BÜCHERGILDE INTERVIEW

 

 

"Wut ist politisch, Wut ist ein Privileg, Wut ist Power"

 

Furiositäten. Ein Comic über weibliche Wut ist der Titel einer neuen Graphic Novel von Anna Geselle, die nun exklusiv im Programm der Büchergilde erschienen ist.

Im Interview mit Isabella Caldart spricht Anna Geselle, die nicht nur Illustratorin ist, sondern auch als Digital Coach für Frauen in einer Bildungseinrichtung arbeitet, über weibliche Wut. Aber was ist das überhaupt?

"Tennisspielerin Serena Williams’ öffentlich gezeigte Frustrationen unterlagen vollkommen anderen Bewertungskriterien als bei John McEnroe, der mit ähnlichen wütenden Reaktionen Kultstatus erlangt hat."

Anna Geselle

 

Im Klappentext deines Comics Furiositäten fragst du: „Warum hat Wut allgemein so einen schlechten Ruf? Warum ist eine Frau hysterisch, ein Mann durchsetzungsstark? Wann sprechen wir überhaupt von Wut, wann von Zorn?“ Ich frage zurück: Was bedeutet „weibliche Wut“ für dich?

 

Diese Fragen stelle ich mir eingangs und habe dann versucht aufzuarbeiten, was weibliche Wut überhaupt ist. Ich kam zu dem Schluss, dass Wut etwas ist, das von der Gesellschaft sehr unterdrückt wird und dort nicht gewollt ist, was einer Zensur untersteht. Diese Fragen haben mich interessiert, vor allem: Warum kommt weibliche Wut in der Welt so wenig vor, wieso ist sie so wenig sichtbar?

 

 

Kannst du noch ein bisschen genauer erzählen, was dich daran interessiert?

 

Furiositäten ist meine Masterarbeit im Fachbereich Gestaltung: Illustration, Werbung und Editorial. Im Rahmen dieser Abschlussarbeit wollte ich ein Recherchecomic umsetzen, also das Medium Comic für ein journalistisch aufgearbeitetes Thema verwenden. Ich hatte mich zuletzt sehr viel mit feministischen Inhalten auseinandergesetzt. Ich wollte aber nicht einfach die Überschrift „feministisches Comic“ haben, sondern sah mein Thema als ein Vehikel – die unterdrückte weibliche Wut als Symptom von patriarchalen Strukturen. Das hätte auch eine andere klischeebehaftete Emotion sein können, aber ich habe mich für die Wut entschieden, weil es so ein Spannungsfeld gibt. Das hat auch persönliche Gründe: Mein Papa war immer relativ aufbrausend und leicht reizbar, was bei uns recht viel Platz eingenommen hat. Mir hat das die Botschaft gesendet: Wut zeigen ist okay, man wird danach immer noch gerne gehabt. Entsprechend hatte ich in meiner Kindheit einen guten Zugang zur Wut, wurde erst als Erwachsene gehemmt, genauso wie viele andere weiblich gelesene Personen. An das Comic bin ich auch mit der Fragestellung gegangen, wieso das so ist.

Anna Geselle © Privat
Anna Geselle © Privat

 

„Wut ist politisch, Wut ist ein Privileg, Wut ist Power“, heißt es am Anfang deines Comics. Kannst du das ein wenig erläutern?

 

Wut war für viele politische Strömungen der Initialzünder, sie kann ein demokratisches Werkzeug, der Auslöser für Umbrüche sein. Das stammt nicht von mir, das sagen viele WegbereiterInnen wie Audre Lorde. Wut ist Energie, Wut ermächtigt und treibt Veränderungen voran, ob etwa in der Französischen Revolution, die teilweise auch von Frauen begleitet wurde, oder die Suffragetten, die auf die Straße gegangen sind und ihr Wahlrecht eingefordert haben. Von daher wäre es ein Fehler, sie zu ignorieren. Ich wollte also einen Einstieg ins Buch haben, der Wut positiv zeigt, um zu helfen, die eigene Wut anzuerkennen, denn sie ist ein Instrument, das man nutzen sollte.

 

 

 

Die begleitenden Texte sind oft ironisch. Warum war dir ein humorvoller Zugang zu dem Thema wichtig?

 

Das Comic ist oft ein lustiges Medium, und das kann auch ein Weg sein, um Wut anders zu betrachten. Es ist außerdem ein etwas leichterer Einstieg ins Thema, weil auch schwere Inhalte angeschnitten werden wie Unterdrückung und Diskriminierung, und diese niedrigschwellig transportiert werden.

 

 

Du fängst deine Graphic Novel mit Frankenstein-Autorin Mary Shelley an …

 

Das ist ein kleiner roter Faden, der sich auf der Subebene durch das Comic zieht: Mary Shelley und Frankenstein beziehungsweise Frankensteins Frau, die auch später in Furiositäten noch mal erwähnt werden. Ich fand ihre Geschichte interessant, weil ihr nicht nur ihre Wut, sondern auch ihre Autorinnenschaft abgesprochen wurde. Deswegen ist das ein guter Aufmacher, denn es wurde Frauen oft ein Recht aberkannt, und die daraus resultierende Wut wurde wiederum abgetan, pathologisiert oder in einer Form zensiert. Ich gehe darauf ein, inwiefern es patriarchale regulative Mittel gab, wie zum Beispiel Frauen, die mit dem Etikett „Hysterie“ eine Pathologisierung erfahren haben, um sie, die berechtigt wütend waren, zu reglementieren oder in ihrer Wut zu beschneiden.

In Furiositäten kommen sehr viele historisch oder popkulturell wichtige Frauen vor, unter anderem Rosa Parks, Athene, die Rapperin Lizzo, Sigrid Rüger und Britney Spears. Hat dich eine Geschichte besonders überrascht oder beeindruckt?

 

Mich beeindrucken generell Frauen, die in einer Zeit wütend wurden, in der man es sogar noch weniger durfte, es viel mehr Gegenwind gab. Heute ist das natürlich auch noch so, aber gerade die Geschichten von Xanthippe, der Frau von Sokrates, und natürlich Rosa Parks, die nicht nur mit sozialem Druck und Unbeliebtheit zu rechnen hatten, sondern ihre Wut teilweise unter Lebensgefahr geäußert haben, interessieren mich. Das ist total imponierend und beweist, wie wichtig es ist, dass man Wut zeigen darf.

 

 

Außerdem erläuterst du verschiedene Wuttheorien im Laufe der Jahrtausende, von Seneca über Darwin bis Freud und hin zu Werbespots aus den 1960er-Jahren. Wie bist du bei der Recherche vorgegangen?

 

Meine Recherche war total querbeet, ich habe Bücher von den Philosophen der Antike bis zu PsychologInnen und SoziologInnen von heute gelesen. Ich habe wirklich sehr viel recherchiert, nicht nur gelesen, sondern auch Podcasts gehört, Dokus gesehen und Filme geschaut, in denen das Rachemotiv eine Rolle spielt. Da kommt man vom Hundertsten ins Tausendste. Ich hätte das Thema noch viel breiter aufmachen können. Spannende Anekdoten gibt es viele, vor allem, wie bestimmte Ereignisse in der Öffentlichkeit rezipiert und diskutiert werden und wurden und einem einige Dinge selbst nicht auffallen. Zum Beispiel im Sport: Tennisspielerin Serena Williams’ öffentlich gezeigte Frustrationen unterlagen vollkommen anderen Bewertungskriterien als bei John McEnroe, der mit ähnlichen wütenden Reaktionen Kultstatus erlangt hat, Werbeverträge bekam. Mich hat überrascht, dass so was immer noch passiert. Natürlich spielt dabei auch Rassismus eine große Rolle; das habe ich angerissen, aber man könnte wegen dieser Mehrfachdiskriminierung noch mal einen ganz eigenen Comic machen.

Um mal vom Inhalt wegzugehen und über die Illustrationen zu sprechen: Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

 

Das ist eine schwierige Frage, weil ich als Illustratorin und Comicautorin meinen Stil dem jeweiligen Projekt anpasse. Ich würde ihn als bunt und laut beschreiben, alles andere als zurückhaltend. In diesem Comic habe ich sehr mit Konturen und Komplementärfarben gearbeitet. Der Strich sollte ein wütender sein, ein schüchterner Bleistiftstrich hätte nicht gut gepasst. Der Strich ist stärker betont, die Farben grell. Ein bisschen habe ich das auch angelehnt an den collagierten Look der Zines aus der Riot-Grrrl-Szene.

Du hast es schon angeschnitten: Welche Vorteile hat das Medium Comic denn?

 

Ich finde, es erlaubt Menschen, die sich sonst nicht an bestimmte Themen herantrauen würden, die nicht so gerne dicke Klopper durchforsten, einen niedrigschwelligen Einstieg. Gerade weil ich zur Wut monatelang recherchiert hatte, konnte ich es in diesem Medium gut runterbrechen, eine Übersicht auf einer unterhaltsameren Ebene bieten. Das macht es verdaulicher. Natürlich besteht die Gefahr, dass man bestimmte Themen dadurch verharmlost, aber ich denke, dass die Metaebene im Comic klar ist, dass es nicht nur witzig ist, sondern ernste Inhalte transportiert. Das kann man durchblättern und einen guten Überblick gewinnen und dank dieses episodenartigen Erzählens eintauchen und wieder rausgehen. Dadurch bringt es das Thema auf anschauliche Weise einem breiten Publikum näher, womit das Medium seinen Zweck erfüllt.

 

 

Und welche Themen behandelst du in deinen Arbeiten sonst? Was steht als Nächstes bei dir an?

 

Da bin ich noch in der Findungsphase. Ich habe gerade mit einem Projekt angefangen, das komplett anders als Furiositäten ist. Darin beschäftige ich mich auf persönlicher Ebene mit dem Sterben, nachdem ich meine Tante bei ihrem Sterbeprozess begleitet habe. Es ist die Aufarbeitung meiner Beziehung zu ihr und ihres letzten Weges, in Erzählrhythmus und -art ganz anders als Furiositäten. Und sonst mag ich kleine humoristische Geschichten total gerne, Alltagssituationen, skurrile Zusammenstöße, alles, was mit Zwischenmenschlichem zu tun hat und das ich in kleinen Comics erzähle.

 

 

Die Fragen stellte Isabella Caldart.