EDITION ZEITKRITIK | BAND 4

 


Generation Beleidigt.
Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei

 

 

In der Edition Zeitkritik liefert Generation Beleidigt eine scharfe Kritik identitätspolitischer Auswüchse.

 


 

 

 

 

Die französische Autorin und Filmemacherin Caroline Fourest liefert mit Generation Beleidigt eine schnörkellose Kritik an den Auswüchsen linker Identitätspolitik. Für sie gilt: Die Energie, die in diese Diskurse läuft, sollte sich eher gegen eine erstarkende Rechte richten.

 

Herausgeberin Karin Hutflötz im Gespräch mit Caroline Fourest

zu ihrer Streitschrift Generation Beleidigt

Inwiefern erhoffen Sie sich von der europaweit starken Rezeption Ihres Buches einen Zugewinn an politischem Dialog und Redefreiheit, deren Schwinden Sie ja eindrucksvoll beklagen?

Die starke Resonanz des Buches in ganz Europa ist der Beweis, dass wir uns alle diese Fragen stellen. Wie ist es möglich, die Gleichberechtigung voranzutreiben, ohne die Freiheiten, insbesondere die Meinungs- und Schöpfungsfreiheit, mit Füßen zu treten? Ist die kulturelle Inspiration eine Ehre oder eine Plünderung? Sollten Universitäten und Bibliotheken von klassischen Werken gesäubert werden, weil sie die Vorurteile ihrer Zeit vermitteln? Soll es einer Malerin verboten werden, antirassistische Bilder zu malen, weil sie weiß ist? Die Generationen verständigen sich bei diesen Themen nicht mehr. Indem ich jedem die Hilfsmittel gebe, um zu verstehen, was in dieser Debatte auf dem Spiel steht, hoffe ich, die „Kultur der Annullierung“ durch einen echten und konstruktiven Dialog zu ersetzen: „Ich stimme nicht mit dir überein, du beleidigst mich, also zensiere ich dich.“

Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Buches, die große Resonanz darauf in Deutschland, obwohl die politische Lage und die Ausrichtung von Links und Rechts historisch und sozial eine andere ist als in Frankreich oder den USA?

Es geht nicht nur um eine einfache Links-Rechts-Debatte, sondern eine viel tiefere und generationenübergreifende Kluft. Ich selbst komme von der linken Seite und dem Kampf gegen Diskriminierung. Ich habe für die Ehe für alle gekämpft und wurde für meine Engagements von homophoben Neonazis auf der Straße zusammengeschlagen. Der Kampf für Gleichberechtigung ist einer meiner Kompasse. Ich bin aber auch eine Journalistin, eine ehemalige Mitarbeiterin von Charlie Hebdo, eine Filmregisseurin, und deshalb extrem an die Meinungs- und Schöpfungsfreiheit gebunden. Dieser Knotenpunkt erlaubt es mir, die Exzesse zu beobachten, die die Freiheiten im Namen der Gleichheit besiegen, um eine Klärung vorzuschlagen, die meiner Meinung nach ausgewogen ist.

 

 

"Im Mai 1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten. Die neue Generation denkt nur daran, zu zensieren, was sie kränkt oder "beleidigt"."

Aus: Generation Beleidigt

 

 

Was ist politisch und gesellschaftlich nötig, um der linksidentitären Zensur und Identitätspolitik entgegenzutreten? Und gezielt für eine plurale wie offene Gesellschaft und Streitkultur einzutreten auf der Basis universaler Freiheitsrechte?

Zunächst aufzuhören, den Vorwurf des Rassismus oder Sexismus zu banalisieren. Ihn für wirklich hasserfüllte oder problematische Handlungen oder Worte zu reservieren. Natürlich hat nicht jeder die gleiche Sensibilität. Ziel des Buches ist es, zumindest eine Form der Klärung zu erreichen, damit der erste Reflex nicht darin besteht, den anderen zu zensieren, und besser zu unterscheiden, was in den Bereich der Meinungsfreiheit fällt und was tatsächlich eine Anstiftung zum Hass ist. Das ist alles andere als selbstverständlich, vor allem, wenn es um das Thema der von der neuen Generation zunehmend angeprangerten „Mikro-Schikanen“ geht. Sie haben Recht, nichts durchgehen zu lassen und auf eine ungeschickte Bemerkung nicht so zu reagieren, als wäre es eine ernsthafte Diskriminierung. Die Wahrung von Absicht und Verhältnismäßigkeit bedeutet, dass der Vorwurf des Rassismus oder der Frauenfeindlichkeit nicht missbraucht wird. Anstatt diesen Vorwurf zu bagatellisieren oder sogar zu verzerren, indem man mit ihm um sich wirft.

In welchem Maß wird Ihr Buch auch von der Gruppe der Linksidentitären gelesen, oder wird es von dem Teil der Gesellschaft gefeiert, für den linksintellektuelle Kreise immer schon suspekt waren?

In Frankreich wurde das Buch sowohl von der universalistischen Linken als auch von der republikanischen Rechten sehr gut aufgenommen. Es hat sogar zu gemeinsamen Debatten geführt. Marxistische Aktivisten benutzen es auch, um zu versuchen, die Ideen jüngerer Aktivisten zu klären, die von der identitären Linken verführt werden. Vor allem aber habe ich viele linke Eltern getroffen, die mir erzählen, dass sie ihren Kindern das Buch angeboten haben und sich bedanken: „Meine Tochter und ich haben uns früher ständig gestritten. Eines Tages habe ich Ihr Buch auf ihr Bett gelegt. Sie hat es gelesen, es hat ihr gefallen, und seitdem können wir uns besser verstehen!“

Haben Sie nicht befürchtet, dass Ihre Abrechnung mit der identitären Linken politisch Wasser auf die Mühlen der (nicht minder identitär agierenden) Rechten und reaktionären Kräfte ist?

Es ist ein Risiko, das ich immer im Hinterkopf habe. Aber es sind die Exzesse der identitären Linken, die die identitären Rechten nähren, weniger deren Anprangerung ... Mein Buch ist sehr eindeutig: Es geht nicht darum, die „guten alten Zeiten“ zu bedauern, als wir uns auf Immigranten austoben und Frauen an den Hintern fassen konnten! Von Rückschritt kann keine Rede sein! Im Gegenteil, es geht darum, sich weiterzuentwickeln, aber nicht darum, sich den Missbrauchsversuchen und der Zensur von allem, was uns beleidigt, hinzugeben. Angesichts der Exzesse, darunter von der Bewegung „Woke“, bin ich überzeugt, dass diese Klärung vom Antirassismus und Feminismus ausgehen muss. Um sich nicht zu solchen Exzessen hinreißen zu lassen. Vor allem, um diese Kritik nicht den reaktionären und trumpistischen Kräften zu überlassen. Andernfalls werden sich diejenigen, die zu Recht über diese Exzesse schockiert sind, ihnen in die Arme werfen.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Fourest!

 

 

Wir danken Yves Provensal für die Übersetzung.