Hin zu einer offenen Gesellschaft

Die Reihe Edition Zeitkritik erfährt einen Relaunch: Mit jungen, engagierten Stimmen mischen sich die zukünftigen Beiträge der Reihe in gesellschaftliche Diskussionen ein und beziehen deutlich Position. Die neue Herausgeberin Karin Hutflötz und Büchergilde-Programmleiterin Corinna Huffman sprechen über die Neuausrichtung.

 

Die Fragen stellte Marlen Heislitz.

Corinna Huffman (links), Leiterin des Lektorats der Büchergilde, im Gespräch mit Karin Hutflötz, Herausgeberin der neuen "Edition Zeitkritik"

Frau Dr. Hutflötz, gehen wir dem Namen der Edition doch einmal auf den Grund: Zeitkritik – was heißt das heute?


KH: Zeitkritik heißt, die zentral verhandelten Fragen einer Zeit aufzunehmen und an den derzeit gängigen und scheinbar selbstverständlichen Antworten denkscharf und fundiert Kritik zu üben. „Kritik“ heißt hier aber nicht Verriss und Diffamierung, sondern der Wortherkunft nach: unterscheiden zu können, mit differenzierten Nachfragen und genauem Blick. Auf diese Weise versucht die Edition Zeitkritik neue Denk- und Deutungsperspektiven zu eröffnen, mit dem Ziel, den LeserInnen Mut zu machen, sich selbst die heute mehr denn je offenen Fragen gemeinsamer Weltgestaltung neu zu stellen: Wie wollen wir leben? Wie können wir zusammenleben?

 

Die Edition Zeitkritik  in ihrer bisherigen Form versammelte etablierte AutorInnen, erschienen sind darin Schriften von Max Weber, Hannah Arendt oder Carolin Emcke. Mit dem Neustart der Reihe sollen nun Perspektiven junger Stimmen veröffentlicht werden. Warum dieser Relaunch?


CH: Die Idee ist aus der Beobachtung geboren, dass allzu oft wichtige und aktuelle Themen in der Öffentlichkeit vornehmlich von etablierten Intellektuellen geführt werden. Allzu wenige junge Menschen kommen zu Wort, die ja doch von den Entwicklungen zuallererst betroffen sind. Und es gibt viele engagierte, wort- und meinungsstarke junge Leute, die sich am Diskurs beteiligen wollen, die an hoch brisanten und originellen Themen arbeiten, leidenschaftlich und ohne Scheu vor der Kontroverse. Ihre Perspektiven wollen wir in dieser neuen Form der Edition Zeitkritik unseren Mitgliedern bekannt machen und vielleicht sogar Debatten anregen. Klassische und wichtige Texte werden weiterhin im Büchergilde-Programm zu finden sein, aber diese Reihe gehört jetzt den Erstveröffentlichungen junger Stimmen.

 

KH: Gerade für die Zukunft der Demokratie halte ich es für ganz entscheidend, dass Themen der jungen Generation wie die Problematik der „sozialen Schere“ oder des politischen Auseinanderdriftens der Gesellschaft im Dispositiv des Digitalen viel mehr Raum gewinnen in der gesamtgesellschaftlichen Debatte. Diese werden aber oft abgehoben in intellektuellen Zirkeln und exkludierenden Sprachspielen im Eigentlichkeitsjargon der Experten verhandelt. Benötigt werden daher Räume sowie Praktiken des Zuhören-Könnens und -Wollens.

Aus welchen Bereichen kommen die Autorinnen und Autoren, die Sie für die Edition Zeitkritik auswählen? Welchen Hintergrund haben sie?


KH: Für die Edition Zeitkritik konnten wir meist junge AutorInnen mit einem fachlich und biografisch vielfältigen Hintergrund gewinnen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie BrückenbauerInnen und hybride Figuren in ihrem Fach und in dem Thema sind. Wichtig ist uns einerseits die fachliche Expertise auf dem Gebiet, gleichzeitig eine individuelle Auseinandersetzung mit allgemeinen Fragen in dem Feld, sowie eine je eigene Sprache, ein vertiefter Zugang und die (gesellschafts-)politische Positionierung.

Der erste Band Zuckerbrot und Peitsche von Assya Markova beschäftigt sich mit Integration und dem Begriff der Leitkultur – eine immer wieder aktuelle, dabei aber auch ausladend geführte Debatte. Was steuert diese Publikation Neues zur Thematik bei?


CH: Assya Markova greift das Thema auf ganz unverstellte, authentische Art auf. Sie hat selbst erlebt, was es bedeutet, in Deutschland anzukommen und dem hiesigen Integrationsprozedere – mit allen Vor- und Nachteilen – ausgesetzt zu sein. Mit ihrem gleichzeitig beeindruckenden Wissen um die deutsche Kultur und ihrem philosophisch-distanzierten Blick auf das Offensichtliche führt sie uns gleichzeitig Paradoxien und Absurditäten frappierend vor Augen.

 

KH: So exzessiv das Integrationsthema noch vor wenigen Jahren und heute unterschwellig diskutiert wird, so wenig differenziert ist die Debatte aber bislang geführt worden – z. B. hinsichtlich der Herkunft und Zukunft ihrer Grundbegriffe. Assya Markova analysiert diesen äußerst wandelbaren Begriff und seine jeweilige Umsetzung in Praxis und Politik. Sie bezieht persönlich wie politisch deutlich Position für Pluralität und die realen Möglichkeiten einer offenen Gesellschaft.

 

Welche Themenfelder identifizieren Sie, die aktuell von besonderem Interesse sind – in öffentlichen Diskursen oder im Privaten?


KH: Seit Jahren ist die gewollte und ungewollte Migration und damit die sogenannte Integrationspolitik ein zentrales Thema. Aktuell ist auch der Hype um Künstliche Intelligenz oder der Klimawandel. Die inflationäre Berichterstattung und die vielfältigen Debatten laufen interessanterweise aber parallel zu einer Stagnation im politischen Handeln. Wir müssen uns mit existenziellen Fragen und sozial grundlegenden Minenfeldern der Zeit beschäftigen: Wie gehen wir miteinander um? Was heißt „Zuhören“, und was wäre das Gegenteil einer „Verrohung“ von Sprache? Das spielt derzeit nicht nur eine zentrale Rolle in der globalen Politik (und ihren neuen Demagogen und Diktatoren), sondern auch tagtäglich mit Mobbing und Hate Speech oder der zunehmenden Bedrohung von Kommunalpolitikern zum Beispiel.

 

Zeitkritik bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Politik und Gesellschaft. Welche Rolle nimmt die Zivilgesellschaft hierbei ein bzw. was bedeutet dies für jeden Einzelnen?


KH: Die Zivilgesellschaft ist genau der Bereich, wo die Einzelnen in ihrem Denken und Urteilen am meisten gefragt sind und große Freiheitsräume haben, politisch und gesellschaftlich mitzugestalten. Zivilgesellschaft ist der Ort, wo soziale Transformation ihren Anfang nimmt und innovative Problemlösungen beginnen, wo gewaltloser Protest geübt wird und ziviler Ungehorsam möglich ist – und dann politisch und gesellschaftlich wirkmächtig werden kann. Ein gutes Beispiel dafür ist die „Fridays for Future“-Bewegung, die aktuell das einzige Gegengewicht bildet zur Stagnation des Handelns in Politik und Wirtschaft hinsichtlich der Klimakrise. Oder die sogenannte Flüchtlingskrise, die gerade von der Zivilgesellschaft rasch und lösungsorientiert angenommen und in bemerkenswerter Weise bewältigt wurde. Im Grunde war das praktizierte Zeitkritik, die sich als öffentlicher Vernunftgebrauch versteht: genau das ist die Geisteshaltung einer zivilisierten Gesellschaft.

Herausgeberin Karin Hutflötz. © Henriette Hufgard

In Zeiten der Digitalisierung und einer Beschleunigung der Diskurse – was kann eine Buchreihe unter diesen Umständen leisten? Welchen Anspruch stellen Sie daran?


CH: Wir sehen einen großen Bedarf an Vertiefung der Argumente, an wirklicher Auseinandersetzung mit verschiedenen Positionen. Das können Bücher hervorragend leisten. Fragen aufwerfen, auch provozieren, Stellung beziehen. Und dies ist auch der Anspruch der Reihe: Sie bringt neue Perspektiven von jungen Menschen in aktuelle und wichtige Themen ein und konfrontiert die LeserInnen ebenso mit spannenden Aspekten unserer Gegenwart, die nicht allerorts besprochen werden. Und als Buchgemeinschaft liegt unser Fokus natürlich auf dem gedruckten Buch.

 

KH: Im Gegensatz zum Lesen und Surfen in digitalen Medien verlangsamt das Lesen in einem Buch erst einmal den Blick. Der digital verfügbaren Fülle tendenziell unzusammenhängender Informationen setzt das Lesen eines Essays einen gemeinsamen Fokus und persönliche Positionierung entgegen. Durch den Stil und den je eigenen Gedankengang der Essays kann die LeserIn bestenfalls Mut zum selber Denken und Antworten gewinnen. So gelingt vielleicht zeitweilig der Ausstieg aus dem virtuellen Karussell der Zeit und ihrer vermeintlich beschleunigten Diskurse.

Was kann man tun, um in heutigen Zeiten Überforderung oder Pessimismus nicht dominieren zu lassen?


KH: Ich denke, unsere Zeit gibt nicht weniger, aber auch nicht mehr Anlass zu Überforderung und Pessimismus als frühere Zeiten. Es führt kein Weg vorbei an dem gemeinsamen Finden von Lösungen, an Austausch und Vernetzung, an Kooperation und Vertrauen auf andere. In dem dadurch erst möglichen Entsprechen zu dem jeweiligen Anspruch von Person, Situation und Kontext werden Schritte getan, wird Hoffnung generiert und Zuversicht erfahren. Wenn den Essays unserer Reihe dieser Spagat gelingt, wäre viel gewonnen.

 

 

Erfahren Sie hier mehr über den ersten Band der Reihe zum Thema Migration und Integration: Zuckerbrot und Peitsche von Assya Markova.