusagen. Die laufen nicht im Dutzend herum. Die muss man suchen. 

Illustratoren sind Wieder-Schreiber

Die Jury 2016

Für die Suche nach begabtem Illustrations-Nachwuchs hat die Büchergilde Gutenberg 2002 den Gestalterpreis ins Leben gerufen. Und bündelt dafür intern und extern Kräfte: Die Auswahl einer jeweils neuen, passenden Hochschule mit Schwerpunkt Buchillustration, die Zusammenarbeit mit engagierten ProfessorenInnen und ihren Klassen sind nicht nur ein Wagnis, sondern eine wahre Herzensangelegenheit für alle Beteiligten. Die Ausschreibung wird als Projektseminar angeboten, innerhalb eines Semesters entstehen Konzept und Motive zum Text.

Zunächst waren es vornehmlich Klassiker, denen die Jung-IllustratorenInnen ein neues Gesicht geben sollten: Im ersten Jahr Ray Bradburys Fahrenheit 451, später unter anderem Heinrich Manns Professor Unrat und Virginia Woolfs Orlando. Alle zwei Jahre sind die Gewinnertitel mittlerweile fester Bestandteil des Programms. „Wir sind jedes Mal aufs Neue gespannt auf die Einreichungen“, sagt Herstellungsleiterin Cosima Schneider. „Und selbstverständlich stellen wir uns auch die Frage: Was machen wir, wenn gar kein guter Vorschlag dabei ist?“ Zu spüren sei in jedem Fall, wie stark das jeweilige Buch die Fantasie der BewerberInnen angeregt hat – oder eben nicht. „Aber bisher sind jedes Mal mehrere großartige Vorschläge gekommen“, sagt sie.

Nach welchen Kriterien sollen Preisträger ausgewählt werden? Und wer soll auswählen? In der jeweils neu berufenen Jury des Gestalterpreises sitzen nicht nur ExpertInnen aus Verlagen, sondern auch gestandene IllustratorInnen, ChefredakteurInnen von Kunstzeitschriften und ProfessorInnen. Nicht selten lesen sich die Urteilsbegründungen wie Beiträge in einem Ausstellungskatalog. Ein Preisträger verbinde „gekonnt verschiedene Bildebenen“, heißt es da, oder: „Perspektivwechsel, Proportionsänderungen und der Schwarzweißraum sind wunderbar inszeniert.“ Letztendlich zähle, wie gut Bild und Text gemeinsam wirken, erklärt Cosima Schneider. „Der Austausch unter uns ist spannend. Unsere unterschiedlichen Perspektiven auf die Entwürfe beleben die Diskussion und machen die Juryarbeit so lohnenswert!“

Eine Flut von Bildern

[Prämierte Bücher: Urs Widmer "Im Kongo" illustriert von Tina Good und Raymond Queneau "Zazie in der Metro" illustriert von Joe Villion]

Jung sollten nicht nur die Talente, sondern nun auch das vorgegebene Buch für den Gestalterpreis sein, so hat es die Büchergilde für das Jahr 2016 festgelegt. Also wählte sie statt eines Klassikers diesmal einen im doppelten Sinn jungen Bestseller: Tschick von Wolfgang Herrndorf erschien erst 2010 und wird häufig als Jugendroman bezeichnet. Die Abenteuergeschichte um zwei junge Außenseiter, einen klapprigen Lada und die sprichwörtliche Walachei fesselte aber auch die 28 Jahre alte Kommunikationsdesign-Studentin Laura Olschok. „Ich habe Tschick in einem Rutsch durchgelesen“, erzählt sie. „Und als ich dann versucht habe, jede Stelle zu markieren, die in mir ein intensives Bild hervorgerufen hat, war das Buch am Ende voll mit blauen und grünen Klebezetteln.“ Für die Umsetzung kein Problem: Diese Flut von Bildern strömte in ihre Illustrationen. „Die Sprache ist so voll mit tollen Beschreibungen. Es passiert so viel auf einmal, dass ich versucht habe, genauso viel zu Papier zu bringen.“ Es sind detailverliebte Motive geworden, inspiriert von Wimmelbildern, mit farbigen Akzenten. Zum Beispiel mit dieser orangeroten Scheibe, der Sommersonne, die sich im glühenden Asphalt spiegelt.

In der Jury saß auch der Illustrator Christian Schneider (Über Bord), nur neun Jahre älter als die Preisträgerin. Was hat ihn beeindruckt? „Die Stimmigkeit. Es gab überraschende Bildideen und trotzdem besitzt sie die handwerkliche Fähigkeit, einen Stil für ein komplettes Buch durchzuhalten.“„Laura Olschok war schon unglaublich weit mit ihrer Arbeit“, heißt es auch aus dem Verlag. „Wir mussten nur noch die Typografie ein wenig überarbeiten. Und sie hatte eine Idee für das Umschlagmotiv, die haben wir anschließend weiterentwickelt.“ Am Ende ist aus Tschick ein Reisetagebuch geworden – in klassischer Notizbuchform mit Gummiband. Das i-Tüpfelchen: ein dreiseitiger Farbschnitt, besonders aufwendig in der Herstellung. Doch auch darum geht es beim Gestalterpreis: Er soll ein Experiment auf vielen Ebenen sein.

Auch Alexandra Rügler, die Gewinnerin von 2012, hatte eine ziemlich ungewöhnliche Idee. Sie war gerade 24 Jahre alt und hatte das Grundstudium beendet, als ihr Professor den Gestalterpreis betreute und Patricia Highsmiths Krimiklassiker Der talentierte Mr. Ripley auf dem Studienplan stand. Sie begann mit Tuschezeichnungen, um die Geschichte um den Identitätsdieb zu illustrieren. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass meine Arbeiten etwas verzerrtes, fiebertraumhaftes bekamen.“ Sie folgte ihrem Gefühl – und es entstanden 3D-Illustrationen. Dabei zerlegt man Bilder nachträglich digital in Einzelteile, färbt sie und verschiebt sie gegeneinander. Der Effekt ist verschwommen, beinahe unheimlich. Wer beim Betrachten zusätzlich die passende Zweifarbenbrille trägt, erlebt die Bilder in ihrer vollen Tiefe. Und die charakterliche Doppelbödigkeit von Mr. Ripley. Über das Illustrieren sagt Alexandra Rügler: „Man kann seine Sinne so leicht überlisten. Man kann unglaublich viel weiter gehen als die Realität erlaubt.“ Die damalige Jury war begeistert. Aber was würde die Herstellungsabteilung sagen? Immerhin müsste jeder Ausgabe eine 3D-Brille beiliegen. Die Herstellung sagte Ja. Und entschied sich auch dort für eine den Inhalt unterstreichende gestalterische Finesse, ein reizvolles Detail, das die Ausgabe von anderen illustrierten Büchern unterscheidet.

Unterwegs Neues entdecken

Im Jahr 2010 sollte eine Klasse der Berliner Universität der Künste Zazie in der Metro bebildern. Die Gruppe entschied: Wer von ihnen auch immer gewinnen würde – das Honorar sollte nachträglich einen Teil der Kosten für eine Gruppenreise nach Paris decken. Die Studierenden wollten die Atmosphäre für ihre Bilder dort aufsaugen, wo Zazies Geschichte spielt. Eine gute Idee, wie sich zeigte: Joe Villions Illustrationen gehörten zu denen mit dem höchsten Niveau, die jemals beim Wettbewerb eingereicht wurden. Seither entdeckt man sie immer wieder unter den Buchgestaltern der Literaturgemeinschaft.

Reisen, Aufbruch, Neues entdecken scheinen überhaupt die Schlüsselthemen zu sein beim Gestalterpreis. Nicht nur haben auffällig viele der illustrierten Bücher einen Reisebezug. So wie die beiden Jungs in Tschick durch Deutschland rumpeln, so driftet Orlando quer durch die Jahrhunderte; und schon das Wettbewerbsbuch aus dem zweiten Jahrgang, Urs Widmers Im Kongo, schickte seine Figuren in die Ferne. Auch einige der prämierten jungen IllustratorInnen eint der Hang zum Aufbruch. Alexandra Rügler ging nach dem Gewinn des Preises für ihren Mr. Ripley erst einmal nach Südkorea, um die Grundlagen traditioneller Kalligrafie zu erlernen – und um auf den Spuren ihrer Mutter zu wandeln, die von dort stammt. Inzwischen hat sie für die Büchergilde ein weiteres Werk illustriert: Erika von Elke Heidenreich. Die diesjährige Preisträgerin, Laura Olschok, hat einen großen Aufbruch schon hinter sich: den Wechsel vom Studium der Architektur zur Illustration. „Man muss den Mut haben, über diese Schwelle der Nützlichkeit zu springen. Diese Stimme zu ignorieren, die sagt: Mach’ lieber den Bürojob, da findest du wenigstens was!“ Nun ist sie bereit, mit jedem ihrer Illustrationsprojekte auf eine neue Reise zu gehen.

 

Doris Anselm *1981, Berliner Autorin und Journalistin, vor allem fürs Radio, wo leider stets zu wenig Bilder vorkommen.