Genossenschaft in Bildern

Die Illustratorin Carolin Löbbert stellt sich regelmäßig der Herausforderung, abstrakte Fragen zeichnerisch zu beantworten. Vor Kurzem hat sie den neuen Genossenschaftsflyer für uns gestaltet. Die Wahlhamburgerin berichtet von ihrer Überraschung darüber, dass die Büchergilde nicht schon immer eine Genossenschaft war, und davon, dass Illustratoren sich ein Stück weit selbst darstellen.

 

Von Patricia Spies

Kanntest du die Büchergilde Gutenberg bereits vor unserer Anfrage?

Ja, in Illustratorenkreisen ist die Büchergilde auf jeden Fall ein Begriff. Einige meiner Bekannten arbeiten schon seit Längerem mit dem Verlag zusammen. Annika Siems, zum Beispiel, hat bereits zwei Buchprojekte gestaltet.

 

Wie schön, dass man sich unter IllustratorInnen kennt. Als Annika von unserem heutigen Gespräch erfuhr, bat sie mich, herzlich zu grüßen. Kannst du dir vorstellen, weiterhin mit der Büchergilde zusammenzuarbeiten?

 Na klar, so, wie ich es wahrnehme, gilt die Zusammenarbeit als große Ehre und eine tolle Sache. Man hat mehr Freiheiten als bei anderen Verlagen, Projekte so anzugehen, wie sie einem vorschweben. Bei der Büchergilde wird noch viel Wert auf Buchhandwerk gelegt und die unterschiedlichsten Gestaltungsformen können in Betracht gezogen werden. Auch was die Umschlaggestaltung betrifft, wird einiges möglich gemacht – das reicht vom Leineneinband über verschiebbare Bauchbinden bis hin zu changierendem Einbandmaterial.

 

Was hat dich an dem Projekt, unseren Genossenschaftsflyer zu gestalten, gereizt?

 In erster Linie war es die Herausforderung, Bilder für bestimmte Fragestellungen zu finden: Was macht eine Genossenschaft? Wie stellt man ihre Geschichte dar? Was gibt es bereits an Bildmaterial? Als Illustratorin ist es ja meine Aufgabe, einen Text – im wahrsten Sinne des Wortes – zu illustrieren und in Bilder zu übersetzen. In diesem Falle kommt hinzu, dass ein Informationsflyer am Ende des Tages ein relativ sachliches Gesamtbild ergeben sollte. Ein solcher Flyer darf nicht nur auf fantastischen oder erdachten Bildern basieren, die schlichtweg nicht der Wahrheit entsprechen. Stattdessen muss ich genau hinsehen: Wie arbeitet ein Vorstandsvorsitzender oder wie sieht eine Generalversammlung aus?

 

Das sind berechtigte Fragen. Wie bist du mit ihnen umgegangen?

Bisher hatte ich noch keine Gelegenheit, eine solche Veranstaltung zu besuchen. Nach einiger Recherche und Überlegung stelle ich es mir in etwa so vor: Alle diskutieren, es gibt Protokolle, die herumgereicht werden. Bei „meinem“ Genossenschaftsabend sitzen die Leute dann zusammen bei einem Glas Wein. Vom Stil her habe ich mich für ein Zusammenspiel von Realismus und Reduktion entschieden: Der Vorlesende ist eher realistisch, ebenso wie das Publikum in den ersten Reihen.Nach hinten hinaus werden die Zuhörer dann zu einer abstrakten Menge. Außerdem habe ich versucht, die Abbildungen recht einladend zu gestalten und eine Form zu finden, mit der sich möglichst viele Personen identifizieren können. Am Ende schaut man dann noch genauer hin, bis hin zum ausgeglichenen Verhältnis zwischen Männern und Frauen, jungen und älteren Menschen.

 

Wie lange hat es gedauert, bis du das ersteBild vor Augen hattest?

Ich habe recht schnell skizziert und Ideen gesammelt. Ich fange immer mit dem Bleistift an, um ganz wild und frei zu entwerfen. Nach etwa einem Tag werden die Bilder konkreter. Erst dann gehe ich über zur Arbeit an meinem Rechner.

 

Werden die Skizzen eingescannt?

Nein, die Bleistiftzeichnungen dienen nur der Ideenfindung. Nach dieser ersten Phase wechsle ich zum Rechner beziehungsweise zum Zeichentablett. Auf einer glatten Oberfläche wird mit einem Stift gezeichnet und die Zeichnungen werden direkt digitalisiert. Am Bildschirm wird dann verändert, korrigiert und koloriert.

 

Welches Motiv war am schwierigsten vom Text ins Bild zu übertragen?

Kompliziert wurde es im Bereich Geschichte. Ich musste mir überlegen, wie ich den folgenden Satz illustriere: „Die Geschichte der Büchergildeist eine Geschichte der Buchkultur.“ Manche Sätze muss man zunächst wirken lassen. Wo finde ich Bildmaterial? Wo kann ich auf Infos zugreifen, die ich dann bildlich darstellen kann? Dann ein wahrer Glückstreffer: Als historische Referenz fand ich eine alte Fotografie der Gründungstagung des Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker, ein leicht vergilbtes Gruppenbild von 1924 in Leipzig.

Eine wirklich schöne und passende Referenz. Gab es Momente in der Geschichteder Büchergilde, die dich überrascht haben?

Ja, es war spannend, mehr über die Hintergründe zu erfahren. Zum Beispiel wusste ich gar nicht, wann die Büchergildege gründet wurde und dass sie bereits so lange existiert. Interessant war auch die Tatsache, dass und in welchem Umfang die Büchergilde seit 1924 fortgeführt wird. Als ich las, dass sie gar nicht von Anfang an eine Genossenschaft war, dachte ich: „Huch!?“ Ich war wirklich überrascht. In meiner Vorstellung passt diese Form einerseits sehr gut zur Büchergilde und andererseits muss die Umstrukturierung eines Unternehmens hin zur Miteigentümerschaft ein großer Schritt sein.

 

Das Thema Genossenschaft ist dir also nicht fremd?

Nein, ich war einmal Mitglied einer klassischen Wohnungsgenossenschaft. Ich habe Genossenschaftsanteile gekauft und konnte somit eine günstigere Wohnung mieten. Das war bei einer Hamburger Institution mit dem schönen Namen Buchdrucker Baugenossenschaft. Eine wirklich gute Sache. Außerdem gibt es in Hamburg-Altona den Frappant e. V., einen Zusammenschluss von Künstlern und Kreativschaffenden, die gemeinschaftlich eine alte Kaserne erworben haben. Dort entstanden und entstehen nun nach und nach Ateliers und Arbeitsräume.

 

Und wie findest du das Prinzip Genossenschaft?

Genossenschaften sind eine gute und spannende Sache. Bei Gruppenprojekten habe ich allerdings auch schon die Erfahrung gemacht, dass sich nicht alle gleich stark einbringen. Im Prinzip ist jeder gefragt, aber in der Praxis macht immer einer mehr als der andere. Ein Gruppenprojekt sollte eine gut strukturierte und dynamische Angelegenheit sein. Teils muss man bereit sein, dafür zu kämpfen, dass sich alle angemessen einbringen und in wichtigen Punkten zusammenkommen können.

Kommen wir zurück zum Genossenschaftsflyer: Welches Motiv ging dir am einfachsten von der Hand?

Am einfachsten fiel mir das Zeichnen der drei Säulen der Büchergilde-Buchkultur: Gemeinschaft, Gestalten und Fördern. Im Bereich Gestalten konnte ich mich als Illustratorin natürlich besonders gut hineinfühlen. Wie sieht man bei der Arbeit aus? Die meisten von uns sitzen wohl an einem Schreibtisch.

 

Sollten wir also genauer hinschauen, ob du dich in den Flyer hineingezeichnet hast?

Das kann durchaus sein. Man sagt ja auch, dass sich Illustratoren in gewisser Weise selbst zeichnen. Besonders, wenn man in die Gesichter schaut, könne man darin die Künstler wiedererkennen. Auch der jeweilige Charakter des Zeichnenden soll darin ersichtlich sein. Ein Hauch Humor oder die Ernsthaftigkeit einer Person fließen angeblich automatisch mit ein. Manchmal stimmt das tatsächlich. Fest steht, dass ich mich bei den anderen Arbeitsbereichen der Büchergilde viel stärker hineindenken musste.

 

Welche der illustrierten Figuren ist dir am besten gelungen?

Die Katze, die unter dem Schreibtisch der Illustratorinsitzt.

 

Und das, obwohl du keine Katze hast?

Nein, wir haben keine Katze. Wir haben einen Vogel. Aber Tiere zu zeichnen macht mir besonderen Spaß.

 

Was illustrierst du sonst so?

Da gibt es einerseits das Spring Magazin. Gemeinsam mit anderen Künstlerinnen gebe ich eine jährliche Anthologie heraus, die verschiedene Arbeiten aus dem Bereich Comic, Illustration und Zeichnungen versammelt. Andererseits gestalte ich auch mal Motive für T-Shirts, Editorials für Die Zeit oder Brand eins. Das Thema Online-Dating habe ich beispielsweise für die GEOWissen illustriert. So kommt eine vielseitige, bunte Mischung zusammen.

 

Wenn sie nicht Illustratorin geworden wäre, wäre sie heute Leistungssportlerin. Carolin Löbbert wurde 1981 in der Nähe von Münster geboren. Seit ihrem Studium lebt sie in Hamburg. Zu ihren Hobbys zählen Basketball, Yoga und, bedingt durch ihre Tochter Meret, seit Kurzem auch, „mit Freunden auf Spielplätzen rumhängen“. Zuletzt las sie Hardboiled Wonderland und Das Ende der Welt von Haruki Murakami. Seit zwei Jahren arbeitet sie als freie Illustratorin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

 

Am 1. Juli 2017 feiern wir den internationalen Tag der Genossenschaften. Feiern Sie mit!

Am ersten Samstag im Juli wird auf die besondere Gemeinschaftsform der Genossenschaft aufmerksam gemacht. Genossenschaften ermöglichen finanzielle und damit auch inhaltliche Unabhängigkeit in den verschiedensten wirtschaftlichen und kulturellen Bereichen unserer Gesellschaft. Wir sind stolz darauf, dass die Büchergilde Gutenberg seit 2015 auch Teil dieser Bewegungist. Seien Sie gemeinsam mit uns unabhängig. Informieren Sie sich am 1. Juli bei unseren PartnerbuchhändlerInnen und holen Sie sich vor Ort Ihr Präsent* und den von Carlin Löbbert gestalteten Flyer zu diesem Anlass ab.

Wir freuen uns auf Sie.

 

EIN STÜCK VERLAGSGENOSSENSCHAFTERWERBEN, EIN STÜCK BUCHKULTUR ERHALTEN

Sie interessieren sich für den Erhalt der Buchkultur und wollen die Büchergilde-Buchgemeinschaft mitprägen und weiterentwickeln? Werden Sie Teil der Büchergilde Verlagsgenossenschaft!

Ein Genossenschaftsanteil kostet € 500,–. Der Betrag kann in einer Summe oder in 20 Monatsraten à € 25,– bezahlt werden. Jedes Mitglied hat eine Stimme bei der Generalversammlung. Die Satzung und das Beitrittsformular schicken wir Ihnen auf Anfrage gerne zu.

Mehr über die Büchergilde Gutenberg Verlagsgenossenschaft erfahren Sie hier: www.buechergilde.de/genossenschaft.