Internationale Literatur


Elena Ferrante

Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

 

 

Erwachsensein für Anfänger

Von Sophie Weigand

 

 

Elena Ferrante ist seit ihrer Neapolitanischen Saga eine der bekanntesten italienischen Autorinnen. In Das lügenhafte Leben der Erwachsenen erzählt sie eindringlich vom jugendlichen Kampf um Ablösung von den Eltern und der Macht sozialer Prägung.

 

 

'Vielleicht wäre alles unkomplizierter, wenn man die Wahrheit sagen würde.' Bekümmert sagte sie: 'Die Wahrheit ist nicht so einfach, wenn du groß bist, wirst du das verstehen, dafür genügen Romane nicht. Tust du mir nun diesen Gefallen?'

Aus: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen


Für die 13-jährige Giovanna ist die Liebe ihrer Eltern ein Halt, den sie nicht infrage stellen muss. Sie wächst in behüteten Verhältnissen auf und besucht das Gymnasium. Vater und Mutter, so glaubt Giovanna, kreisen auf einer Umlaufbahn vor allem um sie, ein von ihr unabhängiges Leben der beiden kann sie sich nur schwer vorstellen. Bis sie ihren Vater eines Tages sagen hört: Sie kommt nun ganz nach Vittoria. Tante Vittoria hat es innerhalb der Familie von einer bloßen Angehörigen zum geflügelten Wort gebracht. Wer unbeherrscht ist, muss aufpassen, dass er nicht zu Vittoria wird. Die vermeintlich gescheiterte Tante, die als Putzkraft arbeitet und in einem ärmlichen Viertel Neapels lebt, fungiert als Erziehungsmaßnahme: Vittoria ist die personifizierte Erinnerung an die ärmliche Herkunft, das Leben abseits bürgerlicher Konventionen. Giovanna weiß nichts davon, aber in ihr wächst die Neugier, Tante Vittoria kennenzulernen. Giovannas Eltern erlauben ihr den Besuch, und sie muss feststellen, dass ihre Tante zwar vulgär und ungestüm, aber keineswegs unsympathisch ist. Während im Elternhaus alles sehr beherrscht zugeht, hält Vittoria nichts von Höflichkeitsfloskeln, ihr Vokabular ist derb, sie selbst sprunghaft – das fasziniert Giovanna. Für sie wird das Treffen eine Reihe von Ereignissen anstoßen, die sie in „das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ einführen.

Elena Ferrante beschreibt in ihrem neuen Roman Das lügenhafte Leben der Erwachsenen das Erwachsenwerden nicht nur als Reifungsprozess, sondern auch als Desillusionierung. Die kindliche Überzeugung, dass die eigenen Eltern unfehlbare, aufopferungsvolle Wesen seien, die sich vor allem in Relation zu ihrem bedürftigen Kind denken, bekommt Risse. Als wäre ein Vorhang gefallen, erkennt Giovanna plötzlich die zahllosen kleinen und großen Lügen, deren sich die Erwachsenen bedienen, um etwa Konflikten aus dem Weg zu gehen.


Ferrantes Roman thematisiert aber auch die soziale Herkunft und damit verbundene Prägungen. Zwar ist Giovannas Vater selbst in den ärmlichen Vierteln Neapels aufgewachsen, will aber, obwohl er kommu nistische Ideen diskutiert, von diesen Verhältnissen nichts mehr wissen. Seine Bildung und sein geschliffenes Italienisch dienen ihm als Mittel der Distinktion, unliebsamen Verwandten, aber auch Frauen – etwa Giovannas Schulleiterin – gegenüber. Wenn Vittoria spricht, dann in breitem neapolitanischem Dialekt. Giovanna steht derweil zwischen den Stühlen: zwischen der Jugend und dem Erwachsensein, zwischen dem bildungsbeflissenen Haushalt ihrer Eltern und dem impulsiven, religiös geprägten Haushalt ihrer Tante, von dem insbesondere der Vater sich abzugrenzen versucht. Sie probiert sich aus, schlüpft in verschiedene Rollen und entdeckt ihre Sexualität.

Zwei Jahre bevor mein Vater von zu Hause wegging, sagte er zu meiner Mutter, ich sei sehr hässlich.

Aus: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Das lügenhafte Leben der Erwachsenen ist ein gelungener Coming-of-Age-Roman, schmerzhaft nah an seiner Hauptfigur und mit einem klaren Blick auf die Bedingungen nicht nur des Erwachsenwerdens, sondern auch des Frauseins – unbedingt lesenswert!