Genossenschaft? Wir leben das einfach

2018 ist das Jahr des 200. Geburtstags eines der Gründungsväter der Genossenschaft: Friedrich Wilhelm Raiffeisen, für den Selbsthilfe für Not leidende Menschen in einer Gemeinschaft den Ursprung des Genossenschaftsgedankens markierte. Heute sind in Deutschland etwa 22,6 Millionen Menschen genossenschaftlich organisiert, weltweit sind es mehr als 800 Millionen. Zum Anlass des internationalen Tages der Genossenschaft, der am 7. Juli gefeiert wird, haben wir mit Peter Noppinger, dem Vorstandsvorsitzenden der Sparda Bank Augsburg e.G., über Genossenschaften gesprochen.

 

Das Interview führte Natalie Acksteiner

Herr Noppinger, was macht Genossenschaft heute aus?


Der Socius-Gedanke ist nach wie vor zentral. Es geht um Prinzipien wie Solidarität, Miteinander, Verantwortung. Diese historisch gewachsenen Werte werden in Genossenschaften gelebt. Bei der Sparda bedeutet das konkret: „Gemeinsam sind wir mehr als eine Bank.“ Es geht um das gemeinsame Schultern von Aufgaben, auch um die Förderung der Stärken des Einzelnen. Außerdem engagieren wir uns vor allem regional zu Themen wie Umweltbewusstsein oder der kreativen Förderung von Kindern.

 

Im November des vergangenen Jahres hat die UNESCO die genossenschaftliche Idee in das immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen. Was bedeutet das für Sie?

 

Dieser Akt ist von großer symbolischer Bedeutung. Für den Alltag von Genossenschaften aber sollte man sich davon nicht zu viel erwarten: So Genossenschaft? Wir leben das einfach etwas ist ein Blitzlicht, das von der Presse aufgegriffen wird und wieder verebbt. Unserer Erfahrung nach können viele Menschen mit den Begriffen „Mitglied“ oder „Genosse“ wenig anfangen. Deswegen versuchen wir, Genossenschaft einfach zu leben, ohne das groß so zu nennen. Über das Vorleben vermittelt es sich am besten. Und wir setzen auf Bodenständigkeit und die Nähe zu unseren Mitgliedern. Das funktioniert: Drei Viertel unserer Neukunden beispielsweise kommen auf Empfehlung zu uns.

 

In der Bundesrepublik existieren um die 8000 Genossenschaften. Gut ein Drittel davon wurde allein seit 2006 gegründet, als das Genossenschaftsgesetz novelliert wurde: Seitdem können sich Genossenschaften nicht nur zur wirtschaftlichen, sondern auch zur sozialen und kulturellen Förderung ihrer Mitglieder formieren. Wie erklären Sie sich diese ja offensichtlich doch vorhandene Popularität von Genossenschaften?


Teilhabe ist heute ein wichtiger Aspekt, es geht um den Mitgestaltungswunsch im demokratischen Sinne. Die Leute wollen sich einbringen. In unternehmerischer Form ist das so nur in Genossenschaften möglich. Die Möglichkeit, Gleichgesinnte, die viele unterschiedliche Teilaspekte bedienen, zusammenzuführen, hat etwas Reizvolles und Gewinnbringendes. Man kann tatsächlich etwas verändern. Genossenschaften entstehen ja häufig da, wo ein Mangel empfunden wird – heute suchen Einzelne in der Gemeinschaft nach Lösungen, um diese Mängel zu beheben.

 

Was sehen Sie als Herausforderungen für Genossenschaften an?


Es ist wichtig, die alten Begrifflichkeiten wie „Genosse“ und „Mitglied“ neu mit Inhalten zu füllen – das hält die Idee am Leben und bringt sie voran. Die dahinterstehenden Werte, die spezifische Kultur muss gelebt werden. Dann wird Genossenschaft spürbar. Ihre Idee muss weiterentwickelt und attraktiv gemacht werden, es müssen auch neue Formen der Beteiligung erdacht werden. Vernetzung ist da ein zentrales Stichwort, entsprechend auch der Umgang mit Daten. Hier sehen wir eine große Chance darin, unter Berücksichtigung genossenschaftlicher Werte moderne digitale Plattformen und Ökosysteme als Netzwerk für unsere Kunden aufzubauen.

 

Herr Noppinger, herzlichen Dank für das Gespräch.


Peter Noppinger ist Vorstandsvorsitzender der Sparda Bank Augsburg e.G. Bundesweitzählt die Sparda Bank 3,5 Millionen Genossinnen und Genossen, davon 60000 in Bayrisch-Schwaben.

 

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