Vom Mitmachen und Zusammenkommen: Gute Gründe, Genossin zu werden

Gisela Abts und Jürgen F. Bollmann erzählen, warum die Büchergilde Verlagsgenossenschaft eine Möglichkeit bietet, sich zu beteiligen und Gleichgesinnte zu treffen, und davon, welche Büchergilde-Ausgaben ihnen besonders gut in Erinnerung geblieben sind.

Von Patricia Spies

GISELA ABTS

Foto: Martin Mascheski

MAINZ

Die Liebe zu schönen Büchern wurde ihr bereits in die Wiege gelegt: Gisela Abts ist schon lange Mitglied und nun auch Genossin der Büchergilde und schwärmt mit großer Freude von politischen Sachbüchern. Die Genossenschaft ist für Frau Abts eine aktuelle Form der gesellschaftlichen Beteiligung, die gern wieder mehr an Bedeutung gewinnen dürfte.

Seit 1981 sind Sie Mitglied der Büchergilde Gutenberg Literaturgemeinschaft.
Ach, ich wusste gar nicht genau, wie lange schon.

Erinnern Sie sich vielleicht noch an das erste Buch, das Sie bestellt haben?
Das weiß ich gar nicht mehr, denn früher habe ich einfach die Bücher gekauft, ohne Mitglied zu sein. Ich bin immer hier in Mainz in den sehr schönen Buchladen gegangen, damals noch betrieben von einem Ehepaar – total tolle Buchhändler –, und irgendwann haben die zwei gesagt: „Frau Abts, Sie kaufen immer die Büchergilde-Bücher. Warum werden Sie nicht einfach Mitglied?“ Und dann habe ich wiederum gesagt, „Oh, ich war mal als junges Mädchen bei Bertelsmann, und die schickten immer irgendwelche Bücher, die ich gar nicht wollte. Ich musste oft etwas zurückschicken und fand das so ätzend.“ Darauf die Buchhändlerin: „Das machen wir nicht, wenn Sie sich selbst eins aussuchen, dann schicken wir Ihnen auch nicht irgendeins zu.“ Dann habe ich gedacht: „Ach, super!“ Ausschlaggebender Grund war aber auch, dass ich so gerne schöne Bücher um mich habe.


Wofür steht die Büchergilde Gutenberg Ihrer Meinung nach?
Für mich ist das vor allem die Qualität der Literatur und die ausgesprochen schön gestalteten Bücher mit ihrer guten Ausstattung. Meine Mutter war früher im Verband der Bücherfreunde, und die haben auch sehr hochwertige Bücher herausgegeben. Schon als Kind habe ich es toll gefunden, hübsche Bücher in die Hand zu nehmen. Auch weil ich immer denke, dass es ein Stück Familiengeschichte ist – diese Liebe zu schönen Büchern. Meine Mutter hat immer großen Wert darauf gelegt, und bei meiner ersten Enkeltochter ist es genauso. Früher war es das Größte für sie, sich mein 26-bändiges Meyers Lexikon von 1906 anzusehen, mit all den tollen Bildern darin. Da hieß es immer: „Oma, kann ich wieder das Lexikon lesen?“


Als die Büchergilde Gutenberg Verlagsgenossenschaft 2014 gegründet wurde, haben Sie nicht lang gezögert und als eine der Ersten einen Anteil gezeichnet. Was hat Sie dazu bewogen, Genossin zu werden?
Ich halte Genossenschaften für eine gute Form, Menschen zu beteiligen, sie dazu zu bewegen, sich für etwas einzusetzen. Außerdem ist es für mich ein politisches Statement. Der Verlagsgenossenschaft bin ich beigetreten, weil ich einfach begeistert bin von der Büchergilde. Ich bin ihr ja auch schon lange verbunden.

Glauben Sie, dass die Genossenschaft eine unserer Zeit angemessene gesellschaftliche Form ist?
Na klar! Die Genossenschaftsbewegung hat in den 1920er-Jahren sehr zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen beigetragen, gerade auch für die nicht so Privilegierten.

Was könnte bei unserer Genossenschaft noch verbessert werden?
Ich bin zufrieden, und kleine Anfangsschwierigkeiten gehören bei Neugründungen ja dazu. Zum Beispiel mussten juristische Feinheiten noch geklärt werden. Einen Vorschlag, den ich gern machen würde, gäbe es allerdings: Vielleicht könnte man wieder verstärkt Büchertische für Gewerkschaften und auf Parteitagen anbieten. Das war früher gang und gäbe.

Wo kaufen Sie Ihre Büchergilde-Bücher?
Auf jeden Fall in der Mainzer Buchhandlung Erlesenes & Büchergilde. Und dort bestelle ich auch alle anderen Bücher. Gern möchte ich den unabhängigen Buchhandel unterstützen, weil es mir wichtig ist, dass es noch schöne Buchläden gibt, wenn meine Enkeltöchter mal erwachsen sind. Zudem gestaltet Frau Müller den Laden immer so schön, und es gibt viele Kleinigkeiten, die sich hervorragend als Geschenk eignen. Noch dazu finden dort regelmäßig nette Veranstaltungen statt.

Was ist Ihr aktuelles Lieblingsbuch?
Was mich sehr bewegt hat, war Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen. So eine exzellente und eindrucksvolle Beschreibung der aktuellen Situation in unserem Land. Das ist ein wirklich großartiges Buch. Da fällt mir ein: Mein erstes Buch von der Büchergilde war wahrscheinlich Anna Seghers’ Das siebte Kreuz. Darin waren herrliche Holzschnitte von Masereel. Ich habe das verliehen, nicht wiederbekommen und trauere diesem Buch noch immer hinterher. Ich habe es zwar auch noch in einer anderen Ausgabe, aber die von der Büchergilde war viel schöner.

Gisela Abts wurde am 5. März 1945 in Bad Gandersheim in Niedersachsen geboren. Sie wuchs in Norddeutschland auf und ging mit ihrem Mann 1968 nach Mainz. Frau Abts absolvierte eine Ausbildung und arbeitete als Physiotherapeutin. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter pausierte sie zwar, wollte aber nicht nur Mutter und Hausfrau bleiben. Heute ist sie Managementtrainerin und coacht Frauen in Führungspositionen, weil es ihr ein wichtiges Anliegen ist, Frauen in ihrem unabhängigen Tun zu unterstützen.

JÜRGEN F. BOLLMANN

Foto: Martin Mascheski

HAMBURG

In seinem Bücherregal finden sich wohl 5.000 Werke. Jürgen F. Bollmann ist Genosse und langjähriges Mitglied der Büchergilde. Auch aus beruflichen Gründen liest er viel, denn er hat – so seine eigenen Worte – den vielseitigsten Beruf, den es gibt: Herr Bollmann ist Pastor. Neben guten Gesprächen ist auch ihm die Unterstützung des unabhängigen Buchhandels wichtig.

Woran denken Sie bei dem Namen Büchergilde Gutenberg?
An gute und gut gemachte Bücher.

Seit wann sind Sie Mitglied der Büchergilde? Und wie kam es dazu?
Seit August 1971 bin ich dabei. Mein Schwiegervater war damals schon lange Vetrauensmann und Mitglied der Büchergilde. Ich selbst stand kurz vor dem Abitur und musste mich auf eine Prüfung über die russische Geschichte vorbereiten, und mein Schwiegervater sagte: „Da gibt’s in der Büchergilde ein gutes Buch.“ Die drei Bände zur Geschichte Russlands von Gitermann waren also meine ersten Werke von der Büchergilde.

Wie schön, dass Sie sich noch an Ihr erstes Büchergilde-Buch erinnern.
Ja, das vergisst man nicht. Gestern erst habe ich mit jemandem gesprochen, der sogar zehn Jahre länger bei der Literaturgemeinschaft ist, und er wusste genau, dass sein erstes Buch Das Totenschiff von B. Traven war. Ein uralter Büchergilde-Titel. Würde man mich fragen, welches Buch die Philosophie der Büchergilde am besten charakterisiert, würde ich immer sagen: diese Traven-Ausgabe.

Was war ausschlaggebend für Ihre Mitgliedschaft in der Genossenschaft?
Ich wollte auf jeden Fall, dass die Büchergilde weiterbesteht. Es war sozusagen ein karitativer Rettungsgedanke, der hinter meiner Anteilszeichnung stand.

Ihr Engagement geht noch über die Genossenschaft hinaus: Sie haben zwischenzeitlich auch als Vertrauensmann Mitglieder betreut.
Ja, das ist aber schon sehr lange her. Also als Vertrauensmann hat man einmal im Quartal Kontakt zu den Mitgliedern, die man betreut. Man erinnert die Mitglieder daran, regelmäßig Bücher zu kaufen, und gleichzeitig berät man sie bei ihrer Buchauswahl. In meinem Fall waren es etwas ältere Mitglieder, mit denen ich dann meist zwei Stunden zusammensaß und über Gott und die Welt gesprochen habe.

Könnten wir dieses Vertrauensprinzip in die Gegenwart übertragen?
Ich schätze immer noch sehr, dass die Büchergilde eine Institution ist, die die Arbeiterbildung wirklich umgesetzt hat. Doch die Zeiten ändern sich. Ich weiß nicht, ob das heute noch ginge. Wichtig ist, dass es Orte gibt, wo die Büchergilde-Familie zusammenkommen kann. Das Genossenschafts-Treffen in der Büchergilde Buchhandlung und Galerie in Hamburg war ein guter Anfang.

Wie könnte die Genossenschaft noch verbessert werden?
Ich weiß da noch recht wenig, war auch noch bei keiner der Generalversammlungen. Ich freue mich aber, dass viele Genossen Anteile gezeichnet haben und somit der Kapitalstock groß genug ist, um die Zukunft der Büchergilde zunächst zu sichern. Außerdem ist es wichtig, dass man als Genosse von den anderen weiß und dadurch die Bestätigung erfährt: „Ich bin nicht alleine mit meinem Engagement, sondern da sind noch tausend andere, die vielleicht den gleichen Zugang haben.“ Und wenn man sich über dieses ideelle Zusammengehörigkeitsgefühl hinaus persönlich trifft, finde ich das gut.

Welches Buch haben Sie zuletzt besonders gern gelesen?
Das ist recht schwierig bei mir, ich habe ziemlich viele Bücher zu Hause. Vor Kurzem bin ich auf den König David Bericht von Stefan Heym gekommen. Das Buch habe ich sicherlich seit vierzig Jahren im Regal stehen, aber nie reingesehen. Das ist so ein Fischer-Taschenbuch, also – wie nennt man das? – reine Druckerschwärze.

Eine typische Bleiwüste?
Genau. Das ist kein besonders schönes Buch. Aber ich habe mich durchgekämpft und es mit großem Erstaunen und Gewinn gelesen. Es ist beeindruckend, was Stefan Heym damals Mitte der Siebzigerjahre in der DDR an Kritik am diktatorischen Regime untergebracht hat. Er hat ein Buch über die biblische Figur des Königs David geschrieben. Die Bibel diente ihm dabei zwar als Grundlage, aber es gibt viele politische Bezüge zur Geschichte der DDR.

Und wo kaufen Sie Ihre Büchergilde-Titel?
Im Prinzip habe ich zwei Orte zum Bücherkauf. Einerseits möchte ich die lokalen Geschäfte fördern: Ich wohne in Hamburg-Harburg, und da gibt es eine kleine Buchhandlung, die sich selbstständig gemacht hat. Ein großer Verlag besaß diese Buchhandlung in Harburg und wollte sie schließen. Da sagten die Mitarbeiter: „Dann übernehmen halt wir.“ Man kann das fast ein wenig mit der Geschichte der Büchergilde vergleichen. Und diese Unabhängigkeit möchte ich gern unterstützen. Jedes Buch, das ich so lese und das nicht im Büchergilde-Katalog steht, kaufe ich dort in Harburg. Den Rest kaufe ich bei der Büchergilde, und dann gehe ich auch hier in die Partnerbuchhandlung in der Innenstadt, online bestelle ich nicht.

Jürgen F. Bollmann ist schon immer Hamburger, um genau zu sein seit dem 21. September 1947. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann wurde er nach einigen Umwegen zum passionierten Pastor. Ehrenamtlich engagiert er sich unter anderem als Präsident der Deutschen Seemannsmission.