Von Bonn nach Berlin - im Gespräch mit GenossInnen

Lars Kindervater und Karen Bartel erzählen, wie es ist, „einen ganz eigenen Buchclub zu haben, zumindest zu einem kleinen Anteil“, und was für eine Rolle gesellschaftliches Engagement und die Geschichte der Büchergilde dabei spielen. In puncto Kochbücher sind sie allerdings nicht ganz einer Meinung.


Von Patricia Spies

LARS KINDERVATER

Foto: Martin Mascheski

BONN

Für Lars Kindervater ist jedes Buch ein Erinnerungsstück. Er bringt sie von Reisen mit, sammelt besondere Erstausgaben und nutzt Bücher als spontane Geschenke. Der Leiter des Operating Office des Telekom-Kundenservices ist schon lange Mitglied bei der Büchergilde Gutenberg und seit 2014 Genosse. Das Gespräch mit Lars Kindervater fand in seinem Büro in Bonn statt.

Sie sind schon eine ganze Weile Mitglied bei der Büchergilde Gutenberg.
Schon immer.

Wie kam es dazu?
Das war Anfang 1990. Ich war damals auf einem Kongress der Jungsozialisten. Kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks waren die Themen: Wie geht es weiter mit dem Sozialismus? Was zählt noch? Und bei dieser Tagung gab es einen Stand der Büchergilde Gutenberg. Ich habe mir damals den Bildband Kurt Tucholsky 1890–1935. Ein Lebensbild gekauft. Oder vielleicht waren es auch die Schriften von Ferdinand Lassalle. Eine Auswahl für unsere Zeit, die ich mitgenommen habe. Das weiß ich nicht mehr genau. Aber sicher ist, dass ich so zur Büchergilde gekommen bin.

Ihr Engagement geht über die Mitgliedschaft in der Literaturgemeinschaft hinaus. Warum haben Sie sich entschieden, auch der Verlagsgenossenschaft beizutreten?
Es war mir ein Herzensanliegen, die Unabhängigkeit der Büchergilde zu unterstützen. Außerdem habe ich ganz im eigenen Interessegehandelt: Ich wollte sicherstellen, dass mein Anbieter für schöne Bücher mich auch in Zukunft versorgen wird. Und ich finde es eine tolle Gelegenheit, einen ganz eigenen Buchclub zu haben, zumindest zu einem kleinen Anteil.

Würden Sie sich gerne aktiver bei der Genossenschaft einbringen?
Ich glaube, ich möchte gar nicht aktiver werden. Ich bin zurzeit mit meinen beiden Töchtern, der Familie, meiner Arbeit und dem Lesen, zu dem ich viel zu selten komme, bereits gut ausgelastet. Aber ich bin als Genosse stolz darauf dazuzugehören. Es ist mir wichtig, etwas zum weiteren Erfolg der Büchergilde beitragen zu können. Wenn ich mir das Magazin ansehe, wenn ich mir das Programm anschaue, finde ich, dass sie sehr erfolgreich ist und sich gerade noch erfolgreicher weiterentwickelt. Bei diesem Prozess möchte ich gerne dabei sein.

Wie würden Sie die Büchergilde einem Außenstehenden in möglichst wenigen Worten beschreiben?
Der Buchclub der Arbeiterbewegung mit hochqualitativen Büchern zu günstigen Preisen. Und es ist wohl genau das: Wenn man Bücher liebt, muss man in der Büchergilde sein.

Das klingt geradezu druckreif. Vielen Dank. Haben Sie die Büchergilde in dieser Form schon einmal weiterempfohlen?
Ich habe zum Beispiel meine Mutter dazu gebracht, Mitglied zu werden. Wenn ich mit Freunden oder Bekannten über Bücher spreche, dann kommt das Gespräch eigentlich immer auch auf Bücher der Büchergilde, gerade wenn es um illustrierte Ausgaben geht. Ich habe oft Büchergilde-Bücher zu Hause, die ich noch nicht gelesen habe. Sie dienen mir als Reservoir für spontane Geschenke. Immer dann, wenn ich feststelle, dass ich kein Geschenk habe, aber eins haben sollte, verschenke ich ein solches Buch. Dann habe ich auch gleich wieder ein wenig Platz für etwas Neues.

Haben Sie einen Lieblingsautor oder eine -autorin?
Kurt Tucholsky ist einer der Autoren, für die ich mich sehr früh begeistert habe. Der Bildband zu Tucholsky gehört ja auch zu meinen ersten Büchergilde-Büchern.

Dann kennen Sie sicherlich auch die illustrierte Ausgabe von Schloss Gripsholm?
Ja, es gab eine sehr gelungene Ausgabe in den 90er-Jahren. Ich glaube, es ist das von mir meistgekaufte Buch aus der Büchergilde. Ich habe es damals immer meiner aktuellen Geliebten geschenkt und hatte ein paar Exemplare auf Vorrat. Dies hat allerdings dazu geführt, dass eine Freundin von mir die Ausgabe bei einer anderen Freundin im Regal entdeckte und dann misstrauisch fragte: „Das hast du aber nicht von Lars bekommen, oder?“ Aber ja, das habe ich häufig verschenkt. Von Kurt Tucholsky habe ich inzwischen auch mehrere Originale und Erstausgaben gesammelt.

Folgt Ihre Sammlung einem bestimmten System?
Ich interessiere mich besonders für Literatur, die sich mit gesellschaftlichen, politischen oder historischen Themen auseinandersetzt; auch für amerikanische Literatur dieser Art. Und ich pflege ein gewisses Ritual. In jedes Buch schreibe ich hinein, wann und wo ich es gekauft habe. Auch den jeweiligen Kaufpreis notiere ich. Gerade auf Reisen in die USA finde ich sehr viele Bücher in Antiquariaten. So viele, dass ich anschließend ein Paket nach Hause schicken muss oder gleich einen zweiten Koffer für Bücher dabei habe. Jedes Buch wird somit automatisch zu einem Erinnerungsstück. Eine weitere Marotte von mir ist, dass ich Dinge aus dem alltäglichen Leben aufbewahre, um sie später als Lesezeichen zu nutzen. Hier ein Beleg aus dem letzten Urlaub, dort eine Theaterkarte. Mittlerweile sind uralte Sachen darunter. Zum Beispiel Essensmarken vom Juso- Pfingstcamp vom Anfang der 90er-Jahre.

Gibt es ein Buch, das Sie sich im Programm der Büchergilde wünschen würden?
Vor einiger Zeit wurde die Frage nach einer möglichen Jubiläumsausgabe gestellt. Die Entscheidung fiel dann auf ein Kochbuch, das neu aufgelegt wurde. Da hätte ich mir eher etwas anderes gewünscht. Ich finde Büchergilde-Bücher besonders gut, wenn es illustrierte Bücher mit einem besonderen haptischen Erlebnis und ausgefallenen Einband sind. Meiner Meinung nach funktioniert das vor allem bei den Titeln, die eine bildhafte Darstellung erlauben, sprich bei Belletristik. Ich kaufe in der Regel auch nur gebundene Bücher und glaube, wenn man Mitglied der Büchergilde ist, gehört die Haptik ganz klar zum Lesevergnügen dazu. Ganz spontan würde ich mir vermutlich eine schöne, in Leinen gebundene Ausgabe von Deutschland, Deutschland über alles von Kurt Tucholsky wünschen. Es erschien Ende der 20er-Jahre in einem Band mit sehr vielen Fotomontagen von John Heartfield. Dieses Buch mit einer typischen Büchergilde-Ausstattung würde ich mir sofort bestellen.

Lars Kindervater, Jahrgang 1972, studierte neben Politik- und Europawissenschaften auch Geschichte. Noch während des Studiums war er als Abgeordneten-Mitarbeiter in Bonn tätig. Heute ist er leitender Angestellter bei der Telekom. Die größte Gefahr für seine Sammlung stellt, nach eigenen Angaben, seine einjährige Tochter dar, denn bislang knabbert sie am liebsten an Büchern. Als Miteigentümer wünscht er der Büchergilde viel Erfolg.

KAREN BARTEL

Foto: Martin Mascheski

BERLIN

Karen Bartel wurde mit der Begeisterung für die Büchergilde von ihrem Mann angesteckt. Auch sie ist seit 2014 Genossin. Neben Krimis stehen vor allem Kochbücher auf ihrer Leseliste. In einem Berliner Kaffeehaus erzählt Karen Bartel, warum die Mitgliedschaft in einer Genossenschaft für sie auch ein gesellschaftliches Engagement darstellt.

Wofür steht die Büchergilde Gutenberg Ihrer Meinung nach?
Die Büchergilde steht für mich gleich für mehrere Dinge: Das Erste ist die tolle Buchgestaltung, die sehr künstlerische und außergewöhnliche Gestaltung der Bücher. Das Zweite – aber sicherlich genauso wichtig – ist für mich das gesellschaftliche Engagement und die Geschichte der Büchergilde.

Die meisten Genossinnen und Genossen sind bereits Mitglieder unserer Literaturgemeinschaft, bevor sie sich entscheiden, einen Anteil zu zeichnen. War das bei Ihnen anders?
Ja, ich bin kein klassisches Mitglied der Büchergilde, sondern bin direkt Genossin geworden. Ich bin über meinen Mann Dirk Bartel dazu gekommen. Er hat vor über zwanzig Jahren als Buchhändler in einer Partnerbuchhandlung gearbeitet und ist noch heute begeistertes Mitglied. Er kauft, anders als ich, muss ich zu meinem Leidwesen gestehen, bestimmt achtzig oder neunzig Prozent seiner Bücher bei der Büchergilde.

Wissen Sie noch, mit welchen Argumenten er Sie überzeugen konnte?
Er hat mir von der Geschichte der Büchergilde erzählt. Die schönen Bücher kannte ich ja bereits aus unserem Regal. Ich war dann relativ schnell sicher, dass man die Büchergilde als Einrichtung unterstützten sollte. Unter anderem auch, damit die Dinge, für die sie steht, erhalten bleiben. Den Genossenschaftsgedanken halte ich hier für das richtige Modell. Es stellt für mich ein Stück gesellschaftliches Engagement dar.

Wie meinen Sie das?
Ich kenne die Geschichte der Büchergilde nicht bis ins Detail, aber ich weiß, dass sie aus einer Industriegewerkschaft von Buchdruckern gegründet worden ist. Und genau diese partizipative Form wird für mich durch die Genossenschaft weitergeführt. Ich würde sogar sagen, dass es wie die Faust aufs Auge passt. Die Leute, die sich gesellschaftlich engagieren, überlegen ja auch nicht lange, wie viel Profit sie aus ihrem Engagement ziehen. Es ist eine ganz andere Art von Investition als bei einer Geldanlage. Es geht vielmehr um gesellschaftliche Intentionen. Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf ist die Genossenschaft eigentlich die einzige Rechtsform, die hier wirklich passt. Wenn man sich die Anfänge der Büchergilde anschaut, scheint es die logische Fortsetzung ihrer Geschichte zu sein. Ich finde das stimmig. Auch die Geschichte der Büchergilde in der Nazizeit hat für mich im Übrigen eine Rolle gespielt, also dass die Büchergilde in dieser Zeit nur im Exil in der Schweiz überleben konnte. Auch dies verpflichtet aus meiner Sicht zu einem gesellschaftlichen Engagement zu ihrem Erhalt.

Würden Sie sich gerne mehr bei der Verlagsgenossenschaft einbringen?
Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich das gern tun. Ich habe auch überlegt, an den Genossenschaftsversammlungen in Frankfurt teilzunehmen. Aber auch, wenn ich nicht persönlich anwesend sein konnte, verfolge ich die Protokolle und fühle mich immer hinreichend informiert. Bisher ist es eine sehr positive Erfahrung. Und wenn es zeitlich klappen sollte, besuche ich gern einen der regionalen Genossenschaftsabende.

Sind Sie Mitglied bei anderen Genossenschaften?
Nein, aber wenn mir etwas Vergleichbares wieder über den Weg läuft, würde ich auch dort mitmachen.

Kaufen Sie vor allem Bücher oder auch andere Dinge aus unserem Programm?
Eigentlich kaufen wir sehr unterschiedliche Sachen aus dem ganzen Sortiment. Zum Beispiel hängt bei uns jedes Jahr der Pin-up-Kalender aus dem artclub. Auch Kunstdrucke und CDs der Büchergilde haben wir zu Hause. Und natürlich eine ganze Ecke Bücher. Mein Mann und ich sind schon so richtige Leseratten. Die ganze Wohnung steht voller Bücher.

Welches Büchergilde-Buch haben Sie zuletzt gelesen?
Um ehrlich zu sein, habe ich zuletzt sehr lange in einem Kochbuch geblättert, das ich wirklich klasse finde. Die Jubiläumsausgabe des Kochbuchs der Büchergilde wurde sehr schön von Gerhard Oberländer illustriert.

Haben Sie bereits Rezepte daraus nachgekocht?
Nein, das habe ich tatsächlich noch nicht gemacht. Es ist ja auch ein relativ altes Kochbuch. Die darin vorgestellten Gerichte stammen aus den 50er-Jahren und sind teils sehr an die Nachkriegszeit angelehnt. Vor allem die historischen Details und die schönen Illustrationen haben mich bei der Lektüre interessiert. Aber ich werde demnächst mal etwas ausprobieren.

Wenn Sie die Programmplanung der Büchergilde für einen Tag übernehmen könnten: Welche Bücher würden Sie gern machen?
Das ist eine schwere Frage. Spontan fallen mir da vor allem Bücher ein, die Sie schon im Sortiment haben. Vielleicht ein Kinderbuch wie Der kleine Wassermann in einer schönen illustrierten Ausgabe. Ich würde wohl auch versuchen, den einen oder anderen Krimi unterzubringen. Ich bin eine Krimitante und lese sehr viele skandinavische und deutsche Autoren. Von Henning Mankell habe ich zum Beispiel bisher alles gelesen. Früher habe ich auch viel von Dorothy L. Sayers gelesen. Vielleicht würde ich mich auch für weitere schöne historische Kochbücher einsetzen.

Karen Bartel, Jahrgang 1968, ist auf einem Bauernhof in Niedersachsen aufgewachsen. Nach dem Jurastudium in Göttingen und Bonn verschlug es sie nach Leipzig. Heute lebt sie gemeinsam mit ihrem Mann in Berlin. Dort arbeitet sie als Juristin bei einem Verband. Als Genossin wünscht sie sich, dass die Büchergilde bekannter wird.